Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

III. Tod und Ewigkeit

Mittel höherer Sinnesverwirklichung

Hiermit hätten wir den Gipfel erstiegen, von dem aus die Gesamtheit des Lebens, soweit es erfahrbar ist, im Zusammenhang übersehen werden kann. Hier will ich mich lapidar-kurz, behauptend, ohne nähere Ausführung und Begründung fassen. Gedenken wir der Tagung 1923: Dem raumzeitlichen äußeren ist in der Dimension der reinen Innerlichkeit ein ebenso unendlicher Geisteskosmos eingebaut. Dieser verhält sich zu jenem wie der Sinn zum Ausdruck. In ihm hat das Leben seinen Sinn und Ursprung. Deshalb ist die Frage nach dem Leben identisch mit der anderen nach dem Sinn des Lebens. Deshalb hängt dessen Fülle von der Tiefe der Sinnesverwurzelung ab. Deshalb gibt es Fortschritt nur nach innen zu. Deshalb ist Sinnesverwirklichung das eine praktische Lebensproblem.

Auf dieser Tagung sind wir uns nun über deren grundsätzlichen Weg in hohem Maß ins Klare gekommen. Dieser führt überall, auf allen Ebenen, in allen Dimensionen, durch Werden und Vergehen hindurch, in der Ablösung von Tönen, Akkorden, Motiven und bestimmt begrenzten Melodien. Der Mensch lebt auf allen Ebenen, in allen Dimensionen auf einmal. Er wird und vergeht zugleich als organisches, historisches, geistiges, spirituelles Wesen. Jeder Einzelne gehört unter allen Umständen sowohl in die Ganzheit des äußerlichen, wie den Sinneszusammenhang des Geisteskosmos hinein. Deshalb verkörpert er in seiner Einzigkeit jeden Augenblick zugleich eine kosmische Situation. Deswegen kann man zwischen dem, was er tut, und dem, was ihm widerfährt, grundsätzlich gar nicht und praktisch nur selten scheiden. Er ist ja immer sowohl Ton einer Melodie als einer im Akkord und als Melodie selbst wiederum von einem ihm übergeordneten Ganzen bestimmt. So frei er sei, er muß andererseits sein Schicksal erfüllen. Liegt diesseits seiner Freiheit das Naturfatum, so untersteht er jenseits ihrer einer Macht, deren unbezweifelbaren Tatbestand die Theologie als Übernatur und göttliche Gnade ausdeutet. So kann man Niemanden in seinem Sosein verstehen, wenn man ihn nicht im Zusammenhang des Ganzen sieht. Wohl mag man abstrahieren; vom Standpunkt seiner besonderen Physiologie, seiner Triebe, geschichtlichen Bedeutung, seines inneren Wachstums ist der Mensch gewiß einseitig-richtig zu beurteilen — tatsächlich gehört aber alles unablösbar zusammen, denn der Kosmos entwickelt sich als Ganzes fort.

Es gibt Zeitgeister, Zeitaufgaben, Zeitenschicksale. Wo ruht nun aber der Bedeutungsakzent im Ganzen? Wo er an sich ruht, können wir nicht sagen; hier müssen wir beim Grenzbegriff der Gottheit stehenbleiben. Für die gegebene Praxis aber ist die Antwort klar: der Bedeutungsakzent ruht in jedem gegebenen Fall, in jedem Augenblick, im spirituellen Wesen des einzelnen Menschen, welcher die Frage stellt. Nur wer den ganzen Sinneszusammenhang des Lebens jeweils auf sich bezieht, versteht ihn richtig. Denn im tiefsten Selbst jedes Einzelnen ruht für diesen der einzig mögliche, weil einzig erlebbare Koordinatenmittelpunkt. Dieses Selbst ist ja seinerseits nichts anderes als eben das Zentrum des besonderen melodiehaften Sinneszusammenhangs, den das Menschenleben als solches darstellt. Aber dieser Sinneszusammenhang ist seinerseits dem eines größeren Ganzen eingeordnet: deshalb muß jeder Einzelne, gerade um sich selbst zu leben, dem Ganzen dienen. Es ist ebenso unmöglich, sich aus dem Geisteskosmos herauszulösen, wie aus der Außenwelt. Nur als Glied seiner, richtig eingestellt, kann sich der Mensch selbst verwirklichen. So reicht denn seine eigene Wirklichkeit auf allen Ebenen über seine Person hinaus. Wie er als organisches Wesen seinen Seinsgrund in der Gattung hat und als historisches im geschichtlichen Zusammenhang, so hat er ihn als spirituelles im zeitlosen Sinn seines zeitlich-persönlichen Lebens. Jeder dieser wirklichen Sinneszusammenhänge schließt aber den Tod mit ein. Unter diesen Umständen kann es sich bei allen Zielsetzungen, die der Tod ad absurdum führt, um keine letzten Instanzen handeln. Dann meint der Mensch wesentlich anderes, als diese Ziele, in dem er sie verfolgt. Dann will er letztlich überall nur Steigerung über seine gegebenen Grenzen hinaus. Dies gilt nun nachweislich von jedem übertierischen Menschen, so gering er sei.

Und mit dieser Erkenntnis verschieben sich alle Probleme des zeitlich-empirischen Lebens. Das Leiden ist nicht des Lebens letzte Instanz, wie es denn auch normalerweise nie so empfunden wird — im Gegenteil, Buddhas wahre Feststellung verlangt die entgegengesetzte Deutung als er sie gab: sintemalen Leben Leiden ist, gibt es für Menschen nichts Entsetzlicheres, als Leidensunfähigkeit. Und auf die gleiche Weise löst sich das Problem des Mißerfolges aller Geschichte: diese ist nicht Selbstzweck; darum widerlegt kein schlechtes Ende, sogar kein schlechter Endausgang, ihren Sinn. Und ebenso löst sich das Problem der Tragik: indem die Tragödie der Freiheit zu höchstem Ausdruck verhilft, erhöht sie den Sinn des Lebens. Der Mensch steht als Wesenheit oberhalb des Werdens und Vergehens, durch welches sie sich nur manifestiert. Deshalb ist das Samsara nicht etwa zu verneinen — gerade dieses ist ihm unbedingt gemäß. Er will zutiefst nichts anderes, als dieses leidvolle, bittere, im Höchstfall tragische Leben, ein anderes vertrüge er nicht, weil gerade ein anderes sinnlos wäre. So kann letztlich doch nicht der allein, der über den Augenblick hinaus nicht denkt und jede Leiderfahrung also bald aus Bewußtsein und Erinnerung verdrängt, dieses Leben schön finden: auch der vermag’s, welcher Werden und Vergehen aus solcher Sinnestiefe heraus erlebt, daß er das Vergängliche Mal auf Mal als Ausdruck des Ewigen versteht. Denken Sie jetzt an den Schluß des Eingangsvortrags zurück. Damals sagten wir: nur wer im Grundton der Lebens-Musik sein persönliches Zentrum fand, erlebt jede Überraschung als sinnvoll; und stellten als Tagungsergebnis die Lösung des Rätsels in Aussicht, wie es wohl möglich sei, daß der Mensch, dessen ganzes erfahrbares Wesen zeitlich ist, nur Ewigkeit will, nur Ewigkeit meint, ja letztlich nur Ewiges versteht. Dürfen wir heute nicht sagen: wie sollte es anders sein? Hat uns der verstandene Einklang der Tagungsvorträge nicht die Evidenz, die das letzte Ziel aller Beweise ist, gebracht? Nur vom Zeitlosen (der Melodie) her ist ja das Zeitliche (das Werden und Vergehen der Töne) zu verstehen, dieweil in jenem der Seinsgrund dieses liegt. Dies gilt vom einmalig-Einzigen in der transsubjektiven Reihe genau so wie von den Einzelnen in der objektiven Serie von Nation und Art. Das Ewige bedeutet nun nichts anderes als die letzte Denkinstanz des Zeitlosen. Insofern wir zeitlos sind, müssen wir in ihm unseren Urgrund fühlen. Deshalb behalten Metaphysik und Religion, auch wo Vergänglich-Irdisches in Frage steht, das erste und letzte Wort, weil sie allein das Wesenhafte betreffen …

Doch hier muß ich innehalten. Wem die Erkenntnis, daß Leben zutiefst Sinn und deshalb unsterblich ist, wem die Bestimmung des Zusammenhangs alles Lebens, wie wir sie hier gaben, nicht genügt, der verlangt vom Logos mehr, als er leisten kann. Verstehen ist nicht dasselbe wie Leben. Was das Unsterbliche am Leben eigentlich ist, wieso das, was Verstand nur als Sinn fassen kann, lebendig sei, inwiefern Identitätsgefühl durch wechselnde Iche hindurch beharren kann — wie soll das verdeutlicht werden? Aller Wahrscheinlichkeit nach entspricht dem transsubjektiven Sinneszusammenhang, der letzten geistig faßbaren Lebensrealität, auf jeder seiner Stufen eine bestimmte Erlebniswirklichkeit; wer diese aus Erfahrung kennt, hat freilich das Recht, von ihr zu künden. Mir fehlt persönliche Erfahrung vom Jenseits. So wäre es Anmaßung von mir, über dessen Charakter Positives zu behaupten. Bleibt der Einzelmensch als Monade ewig bestehen oder löst er sich auf? Gerade das christliche Vergottungserlebnis spricht für ein Unstetigkeitsmoment an einem bestimmten Punkt der transsubjektiven Reihe. Wenn der Heilige Geist, in der Jordanstaufe auf Jesus niederfahrend, diesen zum Gottessohne umgeschaffen haben, wenn Gott jeweils aus Menschenmund geredet haben soll; wenn Gott überhaupt, gemäß dem reformierten Grundgedanken, das Subjekt religiösen Erlebens ist, oder wenn Paulus die Vollmacht hatte zu behaupten, nicht er lebe, sondern Gott lebe in ihm, so liegt, wenn wir die Wirklichkeit des Erlebnisses voraussetzen dürfen, die Deutung nahe, daß die Wiedergeburt in allerletzter Instanz durch ein Unstetigkeitsmoment hindurchgeht, so daß ein Subjektwechsel im absoluten Verstande stattfindet. Sicher gehört das einzige freie Subjekt seinerseits in höhere, es bestimmende Zusammenhänge hinein — das Christentum begreift sie unter dem Allgemeinbegriff des Reichs der Gnade; und was nicht letzte Instanz ist, geht letztlich sonst überall in Übergeordnetem auf.

Wie die Dinge tatsächlich liegen — ich weiß es nicht. Nur wer aufrichtig bekennen kann, er habe, wie Christus, das ewige Leben hienieden in sich, oder wie Buddha, er sei ein vollkommen Erwachter, nur ein persönlich Wiedergeborener oder Auferstandener darf hier Behauptungen aufstellen. Soll ich sagen, was ich persönlich für wahrscheinlich halte? Mir scheint ausgeschlossen, daß das Selbstbewußtsein im Tod erlischt. Mir scheint undenkbar, daß der typische Weg der Sinnesverwirklichung durch Werden und Vergehen hindurch mit dem Tode verlassen würde und dann sogleich ein ewiges Leben begönne; deshalb halte ich die Wiederverkörperungslehre als Lehre von der Norm für die wahrscheinlichste. Aber andererseits kann ich mir nicht denken, daß sie ein für alle unvermeidliches Schicksal abgrenzt. Unvermeidlichkeiten beherrschen das Leben im umgekehrten Verhältnis zur erwachten Freiheit. Je mehr ein Wesen selbstleuchtend geworden ist, wie Dahlke nach Buddha die Prädominanz jener gegenüber der Notwendigkeit so schön bestimmt, je mehr dementsprechend die Sinnesverwirklichung vom empirischen Subjekt aus dirigiert wird, desto reichere Möglichkeiten müßte es geben. So mag ein Mensch von der ungeheuren Überlegenheit des Buddha, wenn er so will, tatsächlich verlöschen können. Er erwiese sich damit als der buchstäblich überlebensgroße Exzentrik, dem es gefällt, eben das, was im ganzen Kosmos Erfüllung heißt, für seine Person abzulehnen. In einer unendlichen Welt bestehen gewiß auch in dieser Dimension unendlich viele Möglichkeiten. Unter diesen ist auch die Auferstehung von den Toten im wörtlichen Verstand nicht auszuschließen: wofern der Sinn den Tatbestand schafft, so mag vollkommen erfüllter Sinn — und darum handelt es sich wohl beim Sinnbild des Jüngsten Tags — auch einen ursprünglichen Tatbestand wiederherstellen.

Es ist nicht Aufgabe der Schule der Weisheit, Glauben zu bekennen. Ihre Aufgabe ist einzig, den Weg zur Sinneserfassung und -verwirklichung zu weisen. Sie wendet sich deshalb einzig an den verstehenden oder verstehen wollenden Einzelnen. Sie behandelt einzig die Logos-Ansicht des Lebens, lehrt einzig Tiefer-Verstehen. Leistet sie damit zu wenig? — Sie leistet damit alles, was der Mensch von sich aus überhaupt vermag, auf daß es zur Wiedergeburt käme. Alles andere muß von selbst werden. Im Besonderen aber leistet die Schule der Weisheit, indem sie vollkommen verstehen lehrt, das Eine, was heute nottut. Diese Tagung hat den Sinn der vielen Zusammenhänge, in welche jedes Menschenleben hineingehört, in ihrem Verhältnis zueinander verdeutlicht. Damit hat sie die Grenze möglichen Wissens ins bisherige Bereich des nur-Glaubens um ein nicht Unbeträchtliches hinausgeschoben. Sie hat Implicite den realen Untergrund der Begriffe Natur, Übernatur und Gnade ahnen lassen. Sie hat die reale Bedeutung des christlichen Offenbarungserlebnisses dem Verständnis nähergebracht. Damit hat sie im Besonderen auch gezeigt, inwiefern der Buddhismus nicht auf einer Ebene mit den großen Religionen liegt. Sie hat die grundsätzliche Scheidung zwischen ihm und jeder metaphysischen Weltanschauung vollzogen. Gewiß mag jeder, dessen Blickfeld er entspricht, sich zum Buddhismus bekennen. Fortan wird die Menschheit aber wissen können, welche innere Grenzen diese Wahl beweist. Es gibt einen anderen, aus tieferem Verstehen hervorgehenden Weg der Aufhebung des Leidens, als den von Buddha gewiesenen: Leiden und Tod zu wollen, als Mittel höherer Sinnesverwirklichung. Denn wer einmal den Sinn in sich als seinen Seinsgrund erfaßte, dem ist das, was Buddha letzte Instanz am Leben war, überhaupt nicht mehr Problem... Doch ich darf diese Tagung nicht mit einer Kritik des Geistes schließen, welcher tiefer als irgendein anderer auf Erden die empirische Wirklichkeit des Lebens als Werden und Vergehen durchschaut hat: ich will es vielmehr mit einem Hinweis darauf tun, inwiefern auch die wahre historische Buddha-Stunde jetzt erst kommt.

Jeder Geist, der seinen kosmischen Standort richtig erfaßte, der von ihm aus Sinn und Ausdruck zur Kongruenz brachte und vollkommen echt und wahrhaftig ist, hat sinnbildlich für alle recht. Faktisch hat er es innerhalb der tatsächlichen Grenzen seines Gesichtskreises. Wer diese Grundwahrheit erkannt hat, für den stellt sich die primitive Frage nicht mehr, ob die Menschheit nun den Buddhismus ablehnen oder annehmen soll: es wird ganz selbstverständlich, ganz unvermeidlich das Wirklichkeitsgemäße von ihm fortleben und sich, je weiter die Gesamterkenntnis fortschreitet, immer sinngemäßer dem Zusammenhang des Geisteskosmos einordnen. Als solches Element nun der künftigen allgemeingültigen Menschheitsweisheit wird der Buddha ohne jeden Zweifel eine größere Rolle spielen als je bisher in seiner konfessionell beschränkten Sphäre. Er allein hat nämlich, in der ganzen bisherigen Geschichte, die volle Tragweite dessen erfaßt, daß Denken oder genauer Verstehen schöpferisch ist; daß folglich auf Verstehen alles ankommt. Er bediente sich ihrer zur Zerstörung der Welt. Sie kann ebenso zu ihrem Höherbau verwendet werden. Dies tun wir. Die Schule der Weisheit ist des Buddhismus Gegenpol. Aber sie verehrt in dessen Schöpfer den einen historischen Geist, der, vor ihr, aus dem Denken Wirklichkeit gemacht hatte1.

1Daß die Lehre der Schule der Weisheit insofern auf einem Niveau mit derjenigen Buddhas steht und gleichsinnig wie diese mit Glauben, Wissenschaft und moderner Philosophie auf keinen Generalnenner zu bringen ist, hat Paul Dahlke, der im übrigen seinen Gegenpol natürlich ablehnt, im ersten Doppelheft 1925 seine Zeitschrift Die Brockensammlung (Neubuddhistischer Verlag, Berlin-Frohnau) ausdrücklich anerkannt. Insofern ist Dahlke der einzige, der bisher verstanden hat, was wir vertreten.
Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
III. Tod und Ewigkeit
© 1998- Schule des Rades
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