Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

III. Der letzte Sinn der Freiheit

Melodie Gottes

Ich könnte jetzt schließen. Doch vielleicht ist Einigen von Ihnen doch nicht restlos klar geworden, wieso das Gebiet möglicher Freiheit nur ein Geringes im Gesamtzusammenhang des Kosmos ist, und inwiefern sie in diesen hineingehört. Deswegen will ich zum Abschluß unsere heutigen Ergebnisse in den Zusammenhang derer einfügen, mit denen unsere vorjährige Tagung schloß. Das Leben ist ein Melodieartiges. Überall verläuft es durch Werden und Vergehen seiner Elemente hindurch; es ist eine Einheit in der Zeit, vom Sinn her zusammengehalten. Dies gilt von den Arten, Völkern, Geschlechtern. Es gilt aber auch im Sinn eines transsubjektiven Zusammenhangs. Die Melodie des eigenen Lebens spielt dieses Erdendasein nicht zu Ende. Sie schließt dieses als kurzen Satz oder Takt nur ein. Ihr letzter Sinn, ihr Grundton entrinnt menschlichem Fassungsvermögen. Aber praktisch läßt sich beweisen, daß es ihn gibt: nur wer sich auf diesen unbekannten Grundton bezieht, lebt sinnvoll.

Wie fügen sich unsere heutigen Ergebnisse diesem Bilde ein? — Nun: die Melodie des organischen Lebens spielt sich unterhalb unseres eigentlichen Lebens ohne unser Zutun vollkommen von selber ab. Nach oben zu betrachtet, bedeutet unser bewußtseinbestimmtes Dasein nur einen Satz einer größeren Melodie. Diese ist kosmisch gefügt. Gewiß erklingt sie vollkommen auf ihrem eigenen Plan, und sie siegt auch auf dem uns wahrnehmbaren auf die Dauer stets, durch noch soviel Mißklänge hindurch. Auf der Ebene seines bewußten selbstbestimmten Lebens nun ist der Mensch selbst der Spieler. Niemand kann ihm das Selbstspielen hier abnehmen. Doch er spielt nicht bloß die Melodie, deren Grenzen er übersieht, er spielt eine größere. In dieser größeren wurzelt der Sinn jedes Einzeltakts. Darum spielt der Mensch nur dann von seinem eigenen Standpunkt richtig, wenn er freiwillig die Melodie Gottes spielt, und da er diese nicht kennt, das letzte Risiko auf sich nimmt. Er wird nur frei, sofern er seinen Willen mit dem des ihm unbekannten Gottes eint. So hängt die Freiheit — wie nach unten mit der Notwendigkeit — mit der Gnade unlöslich zusammen. Wer die Gnade verleugnet oder abweist, will seinen eigenen Grundton nicht. Wenn einer jedoch so eine größere Melodie, die sein eigenes Leben als winzigen Takt einschließt, freiwillig spielt, dann spielt zugleich Höheres durch ihn. Dann ist er als Freier begnadet.

Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
III. Der letzte Sinn der Freiheit
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME