Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Heilkunst und Tiefenschau

Heilen ist Kunst

Zunächst einige Betrachtungen zur medizinisch-praktischen Frage. Es besteht kein Zweifel darüber, daß Psychoanalyse sehr viele Kranke, darunter auch scheinbar rein körperlich Kranke, heilt. Dies bedeutet an sich aber nicht, daß irgendeine ihrer bisherigen Theorien dadurch als richtig erwiesen wäre, sondern allein, daß bestimmten Menschen zur heutigen Zeit eine bestimmte Behandlungsart erfahrungsgemäß nützt. Es hat nämlich keine je moderne Heilmethode gegeben, welche sich nicht im gleichen Sinn bewährt hätte wie Analyse heute; das heißt: auch die später widerlegte Mode war ihrerzeit berechtigt. Wovon kann Heilerfolg unter diesen Umständen grundsätzlich abhängen? Wenn man erwägt, daß theoretisch als falsch oder doch nur teilweise richtig Erwiesenes oft nicht schlechter gewirkt hat wie die wissenschaftlich einwandfreieste Kur, ja, daß man diese Behauptung insofern vielleicht noch extremer formulieren dürfte, als keine bisherige Behandlung wohl ganz richtig war, so gelangt man zu der Annahme, daß, ganz allgemein gesprochen, vier Momente bei der Heilung den Ausschlag geben: die anregende Kraft der Behandlung, ihre Gemäßheit einer bestimmten Patienten-Natur, ihre Gemäßheit in bezug auf den Arzt, endlich die Sympathie zwischen Doktor und Patient. Unter allen Umständen heilt ein Kranker, wenn überhaupt, von selbst; kein Arzt kann mehr, als den Heilungswillen unterstützen. Da diese Unterstützung nun in allen Fällen nur in zweierlei bestehen kann, nämlich im Ausschalten oder Aufheben schädigender Einflüsse und im Anregen der tieferen Lebenskräfte (welche beiden Momente ich auf den Generalnenner der Anregung bringe, da auch das Ausschalten nur insofern fördernd wirkt, als für den Aufbau Kräfte frei werden), so ergibt sich aus dieser einen Erwägung die Richtigkeit von Groddecks paradoxaler Behauptung, daß es überhaupt keine falschen Behandlungen gibt.

Der sogenannte Körper und die sogenannte Seele sind beide letztlich Ausdrucksmittel eines Tieferen, nämlich des spezifischen Sinnes, den eine gegebene Lebens­monade verkörpert1. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der Körper nur ein Materialisationsphänomen unter anderen, gemäß Geleys Theorie2, wie denn darüber überhaupt kein Zweifel bestehen kann, daß es ein an sich Immaterielles ist, das auch die materiellen Lebenserscheinungen hervorbringt und reguliert. Deshalb ist es sachlich grundsätzlich gleichgültig, mit welchen Mitteln ein Arzt arbeitet, mit physischen oder psychischen, Medikamenten, Diät, Ruhe, Moralisierung, Analyse oder Suggestion — nur darauf kommt es an, daß diese anregend, und zwar in der richtigen Richtung anregend, auf das Sinn-Prinzip wirken. Hier aber reagiert jeder Mensch grundsätzlich verschieden. Wenn Kuren beinahe so stark wie Kleider der Mode unterliegen, was, entgegen dem vorhergehenden Satz, bei aller Verschiedenheit der Menschen in der Zeit die Gleichartigkeit aller Zeitgenossen zu beweisen scheint, so hängt dies hier wie dort mit der gleichmäßigen Entwicklung des Unbewußten, somit der Grundlage aller individuellen Differenziertheit zusammen, die in Korrelation mit den geistigen Zeiteinflüssen verläuft, welche Entwicklung ihrerseits gleichförmige Vorstellungen vom Heilungsziel und -weg ergibt, die unter allen Umständen als die zeitgemäßen Ausdrucksformen eines Wirklichen zu beurteilen sind —, überdies mit der Tatsache, daß der Einfluß allein anregend wirkt, dem sich der Organismus noch nicht angepaßt hat.

Insofern ist Abwechslung als Überraschung desselben vielleicht das Wichtigste an jeder Kur; deshalb werden mit Recht immer neue Medikamente erfunden, denn gegen jedes zu oft genommene wird der Organismus früher oder später immun. Ebendarum wirkt Analyse im orthodoxen Verstand schon heute auf viele nicht mehr heilend, welche das, was sie enthüllt, nicht mehr frappiert; so kann man mit Sicherheit voraussagen, daß sie als Allheilmittel ebenso aus der Mode kommen wird, wie dies mit früheren Heilarten geschah, sobald ihr geistiger Inhalt vom Zeitgeist assimiliert sein wird. Diese Erwägung erklärt nebenbei, warum auch falsche Deutungen der Analytiker oft helfen: sie regen eben doch an. Gewiß gibt es grundsätzlich gesprochen, eine Art des Heilens, die keiner Mode unterliegt. Dies ist die, welche die besondere Formel des Einzigen mathematisch richtig erfaßt und ihn alsdann mit den wissenschaftlich adäquatesten Mitteln in seinem letzten Zusammenhang gleichsam umstimmt. Dies erstrebt heute, den großen Ärzten des Altertums nachfolgend, Hans Much. Aber diese höchste Art Heilkunst ist, in der Anwendung, noch mehr Kunst, als die geringeren Grades.

Das zweite und dritte Moment behandele ich am besten auf einmal. Körperliches und Geistiges gehören nicht allein bei jedem einem einheitlichen Ganzen an — sie stehen in jedem Fall in einem besonderen Verhältnis zueinander und innerhalb jedes Teiles beider wiederum ist der lebendige Zusammenhang verschieden zentriert. Hieraus ergibt sich ein zweites Mal, daß jedem Menschen grundsätzlich Besonderes helfen muß. Der Stumpfe reagiert auf psychische Einflüsse schwer, der Übersensitive verträgt kein Gift. Bei jedem muß an dem Punkte angesetzt werden, von dem aus der psychophysische Zusammenhang am besten in Bewegung gerät. Im genau gleichen Sinn hilft jeder Arzt auf die Methode am besten, die seiner eigenen schöpferischen Lebenskraft die beste Übertragungsmöglichkeit bietet. (Daß es auf diese Übertragung ankommt, wo immer es sich um ungewöhnliche Ärzte, von Wunderwirkern zu schweigen, handelt, brauche ich wohl nicht besonders nachzuweisen; jeder weiß, daß es steigernde und deprimierende Menschen gibt.) Deshalb hat jeder große Arzt, und dies mit vollem Recht, auf seine besondere Methode als Panacaea für sich selbst geschworen.

Wie konnte dies aber in beinahe jedem bisherigen Falle zum Irrtum führen, daß der Betreffende seine Methode als absolut richtig oder gar einzig möglich hinstellte? Dies rührt daher, daß sich im Falle jedes außergewöhnlichen Menschen und jeder außergewöhnlichen Methode der Patient den Arzt wählt und nicht umgekehrt. Auf Grund des Ahnungsvermögens des Unbewußten kommt es auf die Dauer in jedem solchen Fall dahin, daß zu bestimmten Ärzten nur solche gehen — hier wäre ich zugleich beim vierten Hauptmomente angelangt —, die zu ihm in Sympathieverhältnis stehen. So ist es durchaus nicht erstaunlich, daß jeder der analytischen Bahnbrecher seine besondere Theorie bestätigt gefunden hat: Anlaß zum Staunen hätte man vielmehr, wenn die Bestätigung ausgeblieben wäre. Tatsächlich bestätigt kein Heilerfolg die Richtigkeit einer Theorie, die nicht so allgemeinorganische Verhältnisse beträfe, daß die persönliche Gleichung keine Rolle spielt. Wäre es anders, dann müßte Mrs. Baker-Eddy’s Science and Health den Höhepunkt geistiger Erkenntnis darstellen. Heilerfolg unter bestimmten theoretischen Voraussetzungen beweist zunächst nie mehr, als daß bei der gegebenen Gleichung zwischen Patient und Arzt eine bestimmte Theorie als Arbeitshypothese gute Dienste leistet. So ist denn Heilen, wie weit die Erkenntnis auch fortschreite, unter allen Umständen keine Wissenschaft, sondern eine Kunst.

Kann es, wenn die Dinge so liegen, gar nichts Richtiges geben auf dem Gebiet der Medizin? Doch. Nicht allein gibt es auf allgemein-organischem Gebiete endgültige Erkenntnisse und daraus folgende allgemeingültige Methoden, weil es sich um eingefahrene Mechanismen handelt: solche finden sich genau so auf psychischem Gebiet. Aber es gilt zu erkennen, daß Mechanismen beim Menschen niemals letzte Instanz sind, weshalb die Richtigkeit im Sinn des Allgemeinerwiesenen praktisch nie entscheidet. Deshalb soll man sich nicht wundern, wenn die Psychoanalyse — um ein besonderes Beispiel anzuführen — ihre Triumphe vorzüglich auf germanisch-protestantischem oder aber jüdischem Boden feiert, während sich zumal in Frankreich andere Theorien und Praktiken besser bewähren. Der unbefangen-realistische romanische Geist leidet sicher weniger an Verdrängungen als der germanische und der jüdische; dementsprechend leisten in Frankreich nicht allein andere Heilmethoden, sondern auch andere Diagnosen bessere Dienste (man studiere in diesem Zusammenhang das in seiner Klarheit klassische dreibändige Werk Pierre Janets Les médications psychologiques, Paris, F. Alcan). Und von hier aus gelangen wir denn zu einer weiteren Vertiefung unseres Einblicks in den Sinn ärztlichen Wissens und Tuns.

Wer vorher nur analytische Literatur kannte und dann Janet studiert, entdeckt, daß die Psychoanalyse an Tatsachen viel weniger Neues zutage gefördert hat, als sie behauptet; nur ihre Deutung derselben ist neu. Ferner aber kann er bei genügend vielseitiger persönlicher Erfahrung das Urteil schwer umgehen, daß auch ihre Deutung nicht nur in sehr vielen Fällen, sondern oft auch grundsätzlich, dem letzten Sinn der Tatsachen weniger gerecht wird als manche vor-analytische. Meiner Überzeugung nach sind wohl alle Feststellungen, zumal Freuds, als Bestimmungen psychischer Tatbestände richtig. Leider gibt es aber auf psychischem Gebiet keine festen Tatsachen in dem Verstande, wie auf physischem. Hier ist alles Sinnbild, von denen eines jedes andere spiegelt; hier verwandelt sich eine ununterbrochen in andere; deshalb beweist hier keine Tatsachenbestimmung je, daß eine gegebene Deutung richtig sei. Was eine Tatsache ist, ergibt sich hier einzig aus ihrer Bedeutung im Gesamt-Sinneszusammenhang, denn hier schafft die Bedeutung den ganzen Tatbestand. So kommt denn alles auf die Zentrierung jenes an. Hier nun legt der Analytiker allzuoft den Akzent auf die falsche Stelle. Mir will sogar scheinen, daß die Akzentlegung der Nicht-Analytiker im allgemeinen und grundsätzlich als die richtigere anzusprechen ist, weshalb sich die heutige Analyse, fern davon, die Psychotherapie von sich aus umzuwälzen, auf die Dauer als bestimmte und nur für besondere Fälle geeignete Technik dem alten Erfahrungszusammenhange eingliedern dürfte. Nicht immer bedeutet das Sexuelle, so einwandfrei es im Unbewußten nachgewiesen sei, was die Freudianer behaupten, nicht immer der Machttrieb; jeder hat Komplexe, und nur Einige werden an ihnen krank. Schon innerhalb des Analytikerkreises deuten ja Freud, Adler und Jung die gleichen Tatbestände grundverschieden.

So oft Analytiker recht haben: sofern man überhaupt verallgemeinern darf, scheint mir das Urphänomen beim Neurotiker, der Nicht-Analytiker-Deutung gemäß, sein Depressionszustand, nicht Verdrängung usw., zu sein, denn der von Hause aus im Gleichgewicht befindliche wird von keinem Erlebnis überwältigt. Bei den Komplexen liegt das Problem grundsätzlich nicht in ihrem Vorhandensein, sondern darin, daß bestimmte nicht assimiliert wurden; bei den Traumas, daß ein Erlebnis nicht liquidiert ward; und so fort. Wenn Analyse, wie Freud mit Recht sagt, vom Widerstand lebt, so hängt dies einerseits mit dem Sachverhalt zusammen, den man mit Groddeck vorläufig so formulieren mag, daß jede Heilung den Sieg im Kampf zwischen Lebens- und Todeswillen bedeutet, weshalb jeder Widerstand (ob in Form des Widerstands im analytischen Sinn oder als Rückfall, Nicht-besser-werden-Wollen, Verschlimmerung, gleichviel) im allgemeinen als Übergewicht des Todestriebs und im besonderen als Zeichen der Stelle zu deuten ist, an der bei der Unterstützung des Lebenswillens anzusetzen ist, — andererseits wohl mit der altbewährten Tatsache, daß es eine Anstrengung zu machen gilt, wenn die innere Spannung auf ein höheres Niveau gehoben werden soll; und Unangenehmes auszusprechen erfordert eben die tiefst wurzelnde Anstrengung. Ebenso ist wohl die Bestimmung seelischen Gleichgewichtsmangels vermittels des Koordinatensystems Sadismus-Masochismus vielfach irreführend: was von gewissen Ärzten grundsätzlich so gedeutet wird, ist in der Fälle Mehrzahl wohl das krampfhafte Versuchen des irgendwie psychisch Schwachen, sich durch Erregung in einen Gleichgewichtszustand hineinzusteigern, der eine sonst unlösbare Aufgabe lösbar erscheinen läßt, oder aber ein Mittel, die tieferen Schöpferkräfte anzuregen. Es handelt sich also um unter den gegebenen Verhältnissen Normales.

Übrigens treffen die hier angeführten Einwände gegenüber Jung und seiner Schule, zumal gegen, über Beatrice M. Hinkle, die, meines Wissens, das bisher vernünftigste allgemeinverständliche Buch über Analyse geschrieben hat, kaum mehr, und gegenüber Poul Bjerre überhaupt nicht zu. — Der erkenntnistheoretische Kern aller Analytiker-Irrtümer ist nun der folgende: Es kann überhaupt keine richtige Theorie des Seelenlebens nach dem Bilde der Mechanik geben. Die seelische Energie ist nicht gleichartig mit den physischen; der Satz von der Erhaltung der Kraft gilt für sie nur zu einem geringen Teil; Diagramme, wie solche Freud in seinem Buch vom Ich und Es nach anatomischem Muster hinzeichnet, sind notwendig irreführend; sowohl Freuds wie Jungs Libido sind nur als hindeutende Sinnbilder eines noch nicht Erkannten, allenfalls Geahnten als Wirklichkeiten ernst zu nehmen. Und wenn gerade Freuds Theorie, die mechanischste von allen, am häufigsten zu Heilerfolgen führt, so hängt dies wohl folgendermaßen zusammen: die meisten heute Lebenden sind Kinder des mechanisch denkenden Zeitalters; deshalb leuchtet ihnen jede mechanische Fassung am ehesten ein, dient sie am leichtesten als Erkenntnis-Betätigungsorgan. Ferner ist Freud von allen der beste Beobachter; er hat unter allen Umständen auch Recht

Da nun der lebendige Sinneszusammenhang ein allseitiger, sich allseitig spiegelnder ist, so führt jede präzise Bestimmung die Erkenntnis weiter als eine unpräzise. Einer allgemeinen Einstellung wird man sich im Wiedererleben eines konkreten Ereignisses am ehesten bewußt — deshalb erzielt kausale Reduktion eines Traumas häufiger Heilung als jede intellektuell unbestimmtere Behandlung. Hier arbeitet das Korrelationsgesetz von Sinn und Ausdruck am meisten zu Freuds Gunsten, da er von allen Analytikern bei weitem der schärfste Denker ist. Endlich ist wohl kaum zu unterschätzen, daß gerade das Abstoßende von Freuds Fassungen diese so anregend macht. Es ist die alte Geschichte von der bitteren Arznei. Richtig verstanden wird das Ergebnis aller Seelenforschung dann erst werden, wenn allgemein von der Voraussetzung ausgegangen wird, daß der psychische Organismus ein Sinneszusammenhang ist, weshalb jede Theorie, die dem nicht an erster Stelle Rechnung trägt und sich auf den Gesetzen seiner Übertragung ins psychische und physische Medium aufbaut, grundsätzlich falsch ist. Gerade hier liegt ja auch das wirklich Bahnbrechende an Freuds Lebenswerk: er als erster unter Medizinern hat den sinnbildlichen Charakter aller Lebenserscheinungen ganz klar erkannt und zum Eckstein seiner Auffassung gemacht.

1Um den einheitlichen Fluß dieses Kapitels nicht zu stören und doch eine vielleicht wünschenswerte Ergänzung einzuschalten, füge ich in Form einer Anmerkung die Hauptgedanken eines Vortrags ein, den ich unter dem Titel Körper, Geist und Heilkunst im August 1925 in Bad Kissingen hielt:
Drei Kausalreihen interferieren in allem Menschenleben, dreier Koordinaten bedarf es in jedem Fall zur Bestimmung eines bestimmten Lebenszustandes: es sind dies die der kosmischen Einflüsse (des Milieus im weitesten Verstand), der Vererbung und des autonomen Geists. Alles Leben bedeutet einerseits ein In-bezug-auf-die-Außenwelt; ständiges Reagieren, Sich-Anpassen bezeichnet insofern sein Wesen. Andererseits aber ist ein ständiges Beleben des Toten von innen heraus. Jeder Typus, jede Gestalt, jede Entelechie, jede Kultur als solche lebt aus eigenem Recht. Der Außenwelt gegenüber bedeutet die Vererbung einen völlig selbständigen Faktor. Wiederum als ein Selbständiges nun fungiert, wo vorhanden, der schöpferische Geist. Und dessen Bedeutung im Zusammenhang nimmt schneller zu, als seinem eigenen Wachstum entspricht, weil seine Schöpfungen, einmal herausgestellt, ihrerseits zu kosmischen Einflüssen gerinnen; denn recht eigentlich um solche handelt es sich bei dem, was unter psychischer Atmosphäre, geistigem Milieu und Zeitgeist verstanden wird. Der psychische Organismus reagiert auf Ideen nicht weniger und nicht anders wie auf Chemikalien der Protist.
Wie verhalten sich nun Körperliches und Geistiges zueinander? So leicht im bestimmten Fall zwischen beiden zu scheiden sei, ein prinzipielles Scheiden ist unmöglich; insofern sind alle bisherigen Fragestellungen falsch. Alle als Tatsache erfahrbare Wirklichkeit ist Erscheinung; dies gilt von Begriffen und Ideen genau so wie von physischen Körpern. Nicht Erscheinendes, und doch zweifellos irgendwie Seiendes, gibt es einzig in der Region des Sinns. Man gedenke des Urbeispiels der Schule der Weisheit, des Verhältnisses der Bedeutung eines Gedankens zu den Buchstaben, die ihn im Bereich der Erscheinung ausdrücken. Innerhalb dieser nun ist eine sichere Grenze zwischen Körperlichem und Geistigem nicht zu ziehen. Alle Lebenserscheinung ist sinnvoll; ein physisches Organ ist genau so nur aus seiner Bedeutung zu begreifen wie ein philosophischer Satz. Eine prinzipielle Grenze zwischen Körper und Geist wäre lediglich dann zu ziehen, wenn man diesen mit Verstand und Bewußtsein identifizieren dürfte. Doch das geht nicht an. Der verstandlose Körper ist meistens weiser als der Intellekt, und die meisten und wichtigsten Geistesprozesse verlaufen unbewußt. Hieraus ergibt sich denn die Notwendigkeit einer anderen Fragestellung. Man darf prinzipiell überhaupt nicht zwischen Körperlichem und Geistigem scheiden, sondern nur zwischen Sinn und Ausdruck. Je mehr der Sinn als solcher bewußt und gemeint wird, desto geistiger ist ein Wesen im üblichen Verstand. Aber die traditionelle Scheidung zwischen Geist und Körper ist, noch einmal, falsch. Insofern es sinnvoll ist, ist alles Körperliche geistig; insofern es erscheint, ist alles Geistige materiell. Und weiter: insofern der festgefahrene Ausdruck dominiert, herrscht das Gesetz der Materie, die Trägheit; insofern die Initiative, das Grundattribut des schöpferischen Sinns, der freie Geist. Woraus sich denn ergibt, daß zwischen Naturordnung und geistiger Routine kein prinzipieller Unterschied besteht. Wer nach Schema F arbeitet, ist genau so ungeistig wie ein Chemikal. Nur der, bei dem der Nachdruck auf der Freiheit liegt, ist ein geistiges Wesen. Aber auch hier gibt es keinen Unterschied zwischen Körper und Geist im üblichen Sinn. Bei Tieren hat der Körper so viel freie Phantasie wie unter Menschen nur der produktivste Geist; man denke an die Verfärbungsgabe des Tintenfischs, die Regenerationskraft von Seestern und Molch. Gleich viel Phantasie hat der Mensch normalerweise nur als Geist. Aber auch er kann sich nur vermittels der Naturroutine ausdrücken. Auch er ist überall an die Gesetze der Materie gebunden. So mag sich der Mensch als Geistwesen noch so autonom fühlen: von den beiden anderen Koordinaten des Menschenwesens, den kosmischen Einflüssen und dem vererbten Blut ist keiner unabhängig.
Von hier aus ist der tiefste Sinn aller Heilkunst eindeutig zu bestimmen. Diese hat es nicht mit abstrakten Krankheiten zu tun, sondern dem lebendigen Menschen, dessen Leben sie erhalten, heilen, höherbilden will. Deshalb muß sie überall, in schlechthin jedem Fall, mit den drei Koordinaten alles Menschenlebens zusammenarbeiten. Ihr sicherstes Mittel sind die kosmischen Einflüsse, weil diese einerseits die stärksten sind — alles Leben existiert zunächst in bezug auf die physische Außenwelt —, andererseits die, welche sich am leichtesten handhaben lassen. Klimatische Einflüsse, Wasserkuren, Medikamente sind willkürlich anwend- und dosierbar. Daher wird die somatische Medizin für alle Zeit den Vorzug behalten. Sie wird es wohl auch deshalb, weil offenbar viel mehr Psychisches, als die heutige Mode zugibt, letztlich physisch bedingt ist: so weiß ich von psychischen Symptomen, die Analytiker lange Zeit vergeblich als solche kurierten und die verschwanden, als eine Behandlung auf Harnsäure einsetzte. Ebenso meine ich, daß die Physioanalyse Hans Muchs in vielen Fällen der Grundformel des Es wirksamer nahekommen dürfte, als die tiefstschürfende Psychoanalyse. Sicher wird die Behandlung mittels der Hormone heute noch ungeahnte Wunder wirken. Aber somatische Medizin wirkt andererseits nur bei entsprechender Berücksichtigung des zweiten Faktors, der generellen und individuellen Lebensformel. Der dritte Faktor nimmt wiederum an Bedeutung zu, je mehr das Psychische bestimmt. Dies gilt von Naturvölkern und Kindern einerseits, andererseits von höchstentwickelten Kulturvölkern und geistigen Persönlichkeiten. Dies erklärt, warum der moderne Westen immer mehr auf psychische Heilmethoden schwört. Der berufene Arzt ist nun der, welcher das jeweils gültige Verhältnis der drei Kausalreihen oder Koordinaten erkennt und seine Behandlung danach richtet. Beim einen wirken physische Mittel am besten, und zwar entweder in großer oder kleiner Dosis verwandt; beim anderen psychische. Immer entscheidet der besondere Schnittpunkt der drei Koordinaten, d. h. das besondere jeweilige Zentrum des lebendigen Sinneszusammenhangs. Deshalb bedeuten die gleichen Symptome, ja die gleichen Krankheitsbilder in zwei verschiedenen Fällen grundsätzlich nie das Gleiche. Es kann aber auch nicht jeder Arzt jeden Kranken heilen. Warum? Weil er als solcher schon, unabhängig von der Behandlungsmethode, den dritten Faktor verkörpert, der alles Leben bestimmt: die Initiative des Geists. Jede Initiative nützt nicht jedem. Von hier aus aber gelangen wir nunmehr zum Grundbegriff der ärztlichen Kunst überhaupt: diese besteht darin, durch geistige Initiative jeweils das Gleichgewicht zwischen den drei Faktoren zu verändern und dadurch einen krankhaften Zustand in einen normalen überzuleiten. Wie der Arzt dies erreicht, ob mit physischen Mitteln, guten Worten oder die katalytische Wirkung schweigenden Abwartens, ist einerlei. Und hieraus ergibt sich weiter, warum Ärzte unersetzlich sind: solche Veränderungen kann nur der andere einleiten, genau wie das Kind nur durch die polare Zusammenarbeit zweier zustande kommt.
Der eigentliche Zweck dieser Betrachtungen ist aber kein medizinischer, sondern ein prinzipieller. Deshalb kehre ich zum Schluß zur Feststellung der Falschheit der üblichen Scheidung zwischen Körper und Geist zurück. Aus unseren Betrachtungen ergibt sich, über das Bereich möglicher Heilkunst hinaus, ein Zwiefaches: erstens die Falschheit jeder Auffassung, daß das Geistige, abgesehen vom Körperlichen, zu pflegen sei; also die Verfehltheit jedes Idealismus, jeder Weltanschauung der bloßen und reinen Innerlichkeit. Aber ebenso die Falschheit jeder materialistischen Weltauffassung. Der Materialist versteht gerade das Körperliche nicht. Deshalb ist jeder Arzt recht eigentlich ein Schädling, der nicht zugleich ein Seelsorger ist. Woraus denn letztlich folgt: auch über den Wert des Arztes entscheidet letztinstanzlich der Menschenwert. Das Sein entscheidet über den Wert des Könnens. Der Fachmann, der an sein Fachkönnen als das letztlich Wesentliche glaubt, ist insofern der schlimmste aller Stümper.
2Vgl. De l’inconscient au conscient, Paris, F. Alcan.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
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