Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Liebe und Erkenntnis

Erfasse den Sinn

Lassen wir nunmehr alle jenseitigen Betrachtungen. Knüpfen wir an den gewonnenen psychologischen Erkenntnissen wieder an und suchen wir von ihnen aus zum vollen Verständnis des Geistgeforderten zu kommen. Es ist sinnwidrig, so fanden wir, von Liebe im üblichen Sinn zu reden, wo es sich um anderes handelt. Solche Liebe kann niemals Geistforderung sein, weil sie gar nicht vom Geiste abhängt, sondern entweder Naturanlage ist oder nicht ist. Was kann, was darf unter diesen Umständen Geistforderung sein? Sofern wir die Frage richtig gestellt haben, nur das Postulat, daß jeder das Zentrum seines Bewußtseins in die Sphäre des Geists erhebe, in der reines Geben herrscht und Selbstsucht ganz selbstverständlich zu sein aufhört. Diese Forderung nun ist sowohl sinngemäß als auch grundsätzlich erfüllbar. Geist ist der Mensch letztlich; nur in wem das Geistwesen bewußt ward, hat volle Selbstverwirklichung erreicht.

Nur weil dem also ist, leuchten die betreffenden Ideale und Forderungen allgemein und von jeher ein. Sie müssen ja einleuchten, da jeder Mensch, als Geistwesen, ob er es weiß oder nicht, über seine Selbstsucht hinausstrebt. Diese beschränkt ihn ja selbst. Jeden Naturverhafteten schätzt jeder ganz spontan geringer ein als den von sich Freien. Und so ist auch tatsächlich jedem zuzumuten, daß er im Sinn des Freiwerdens sich selber bilde, sintemalen es Freiheit gibt und es vom Menschen abhängt, wohin er den Nachdruck im Zusammenhang seiner Seele legt. Einzig das hängt hier nicht vom freien Menschen ab, wie weit er in diesem Leben in der Befreiung kommt. Doch für Versagen in dem, was letztlich nicht von ihm abhängt, verantwortet er nicht; dafür macht ihn auch keine höhere Religion verantwortlich; keine verlangt vom Menschen erreichte Vollendung. Alle legen auf den guten Willen und die Ausdauer den ausschlaggebenden Wert. Wie sich der Meister Eckhart ausdrückt:

Gebricht dir’s nicht am Wollen, sondern allein am Vermögen, wahrhaftig! vor Gott hast du alles getan.

Wer da nun überhaupt zur Geistigkeit gelangte, ist andererseits ipso facto über die Selbstsucht als letztentscheidendes Motiv hinaus. Sein Selbstbehauptungstrieb an sich mag ungeschwächt — ja, bei starken Naturen sogar verstärkt erscheinen, da ja nur Erdentriebe Sinnesverwirklichung auf Erden ermöglichen und der wirklich Geistbewußte gerade auf Grund seines Geistbewußtseins darüber hinaus ist, das Irdische auf seiner Ebene zu verneinen. Doch er entscheidet nicht mehr. Dennoch braucht, noch einmal, ein also im göttlichen, christlichen, ja, im Sinn jedes höheren Religionsystemes Liebender, dem jede Güte nachzuweisen ist, damit kein wirklich Liebender geworden zu sein. Liebe, wie das Wort allgemein verstanden wird, steht und fällt mit einer bestimmten Art Gefühl. Dessen Besitz gehört zur Naturanlage oder aber nicht.

Wohl kann Vorhandenes gesteigert werden, und wo dies gelingt, da ist es immer gut, denn das Liebesgefühl ist ohne Zweifel ein besonders günstiger Körper für überindividuellen Sinn. Es gibt wohl auch keinen, der ganz ohne Liebesanlage wäre. Ferner mag zutreffen, was Okkultisten behaupten, daß Geistdurchdringung einen neuen Zusammenhang zwischen Gehirn und Solarplexus schafft und diese Verbindung ihrerseits den empirischen Charakter im Liebes-Sinne wandelt. Allein um Wesentliches handelt es sich bei diesem Vorgang nie. Jeder Große war wesentlich einsam und selbstgenügsam. Nicht einer war je für sich Gemeinschaftsmensch, nicht einer gemütvoll. Insofern jeder geistig Große nur liebte, indem er den Anderen steigern wollte, war sein Lebensprinzip nicht das der Intimität, sondern der Distanz, und Liebe im üblichen Wortsinn erkennt als Wert nur erstere an. Also ist die übliche Liebes-Forderung vom Geiststandpunkt völlig unhaltbar. Und letztlich hat sie auch kein Religionsphilosoph jemals gestellt. Die Grundtugenden auch der christlichen Ethik aus der Zeit, da Verstehende sie schufen und bestimmten, was allerdings schon lange her ist, sind Wahrhaftigkeit, Schönheit und Güte — Güte, nicht Liebe.

Was folgt aus allem Ausgeführten für die moderne Praxis? Es folgt eben dies, womit wir, als These, dieses Kapitel einleiteten: daß das ewige Wahre heute neu gefaßt werden muß, um wahr zu bleiben; und daß, um das ewige Erstrebenswerte zu erreichen, heute ein neuer Weg begangen werden muß. Was Christus unter Liebe verstand, wird heute nicht mehr Liebe geheißen. Und was heute spontan unter Liebe verstanden wird, ist nicht die ewige wertvolle Liebe. Jesus wählte seine Worte auf Grund dessen, daß er seiner Veranlagung nach Intuitiver und Fühler, nicht eigentlich Denker war. Auch Gefühle sind ja mögliche Verstehensorgane; sie sind es z. B. bei jeder Frau. Wurde das, was er meinte, von seinen großen Nachfolgern richtig verstanden — daß die Menge ihn von Hause aus falsch verstand, sahen wir bereits —, so lag das daran, daß zu jener Zeit der platonische Eros-Begriff allgemeine Verstehens-Voraussetzung war. Dieser faßte nämlich die Liebe als objektiv schöpferische Macht, nicht primär als Gefühl, also als Ethos mehr denn als Pathos. Heute nun, wo die Verstehensvoraussetzungen sich gewandelt haben, wird das, was ursprünglich metaphysisch-geistig gemeint war, von Hause aus rein, ja platt empirisch verstanden. Heute wird die Liebesforderung ganz allgemein, weil es auf Grund der neuen Seelenkonstitution nicht anders sein kann, auf zweierlei Weise aufgefaßt: erstens dahin, daß man es möglichst Vielen komfortabel machen soll, daß die Vielen mehr sind als der Eine, daß qualitative Unterschiede nicht gelten; zweitens dahin, daß die Trägheit der Anderen zu bejahen ist. Gemütlichkeit ist heute auch metaphysisch Trumpf. Unter diesen Umständen erklärt es sich leicht, daß die christliche Nomenklatur die Löslösung vom Christenglauben so gut vertragen hat: heute ist sie, im Großen betrachtet, nichts Besseres als der angemessene Ausdruck demokratischer Gesinnung.

Damit bedeutet Liebe denn das genaue Gegenteil dessen, was nottut. Ihre Forderung enthält keinerlei beschleunigendes Motiv. Sie weist Keinen über sich selbst hinaus, bestärkt vielmehr jeden in seiner Inertie. Sie erweist sich durchaus als irdisch konservative Macht. Nun gelingt es theoretisch freilich leicht, dem Worte seinen ursprünglichen Sinn zurückzugeben. Doch damit an sich ist praktisch nichts erreicht.

Die Lebensbedeutung eines Worts hängt ganz davon ab, wie es instinktmäßig verstanden wird. Eben weil dem also ist, mußte zu Beginn der christlichen Ära tief-christliche, also metaphysisch im höchsten Grade wissende Gesinnung als Narrheit vor der Welt definiert werden, war das Wort Weisheit unter Christen jahrhundertelang verpönt, denn notwendig hätte sein anerkannter Gebrauch die heidnische Gesinnung gestärkt oder restauriert. Worte sind eben mehr als Buchstaben, wie Mathematiker sie verwenden. Sie sind selbst etwas, hängen in ihrer Bedeutung nicht davon ab, wie Gelehrte sie definieren. So halte ich für ausgeschlossen, daß das Wort Liebe auf Jahrhunderte hinaus aufs neue zum Vehikel und Evokator dynamischer Gesinnung werden kann. Es bedeutet heute nun einmal Nächstenliebe im sozialen Sinn der Massenwohlfahrt; es bedeutet nun einmal Rücksichtnahme auf der anderen Faulheit; es ist nun einmal vom Prinzipe der Beschleunigung und des Neuwerdens zu dem der Kohäsion und des Beharrens im alten Geist geworden. Es hat sein organisches Schicksal erfüllt, wie alle Gestaltung es irgendeinmal tut. Alle Gestaltung ist endlich, unterliegt dem Rhythmus von Geburt, Reife, Älterwerden und Tod. Und ebensowenig wie körperliche, ist auch geistige Gestaltung, wenn sie alt geworden, jemals aus sich heraus zu verjüngen. Wie kann unter diesen Umständen der ewig-wahre Sinn des Liebes-Worts sich erneut als lebendige Kraft manifestieren? Insofern er wiedergeboren wird aus dem Geist.

Das heißt heute: indem es aus dem Verstehen heraus neugeboren wird. Damit sind wir denn zum Leitmotiv der Schule der Weisheit zurückgelangt. Im Kapitel dieses Buchs, das dem religiösen Problem gewidmet ist, wird ausführlicher, als bisher geschah, gezeigt werden, inwiefern Verstehen, psychologisch beurteilt, sogar das Gleiche leisten kann, wie zu Beginn unserer Ära die Funktion des Glaubens. So Extremes verlangt der Zusammenhang dieses Kapitels nicht. Hier galt es nur zu zeigen, daß auch die Wirklichkeit, die dem christlichen Liebesbegriff zugrunde liegt, nur aus Verstehen seines wahren Sinns heraus eine Wiedergeburt erleben kann. Und daß der Nachdruck auf neues Empirisches zu legen ist, wenn es das gleiche Metaphysische gilt. Der Geist der Liebe an sich wird die Welt dieses Mal nicht erneuern, denn in seinem noch lebendigen Körper lebt kein beschleunigendes Motiv. Auch abgesehen davon kann er es nicht mehr tun, weil die neue Menschheitsphase, in die wir eingetreten, nicht weiblicher, sondern männlicher Signatur ist, und der Geist des reinen Gebens, auf den allein es ankommt, einen dementsprechend andersartigen Körper gewinnen muß, sofern er im Großen wirken will. Von der Liebe, wie sie nun einmal verstanden wird, erwarten ihr Heil heute mit innerem Recht nur Statiker und Pathiker1.

Auch sie muß und soll es geben. Ja, jetzt dürfen wir auch, ohne Mißverständnis nahezulegen, behaupten: es ist gut, daß in der modernen Welt so viel statische und pathische Gesinnung herrscht. Wieviel erfreulicher ist, dank diesen, das Leben der Mehrzahl gegenüber dem der Antike! Zweifelsohne ist es nicht allein ein Unglück, daß die christliche Liebe nunmehr zur Kohäsion erstarrt ist: es ist damit ein höherer Kohäsionszustand zur Vorherrschaft gelangt, als je einer geherrscht hat. Das heißt, die Verwirklichung dessen, was letztlich nottut, kann nunmehr von einer höheren Basis aus in Angriff genommen werden. Aber ein Fortschrittsmotiv bedeutet die christliche Liebe allerdings nicht mehr. Heute kann Fortschritt allein durch Tiefer-Verstehen ausgelöst werden. Heute heißt es nicht mit Augustinus: Ama, et fac quod vis. Heute heißt es ganz ausschließlich: erfasse den Sinn. Gewiß ist mit der Annahme der richtigen Fragestellung ebensowenig geleistet wie mit der Annahme der Liebesforderung. Unter allen Umständen gilt es, den ganzen lebendigen Organismus vom verstandenen tiefsten Sinn her durchzuorganisieren. Aber heute ist solche Neuorganisation eben nur von der Sinneserfassung her in progressiver Richtung möglich. Wer heute gegen die Einsicht kämpft, kämpft allemal nur für seine Trägheit und eben damit wider Christi ewigen Geist. Denn in jeder neuen Zeit stellen sich die ewigen Probleme neu.

1Vgl. über letzteren Begriff das Spengler-Kapitel meiner Menschen als Sinnbilder.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Liebe und Erkenntnis
© 1998- Schule des Rades
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