Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Das ethische Problem

Verwirklichung des Guten

Wie steht es nun mit dem absolut gedachten Guten und Bösen? Es steht zunächst, was noch einmal betont sei, so, daß ihre Wirklichkeit im Reich des Sinns nicht zu erschüttern ist. Ich gab absichtlich keine genaue Definition dessen, was Gut und Böse sei, weil es sich dabei um Grundqualitäten handelt, die jeder als bestimmende Normen in seinem Bewußtsein vorfindet. Hier führt jeder Bestimmungsversuch, der den Anschein erweckt, als sei die Wirklichkeit erst zu erweisen, irre, denn alle Schwierigkeit liegt hier vielmehr darin, daß der Maßstab feststeht, wogegen ungewiß bleibt, ob und wie er aufs zu Messende zu übertragen sei. Es gelingt tatsächlich nie, im Reich der Empirie eine Lösung zu finden, die den gemeinten Sinn auch nur annähernd so verwirklichte, wie jeder positiv Gesinnte es im innersten Herzen wünscht. So bleibt uns denn nichts übrig, als die Lösung des ethischen Problems in anderer Richtung zu suchen. Diese nun finden wir, wenn wir uns dessen erinnern, daß sich das ethische Problem zugleich mit dem Freiheitsproblem stellt und mit ihm steht und fällt. Das Freiheitsproblem nun ist ein reines Aktualitätsproblem; Freiheit äußert sich ausschließlich in der Entscheidung. Nun, unter diesen Umständen steht und fällt wohl auch das ethische Problem mit dem Konflikt. Das heißt: es gibt überhaupt keine ethische Lösung des ethischen Problems.

Und es gibt sie nicht nur nicht: es kann und soll sie nicht geben. Rufen wir uns die Ergebnisse der Zyklen Werden und Vergehen und Gesetz und Freiheit ins Gedächtnis zurück. Leben manifestiert sich in der Erscheinung überall als labiler Gleichgewichtszustand; dauerndes Gleichgewicht widerstreitet seinem bloßen Begriff. Es verläuft in jedem Augenblick als Geborenwerden und Sterben zugleich. So sind Entstehen und Vergehen die polaren Koordinaten jedes Lebensmoments. Dies gilt nun nicht allein auf der physischen Ebene: uns wurde klar, daß Gute und Böse auf der Ebene der Subjektivität den Polen von Leben und Tod entsprechen. Darum ist es ebenso unmöglich, im Leben das Böse überhaupt zu überwinden, wie den Tod. Doch die Polarität Leben-Tod ist nicht des Lebens letzte Instanz. Wie das Werden und Vergehen der Töne zusammen erst die wahre Wirklichkeit der Musik, die Melodie, zum Ausdruck bringt, so sind empirisches Leben und empirisches Sterben zusammen der Ausdruck eines rein Positiven, welches wir, da es sich um Metaphysisches handelt, an sich nicht mehr bestimmen können, jedoch vollkommen evident als letzten Grund unseres eigenen Lebens erfahren. Der Tod ist ganz gewiß nicht unsere eigene letzte Instanz. So ist es auch ganz gewiß nicht das Böse.

Völlig selbstverständlich weiß jeder, der sein ursprüngliches Selbstbewußtsein nicht mißversteht, daß das Gute für ihn ein absolut Positives sowohl als das letztlich Wirkliche ist. Ebendies bringen alle Religionen und alle Ethiken so oder anders zum Ausdruck. Aber dieses absolut Positive, das jenseits der empirischen Polarität liegt, gehört im Fall des Guten wie im Fall des Lebens ausschließlich dem transsubjektiven Sinneszusammenhange an, den unser Kapitel Tod und Ewigkeit aufwies, und nicht der objektivierten Ordnung. Grundsätzlich ist sein Reich nicht von dieser Welt. Wer daran zweifelt, bedenke nur zweierlei: erstens, daß Gut und Böse primär als absolute Qualitäten gedacht werden und jedes empirisch Gute und empirisch Böse relativen Charakter trägt. Zweitens, daß es unmöglich ist, als Politiker und Geschäftsmann allen sittlichen Forderungen Genüge zu tun, ohne als solcher zu scheitern. Praktisch manifestiert sich das absolut Positive in der Welt der Objektivitäten nur als Aktus. Hier bietet die Freiheit das allgemeine Schema. Freiheit gibt es nur als Indifferenzpunkt zwischen dem noch nicht und dem nicht mehr. Gleichsinnig ist Leben jeden Augenblick ein aktuelles Beleben. Und so besteht auch das absolut Gute, das alle Ethiken und alle Religionen meinen, und das jeder von Kind auf als letzten Imperativ erlebt, auf dieser Erde nie in anderem als der jeweiligen guten Entscheidung. Nur in Form reiner Aktualität und reiner Subjektivität also gibt es objektiv Gutes, dem kein korrelatives und kompensatorisches Böses entspräche. Daher denn Kants Lehre, daß es nichts wahrhaft Gutes gäbe als eben den guten Willen. Daher das Wort Meister Eckharts:

Gebricht dir’s nicht am Wollen, sondern allein am Vermögen, wahrhaftig! Vor Gott hast du alles getan.

Ebendaher die Verurteilung des Gerechten seitens aller wahrhaft ethischen Geister. Der Gerechte glaubt nämlich an ein objektives, vom jeweiligen Subjekte unabhängiges Gutes, das es nur zu befolgen gilt, wo es nur aktuelle gute Akte gibt. Wer sich also für gut hält, nur weil er bestimmte Normen befolgt, der ist im tiefsten metaphysischen Verstande böse. Deshalb schreibt Albert Schweitzer, der tiefste lebende Ethiker, mit vollem Recht:

Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels1.

Aber man glaube nun ja nicht, es komme auf die gute Absicht im üblichen Sinne an. Hier gilt nämlich andererseits der Satz, daß der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert ist. Psychoanalytische Forschung hat ein für allemal festgestellt, daß die wahre Intention ihren Exponenten immer an der Wirkung hat. Was der ungenaue Ausdruck guter Wille wirklich meint, ist aktuelle positive Sinngebung; nicht darum handelt es sich demnach, das Beste zu wollen, sondern klar als solchen erkannten positiv guten Sinn mittels rein persönlicher Initiative der Erscheinung einzubilden. Und nur insofern kommt es nicht auf den Erfolg an, als übermächtige rein äußere (nicht innere) Umstände die Realisierung des gemeinten Sinnes hindern. Doch nun zur letztgültigen Bestimmung des Verhältnisses des nunmehr abgegrenzten absolut Guten zur äußeren Ordnung. Wir sahen, daß es nicht im Sinn des erscheinenden Kosmos liegt, daß das Gute siege. Auf dessen Ebene sind Gut und Böse grundsätzlich gleich mächtige Pole, und der negative hat insofern das praktische Übergewicht, als Endlichkeit und Vergehen das letzte Schicksal aller Erscheinung sind. Nichtsdestoweniger strebt der Mensch nach dem absolut Guten, weil sein wahres Wesen sich eben darin äußert, weil er letztlich im transsubjektiven Sinneszusammenhang und nicht in der objektiven Naturordnung wurzelt und inneres Wachstum das ist, worauf es für ihn letztlich ankommt.

Von hier aus erkennen wir nun, daß gerade die empirische Unlösbarkeit des ethischen Problems dem tiefsten Sinn des Lebens, den wir fassen können, entspricht. Wie das physische Leben sich allein durch immer erneutes Beleben des an sich Toten und von Gleichgewichtsmangel zu Gleichgewichtsmangel manifestiert, so ist gerade die Unlösbarkeit des Konflikts, vor dem jeder strebende Mensch als ethisches Wesen jeden Augenblick im empirischen Leben steht, die Bedingung der Verwirklichung des Guten. Denn dadurch, daß es immerdar unmöglich ist, zu leben, ohne Schuld auf sich zu nehmen, daß ein gutes Gewissen zu gewinnen radikal unmöglich ist, bleibt das ethische Streben, auf das allein es ankommt, im Gange. Deshalb fühlte gerade jeder Heiliger sich als schlimmster Sünder. Deshalb sagte sogar Jesus, ich bin nicht gut, Gott allein ist gut. Das empirische Leben ist unabwendbar Tragödie. Und von hier aus erfassen wir auch den tiefsten Sinn des Gebots der Nächstenliebe in ihrem so gegenständlichen Wortlaut. Da es unmöglich ist, dem Guten objektiv zum Siege zu verhelfen, so bleibt nur übrig, in jedem Fall das nächstliegende Gute zu tun und das übrige Übel der Welt zu tragen, so, wie es Jesus tat. Und eben hieraus erklärt sich der Segen des Leidens, vom äußerlich-Objektiven bis zur Reue und Gewissensangst. Eben dank ihm verwirklicht sich in der Seele das absolut Gute. Aber es ist immer nur jeweils im Einzelnen und durch ihn verwirklichbar.

Das ethische Problem ist jedesmal ein rein und ausschließlich individuelles. Dies erkannt zu haben bedeutet denn die ethische Großtat Jesu. Und nun fällt es uns wie Schuppen von den Augen bezüglich des Rätsels, die das antinomische Verhältnis der inneren Forderung, das absolut Gute zu tun, zu den Möglichkeiten sozialer Moralität aufgibt. Grundsätzlich hat soziale Moral mit dem Ethischen gar nichts zu tun. Sie ist immer nur diesseitig zu bestimmen, im Geist unserer Anfangserkenntnis über den Sinn des Ethos. Sie kann und darf nur utilitarisch und eudämonistisch sein. Und sie kann sogar nicht anders als unethisch sein, insofern ihr das Individuum nicht letzte Instanz ist. Ja, sie soll unethisch sein. Denn in bezug auf den Einzelnen kann keine soziale Entscheidung je gerecht sein, und auch die Gemeinschaft soll leben, denn ohne sie könnte kein Einzelner auf Erden bestehen. Heute wird versucht, die Rechtsprechung zu humanisieren; so wird zwischen den selbstsüchtigen und den Gesinnungs-Verbrechern reinlich unterschieden. Aber geht dieses Streben zu weit, so wird sich die Jurisprudenz zwangsläufig ad absurdum führen. Kein Einzelner als solcher ist je verdammenswert; da hat das Christentum auf ewig Recht. Man kann nie wissen, ob nicht das Gute irgendeinmal die noch so hartgewordenen Bindungen schlechter Gewohnheit durchbricht. Denkt man allein von diesem Gesichtspunkt aus, das absolut Gute wollend, dann darf man schließlich niemanden strafen, außer um ihn besser zu machen. Und da jede härtere Strafe nachweislich verhärtet, so dürfte man, wenn Ethik die Rechtsprechung beherrschte, praktisch nur dann strafen, wenn die Strafanstalt ein Sonderort des Paradieses darstellte. Dahin führt denn auch eine wichtige Tendenz dieser Zeit. Allein sie schafft, sozial beurteilt, ebensoviel Übles wie Gutes, denn der abschreckende Charakter der Haft hört damit zu bestehen auf. Es kommt beim Recht eben in erster Linie auf die Gemeinschaft und nicht den Einzelnen an. Nun kann freilich Ethisches dem sozial-Moralischen bis zu einem gewissen Grade eingebildet werden.

Es kann dies geschehen direkt proportional dem Grad, indem die geltende soziale Moral ihren Sinn dahin verwandelt, daß nicht die Gesellschaft als solche ihr als Selbstzweck gilt, sondern daß deren moralischer Rechtsgrund vielmehr in der Schaffung möglichst günstiger Entfaltungsbedingungen für den Einzelnen liegt. In diesem Fall werden die Wachstumsnormen für den Einzelnen — also die eigentlichen ethischen Normen — zu Sitten- und Rechtsgeboten. Von hieraus läßt sich auch bestimmen, welche objektive Ethik allein dem Sinn des Ethischen nicht widerspricht: es ist die der Ehrfurcht vor dem Leben, die Albert Schweitzer begründet hat. Ist nämlich das Selbst des Einzelnen mit seinem guten Willen die letzte Instanz des denkbaren Guten überhaupt, dann gibt es keine Möglichkeit, sich anders als in reiner Ehrfurcht zu jedem Andern zu stellen, denn es gibt keinen Maßstab, welcher von außen her die Seele zu beurteilen erlaubte. Aber Schweitzers Ethik ist, wie ihr Schöpfer selber besser weiß als jeder andere, ihrerseits empirisch nicht durchaus objektivierbar, und nie kann sie es werden.

Immer wieder erweist es sich als unabwendbar, den Einzelnen quantitativen Erwägungen aufzuopfern. So kann denn Ethik im Sinne Albert Schweitzers nur als Gesinnung zum kategorischen Imperativ erhoben werden. Und vielleicht siegt diese Gesinnung einmal so weit, daß es gelingt, die Person als Lebenswert grundsätzlich als Instanz über der Gesamtheit zur Anerkennung zu bringen, so daß der wahnsinnige Unfug, daß das Gute vom sozialen Standpunkt aus bestimmt würde, endlich aufhörte. Dies würde zu einer Universalisierung des Fortschritts führen, der sich heute darin zu äußern wenigstens beginnt, daß nicht mehr Unberührtheit über die Reinheit der Frau entscheidet, daß keine bestimmte sexuelle Betätigung den Einzelnen entehrt2, oder daß, wer sich nicht duelliert, deshalb nicht ehrlos zu sein braucht. Jede von den anderen ausgehende Ethik ist reines Mißverständnis. So in erster Instanz Kants Pflicht-Ethik. Es muß dahin kommen, daß grundsätzlich anerkannt wird, daß jedes Individuum als solches ein Heiligtum ist, und daß jede Einmischung in das Privatleben Hausfriedensbruch bedeutet. Von dieser Gesinnung aus gilt es alsdann die auf ihrer Ebene ebenso notwendigen Gebote der sozialen Moral von Fall zu Fall zu korrigieren. Aber gerade diese Korrektur kann jeweils, dem Sinn aller Ethik gemäß, nur eine strikt individuelle und einmalige Aufgabe sein, und nie werden sich hier allgemeingültige Regeln aufstellen lassen. Ja, gelänge es nur ein einziges Mal, das Gute statisch zu fundieren, dann wäre sein Reich auf Erden für immer zerschlagen, und der Teufel hätte endgültig triumphiert.

Allgemeine Regeln gibt es nur hinsichtlich des Gattungsmäßigen, wie es Ethos und Hyperethik definieren, und diese bewähren sich auch bis zu einem gewissen Grad vor der Idee des absolut Guten, dank dem kosmischen Korrespondenzgesetz. Daher der Schein, daß es allgemeingültiges Sollen geben kann und daraufhin eine allgemeingültige objektive Ethik. Doch jene Regeln bewähren sich nie durchaus: jeden Augenblick kann der Verbrecher ein Heiliger werden, kann eine moralisch schlechte Tat für einmal ethisch Förderndes bedeuten. Von hier aus wird denn — um unsere abstrakten Erkenntnisse durch konkrete Illustrierung farbiger zu gestalten — verständlich, warum der stets an seine Pflicht als letzte Instanz denkende Deutsche ohne jede moralische Werbekraft erscheint, so grundehrlich und tüchtig er sei, während solche Spaniern und Engländern am meisten eignet. Bei den ersteren hängt dies unmittelbar damit zusammen, daß sie objektive, d. h. zu Recht veräußerlichte Gerechtigkeit perhorreszieren: der sich persönlich Rächende gilt für anständig, der objektiv Verurteilende eben darum für minderwertig. Deshalb gelten in Spanien alle Sympathien dem verurteilten Mörder, sofern er nicht feige war, sind die spanischen Gefängnisse von allen die humansten und genießt der Richterstand beim Volk nur geringe Achtung. Hierbei handelt es sich freilich um eine sehr primitive Form ethischen Bewußtseins. Aber es steht doch millionenmal höher als alles deutsche Billigkeitsgefühl, denn das Ethische steht und fällt damit, daß es persönlich, aus persönlichster Initiative vertreten wird.

Von wo aus wir denn zum Verständnis der einzig dastehenden englischen Werbekraft gelangen. Der Engländer erkennt die Forderungen der Gemeinschaft in ihrer berechtigten Sphäre womöglich mehr noch an, als es der Deutsche tut. Keiner kann so hart sein wie er, wenn es das Gemeinwohl fordert. Aber als Einzelner ist er jederzeit bereit, seine persönliche Ehre und das, was sein höheres Selbst verlangt, über die Pflicht zu stellen. Dies ist der Grund, warum ihm niemand seine Härte nachträgt. Er tut immer das nächstliegende Gute. Er bleibt immer Mensch. Daher verbietet ihm sein Ethos unbedingt eines: Unhöflichkeit. Höflichkeit ist allerdings der erste und vornehmste Beweis der Ehrfurcht vor fremdem Leben. Höflichkeit ist wichtiger und bedeutet mehr vor Gott als Nicht-Morden, Nicht-Ehebrechen, Nicht-Stehlen. Es sei einer objektiv wohlwollend gesinnt, soviel er will — ist er nicht höflich, so ist er unmenschlich und insofern im tiefsten Sinn schlecht. Nur wer den Menschen im Menschen achtet, handelt im wahren Sinn des Guten. Dementsprechend hat er allein werbende Kraft; nur er findet Nachfolge. Von hier aus gelangen wir denn zum einzig wahren Begriff der Menschlichkeit. Nicht um Mitleid, Nachgeben usw. handelt es sich dabei. Sondern darum, daß der einzelne Mensch sich selbst und Anderen, ganz im christlichen Verstande, letzte Instanz sein muß. Alle Humanisierung von Recht und Politik beruht darauf und genau im gleichen Grade alle Ethisierung. Ebendies ist der Sinn dessen, daß Institutionen mehr und mehr darauf zugeschnitten werden, die Menschen zu bessern. Gut und besser zu werden, ist eben letztes persönliches Ziel.

Doch noch einmal: die Gemeinschaften würden so human und ethisch, wie überhaupt denkbar ist — der Konflikt zwischen wahrer Ethik und Gemeinschaft bleibt unlösbar. Nie hatte je einer das Recht auf ein gutes Gewissen. Und eben so soll es sein. Die Unlösbarkeit des ethischen Konflikts ist gerade der eigentliche Sinn des höheren Ethos. Diese Unlösbarkeit gilt es zu erleben und zu tragen. Und hier dürfen wir sagen: wehe nicht allein dem Gerechten, sondern auch dem, der, weil das Himmelstor der Ethik zur Hölle der Verzweiflung führe (Richard Wilhelm), deshalb, das Ethische überfliegend, unmittelbar im Reich der Gnade seinen Wohnsitz sucht. Dies ist für den Menschen unmöglich ohne Preisgabe seines Menschentums. Der Mensch als Mensch steht und fällt mit seinem Ethos. Wir verwandten des öfteren das Bild, daß es die Spannungen der Saiten sind, die es allererst möglich machen, Melodien zu spielen. Dies gilt im höchsten Grad auf ethischem Gebiet. Wer die Spannungen zwischen dem inneren Anspruch, das absolut Gute zu tun, und der Unmöglichkeit, ihn zu erfüllen, nicht erträgt, wer sich weigert, sein Kreuz auf sich zu nehmen, der ist wahrhaftig verdammt.

1Kultur und Ethik, S. 249, Verlag C. H. Beck. Dieses Werk sollte jeder lesen; es ist das wissendste, das ich auf ethischem Gebiete kenne.
2An dieser Stelle möchte ich nur ganz kurz auf den Widersinn der Homosexualitäts­bestrafung hinweisen. Wer homosexuell veranlagt ist, den reizt das Verbot allenfalls zur Übertretung. Heute steht fest, daß diese Anlage physiologisch begründet ist, also ein Pathologisches darstellt oder günstigenfalls eine exzentrische Form von Normalität. Deshalb kompetiert hier freilich die Medizin. Doch was geht es den Staat und die Gesellschaft an? Ein kräftig Wörtlein wirkt oft am aufklärendsten. So behaupte ich denn: Erst wenn einmal eine A … geburt nachgewiesen wäre und sich dabei herausstellte, daß die so entstehende Generation den nach den üblichen Methoden hervorgebrachten gegenüber minderwertig wäre, hätten Staat und Gesellschaft Anlaß einzugreifen.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Das ethische Problem
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME