Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Das ethische Problem

Das sogenannte Moralische

Betrachten wir von hier aus das Gebiet des sogenannten Moralischen. Unsere bisherigen Erkenntnisse implizieren bereits, daß das sogenannte Moralische und das Ethische verschiedenster Bestimmungen fähig sein müssen; d. h., daß das Verschiedenste zunächst als gut gelten kann. Denn in erster Instanz handelt es sich immer nur um Formgebung und Haltung überhaupt, die dem Menschen im Naturzusammenhang dieselbe Selbstbehauptung ermöglichen, welche Pflanzen und Tieren ohne Selbstbestimmung gelingt. Hieraus erhellt denn zunächst der tiefe Sinn des Satzes, daß sich das Moralische von selbst versteht oder vielmehr verstehen soll. Tatsächlich liegt der ganze Wert bestimmter Moralität gegebenenfalls, immer empirisch beurteilt, in ihrer Selbstverständlichkeit. Verstoß gegen bestehende Moral bedeutet, falls solcher nicht in Funktion höherer Formgesetze erfolgt, unter allen Umständen Unzulänglichkeit in der Formgebung und Haltung und insofern Versündigung gegen einen bestimmten Typus von Menschentum. Denn dieser besteht ja gerade in Funktion dieser Gesetze; seine Moral grenzt also die Basis ab, von der aus sich ihm die Lebensprobleme stellen. Demgemäß war denn jede gestaltete Menschheit wesentlich moralisch und desto moralistischer gesinnt, je gefestigter ihr Zustand war. Skepsis gegenüber dem Wert bestehender Ordnung war, historisch nachweislich, von jeher in bezug auf diese Zersetzungssymptom, und problematische Stellung gegenüber dem Moralischen überhaupt Zeichen von Ungestalt. Insofern hatten die Griechen nicht Unrecht, in Sokrates einen Verderber zu sehen: behielt er Recht, dann mußte die alte athenische Ordnung untergehen, wie sie denn tatsächlich untergegangen ist.

So bedeutet die berühmte russische Vorurteilslosigkeit nicht, wie ihre Bewunderer der Vorkriegszeit behaupteten, daß die Russen über alle Vorurteile hinauswären, sondern vielmehr, daß sie noch keine hatten. Ebendeshalb gelangte bei ihnen seither ein überall sonst in Europa undenkbarer Despotismus, d. h. ein rein äußerliches Gestaltungsprinzip, zur Macht. Ebendeshalb erweist sich, um schnell noch ein negatives Beispiel zu nennen, das wesentlich problematische Volk Europas, das deutsche, als das der geringsten Haltung, die denn die letzte Ursache einerseits des immer erneuten deutschen Zusammenbruchs, des Deutschenhasses, des Mythos, daß die Deutschen moralisch minderwertig usw. seien, ist, andererseits seiner Vorliebe für äußere Ordnung, Drill und Pflicht. Demgegenüber war der noch unzersetzte antike Mensch wesentlich moralisch und moralistisch. Ebendeshalb galt Gleiches im 18. Jahrhundert von ganz Europa: dies war die Zeit seiner äußersten bisherigen Vollendung. Ebendeshalb sind die heute noch in Form befindlichen Völker Europas sämtlich moralistisch.

Am auffälligsten gilt dies von den Franzosen, weil sie, scheinbar das jeweils modernste Volk, noch wesentlich antikischen Geistes sind. Ihr ursprünglicher Moralbegriff — le moral — ist wirklich noch vorchristlich (letzteres geht daraus besonders deutlich hervor, daß der Franzose dem als ihm zugehörig Anerkannten, sei er Landsmann, naturalisierter Fremder, Verbündeter oder Gastfreund [ξεινος!], der treueste Freund und Gönner ist, doch sich dem Fremden [Barbaren] gegenüber mit bestem Gewissen in einem Grad unmenschlich erweisen kann, wie sonst kein Europäer); er bedeutet nichts anderes als Maß und Einklang, im einzelnen wie in der Gemeinschaft, also richtig Haltung im Sinn des römischen Edlen (wenn auch, entsprechend der anderen Naturanlage, mehr ästhetisch qualifiziert, dank wem der Franzose wiederum dem Chinesen ähnlich erscheint, dem Moralität gebildete Natur bedeutet). Doch noch stärker tritt Gleiches, naturgemäß, bei den zwei noch älteren Völkern zutage, die unseren Erdteil bewohnen: den Spaniern und Juden. Die innere Form des Spaniers datiert aus prähistorischer Zeit. Deshalb hat er mehr Haltung als irgendein anderer, denn Formgebung und Haltung überhaupt sind es ja, welche, die Sonderstellung des Menschen definieren1. Er hat noch heute gleichsam Haltung an sich, beinahe ohne Bezug auf absolute Werte.

Doch die beste Illustration dessen, was Moralität erstinstanzlich bedeutet, bieten die Juden. Die sind das moralische Volk par excellence. Ihr ganzes Leben war von jeher einzig und allein durch moralische Gebote bestimmt. Ein echter Jude, welcher unmoralisch wäre, kommt noch heute nicht vor. Man mag nun über das spezifisch jüdische Ethos denken, wie man will — es ist gewiß kein Heldenethos, zuzeiten entsprach und entspricht es geradezu dem Ethos des Eingeweidewurms —: dank ihm haben sich die Juden seit vorgeschichtlichen Zeiten, durch alle Wechselfälle hindurch, die jedes andere Volk vernichtet hätten, als Juden gehalten. Dank ihm haben sie wieder und wieder fremdes Blut assimiliert; dank ihm werden sie gewiß noch viele Völker überleben. Das Beispiel der Juden scheint mir nun besonders geeignet, den primären Sinn des Ethos klarzumachen. Die Juden meinten immer Metaphysisches. Aber es war nicht, weil sie metaphysisch recht hatten, sondern weil sie auf bestimmte Weise mit einzigartiger Festigkeit in Form waren, daß sie sich so gehalten haben.

Spezifisches Ethos bedeutet eben zunächst nie anderes als spezifische Geformtheit. Dieser Satz wird dadurch unmittelbar bewiesen, daß auch Fiktionen, grundsätzlich gesprochen, den gleichen Dienst leisten. So ist das englische Ethos durch Ehrbegriffe bestimmt, welche kosmisch betrachtet nicht mehr als Spielregeln bedeuten und bei Juden sehr bezeichnender Weise in diesem einen Sinn allenfalls Verständnis finden2. Fair play und loyalty, nicht Wahrhaftigkeit und Güte, sind des Engländers letzte Werte. Aber auch sie bedingen mögliche Formgebung und Haltung. Hier führt die Gegenüberstellung dieses spezifischen Ethos mit dem der Spanier und Juden zu besonders fruchtbaren Einsichten, die ich an dieser Stelle nur gerade skizzieren kann. Das spanische Ethos, das Ethos der größten Haltung, ist andererseits ohne beschleunigendes Motiv. Dies bedingt unveränderliche Dauer am gleichen Ort durch alle Zeit; die Spanier kennen von Hause weder Fortschritt im europäischen Sinn, noch auch Entartung; sie sind fast so zeitlos wie die Beduinen. Das englische Ethos hingegen bedingt Dynamik im Sinn des Wettspiels. Dementsprechend erweist es sich beschleunigend, erobernd, weltumgreifend, aber auch wesentlich gefährdet: es verliere England die privilegierte Stellung, die ihm zu spielen erlaubt, und mit dem Engländertypus, der Englands Größe schuf, wäre es aus. Deshalb hat der Weltkrieg das siegreiche England konstitutionell soviel mehr verändert als das besiegte Deutschland. Das jüdische Ethos, endlich, das sich ganz und gar an absoluten Werten metaphysischen Ursprungs orientiert, ermöglicht ewige Fortdauer — aber nur in Form getragener Niedrigkeit und Heimatlosigkeit. Daher der Mythos vom Ewigen Juden. Jetzt leuchtet wohl endgültig ein, daß Ethos zunächst nicht mehr als wirkendes Organisationsprinzip überhaupt bedeutet, ohne jede moralische Qualifikation im absoluten Sinn.

Erkennen alle Ethiken der Erde doch entweder grundsätzlich Gleichsinniges oder doch nur wenige unter den denkbaren Qualifikationen des Ethischen als positiv wertvoll an (z. B. des Heldentums, der Heiligkeit, der Arbeit), so liegt dies daran, daß nur bestimmte Haltungen des Einzelnen und der Gesellschaft sich für die Dauer als haltbar erweisen im kosmischen Zusammenhang. Dies kann ohne Anerkennung irgendeines metaphysischen Prinzips behauptet werden: nur bestimmte Haltungs- und Verhaltungsarten sind erfahrungsgemäß in Einklang mit dem Weltgesetz. Dies gilt erst recht von der Haltung überhaupt. Es ist Erfahrungstatsache, daß Nicht-Befolgung der moralischen Grundnormen dem Sinn der Dinge widerspricht. Der unmoralische Einzelne, der nicht von höheren Normen bestimmt wird, als es die sind, gegen welche er verstößt, verdirbt. Gewiß braucht er nicht äußerlich zu scheitern. Sicher jedoch nimmt er Schaden an seiner Seele. Eine demoralisierte Gesellschaft aber geht zwangsläufig zugrunde, weshalb es noch nie eine gesunde Gesellschaft gab, deren Glieder unter sich die Grundnormen bestimmter Moral nicht anerkannten, was immer ihre Ideen von Gut und Böse waren. So sind Verbrecher untereinander peinlich loyal.

1Aus eben diesen Gesichtspunkten erklärt sich, warum die lateinische Frau soviel mehr Haltung hat als die germanische und deshalb soviel schwerer verführbar erscheint. Nur ausnahmsweise tut eine Lateinerin anderes, als was sie will; der Germanin passiert wieder und wieder, was sie nie wollte. Ebendeshalb beruft sich der ewig entgleisende Deutsche wieder und wieder darauf, daß es gut gemeint war. Auf seine Intention beruft sich einzig der haltungslose Mensch.
2Vgl. das hochinteressante Buch von Maurice Samuel You Gentiles, New York 1925, Harcourt, Brace & Co. Dann weise ich an dieser Stelle noch einmal auf die zwei Sonderhefte 1925 und 1926 der Zeitschrift Der Jude hin, und in ihnen auf die Aufsätze von Oscar A. H. Schmitz.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Das ethische Problem
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