Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Erste Abteilung

I D E O G R A M M

1. Kiën - Das Schöpferische

Kernzeichen:Kiën und Kiën
Herr des Zeichens ist die Neun auf fünftem Platz. Das Schöpferische bezeichnet den Weg des Himmels, und der fünfte Platz ist das Bild des Himmels. Andererseits bezeichnet das Schöpferische den Weg des Edlen, und der fünfte Platz als Platz des Herrschers ist der dem Edlen gebührende Platz. Die Neun auf fünftem Platz besitzt außerdem vollzählig die vier Eigenschaften der Festigkeit, der Stärke, des Maßes (zentrale Stellung im oberen Zeichen) und der Gerechtigkeit (Korrektheit, da als Yangelement auf dem Yangplatz befindlich). Insofern besitzt dieser Strich den Charakter des Himmels in seiner Reinheit.
Das Zeichen ist dem vierten Monat (Mai-Juni) zugeordnet, da die lichte Kraft auf der Höhe ist.
Vermischte Zeichen
Das Schöpferische ist stark.
Der Charakter des Zeichens ist die Kraft und Festigkeit.
Das Bild des Zeichens ist der Himmel verdoppelt, d. h. zwei aufeinanderfolgende Drehungen oder Tage.
Die Gestalt des Zeichens: Es ist aus lauter positiven Strichelementen zusammengesetzt.
Das Urteil
Das Schöpferische wirkt erhabenes Gelingen,
fördernd durch Beharrlichkeit.
Groß fürwahr ist die Erhabenheit des Schöpferischen, der alle Dinge ihren Anfang verdanken und die den ganzen Himmel durchdringt.
Die beiden Paare von Eigenschaften werden in der Erklärung aufgelöst in vier einzelne Attribute der schöpferischen Kraft, die im Himmel ihre sichtbare Gestalt hat. Das erste ist die Erhabenheit, die als die erste Ursache alles dessen, was ist, das bedeutendste und umfassendste Attribut des Schöpferischen bildet. Das chinesische Wort dafür, Yüan, bedeutet eigentlich Haupt.
Die Wolken gehen, und der Regen wirkt, und alle einzelnen Wesen strömen in ihre Gestalt ein.
Hier ist die Erklärung des Ausdrucks Gelingen gegeben. Der Erfolg der Schöpfertätigkeit äußert sich in der Bewässerung, die ein Sprossen und Keimen allen Lebens hervorruft. Während im ersten Paragraphen vom Anfang aller Wesen schlechthin die Rede ist, werden hier die einzelnen individuellen Arten in ihren besonderen Formen genannt. Diese beiden Paragraphen zeigen die Eigenschaften der Größe und des Erfolgs, wie sie sich an der Schöpferkraft in der Natur zeigen. Dementsprechend gestalten sich die Attribute der Erhabenheit und des Gelingens bei dem schöpferischen Menschen, dem Heiligen, der mit der Schöpferkraft der Gottheit in Einklang ist.
Indem der heilige Mensch große Klarheit hat über Ende und Anfang und die Art, wie die sechs Stufen jede zu ihrer Zeit sich vollenden, fährt er auf ihnen wie auf sechs Drachen gen Himmel.
Der heilige Mensch, der die Geheimnisse der Schöpfung versteht, die in Ende und Anfang, in Tod und Leben, Vergehen und Werden liegen, und der versteht, wie diese polaren Gegensätze einander bedingen, der wird erhaben über die Bedingtheit des Vergänglichen. Die Zeit hat für ihn nur die Bedeutung, daß sich in ihr die Stufen des Werdens in klarer Reihenfolge entfalten können. Und indem er jeden Augenblick ganz gegenwärtig ist, benützt er die sechs Stufen des Werdens, als führe er auf Drachen, die als Bild den einzelnen Strichelementen beigegeben sind, gen Himmel. Das ist Erhabenheit und Gelingen des Schöpferischen, wie es sich im Menschen zeigt.
Der Weg des Schöpferischen wirkt durch Veränderung und Umgestaltung, daß jedes Ding seine rechte Natur und Bestimmung erhält und in dauernde Übereinstimmung mit der großen Harmonie kommt. Das ist das Fördernde und Beharrliche.
Hier werden die beiden andern Attribute fördernd und beharrlich in Beziehung auf die Schöpferkraft der Natur erklärt. Die Art der schöpferischen Naturkraft ist nicht Stillstand, sondern dauernde Bewegung und Entwicklung. Durch diese Kraft werden alle Dinge allmählich verändert, bis sie gänzlich in ihrer Erscheinung sich umgestalten. So verändern sich und wechseln die Jahreszeiten und die ganze Welt der Kreatur in ihrem Verlauf. Dadurch bekommt jedes Ding die ihm zukommende Natur, die, von Gott aus gesehen, seine Bestimmung genannt wird. Dies ist die Erklärung des Begriffs fördernd. Indem so jedes Ding seine Art findet, entsteht eine große und dauernde Harmonie der Welt, die durch den Begriff des Beharrlichen (Dauer und Rechtschaffenheit) ausgedrückt wird.
Wenn er sich mit seinem Haupt über die Menge der Wesen erhebt, so kommen alle Lande zusammen in Ruhe.
Hier ist die schöpferische Kraft des Heiligen geschildert, der es dahin bringt, daß alles an den ihm gebührenden Platz kommt und so Frieden auf Erden entsteht, wenn er an hervorragender Herrscherstelle steht.
In diesen Erklärungen ist ein deutlicher Parallelismus zwischen dem Schöpferischen in der Natur und dem Schöpferischen in der Menschenwelt. Die Äußerungen über das Schöpferische in der Natur beruhen auf dem durch das Zeichen symbolisierten Bild des Himmels. Der Himmel zeigt die starke, unendliche Bewegung, die durch ihre Art bewirkt, daß alles zu seiner Zeit kommt. — Die Worte über das Schöpferische in der Menschheit beruhen auf der Stellung des Herrn des Zeichens, der Neun auf fünftem Platz. Der fliegende Drache am Himmel ist das Bild für die Erhabenheit und das Gelingen des heiligen Herrschers. Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen ist die Grundlage für die hervorragende Stellung des Heiligen, durch die die Welt zum Frieden kommt.
Das Bild
Des Himmels Bewegung ist kraftvoll.
So macht der Edle sich stark und unermüdlich.
Die Verdoppelung des Zeichens das Schöpferische ist das Bild der kraftvollen, dauernd wiederholten Bewegung. Den beiden Zeichen ist zu entnehmen, daß man aus sich selber die Kraft schöpft und daß auf jede Handlung eine neue folgt ohne Aufhören.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Verdeckter Drache, handle nicht!
  2. Verdeckter Drache, handle nicht!
    Das Lichte ist nämlich noch unten.

Der unterste Platz ist sozusagen noch ganz unterhalb der Erde, daher der Gedanke des Verdeckten. Da der Strich aber ein ungebrochener ist, so ist das Bild des Drachen, des Symbols der lichten Kraft, gewählt.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Erscheinender Drache auf dem Feld.
    Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.
  2. Erscheinender Drache auf dem Feld.
    Der Charakter wirkt schon ins Weite.

Der zweite Platz ist die Oberfläche der Erde, daher der Gedanke des Felds. Das Erscheinen auf dem Feld und das Erblicken des großen Mannes wird dadurch angedeutet, daß der Charakter des Strichelements sehr einflußreich ist, denn es ist zentral gestellt (an zweitem Platz, d. h. in der Mitte des unteren Zeichens) und steht außerdem noch zum Herrscher in der Beziehung des Platzes und der Gemeinsamkeit des Wesens.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Der Edle ist den ganzen Tag schöpferisch tätig.
    Des Abends noch ist er voll innerer Sorge.
    Gefahr. Kein Makel.
  2. Der Edle ist den ganzen Tag schöpferisch tätig.
    Man geht hin und her auf dem rechten Weg.

Der dritte Platz als Platz des Übergangs aus dem unteren ins obere Zeichen ist an sich unruhig und daher häufig nicht eben günstig. Hier aber infolge des einheitlichen Charakters aller einzelnen Striche ist auch dieser Übergang nur ein Zeichen unermüdlicher Tätigkeit, die auf dem Weg zur Wahrheit hin- und herführt. Das Hin und Her bedeutet, daß man erst im Begriff ist, sich moralisch zu festigen.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Schwankender Aufschwung über die Tiefe.
    Kein Makel.
  2. Schwankender Aufschwung über die Tiefe.
    Der Fortschritt bedeutet keinen Fehler.

Hier ist die obere Grenze des Bereichs der Menschen im Zeichen erreicht. Ein Fortschritt zu ebener Erde ist nicht mehr möglich. Man muß wagen, den Boden unter den Füßen aufzugeben, um weiter voranzukommen, sich ins Bodenlose und Einsame aufschwingen. Hier ist der Einzelne frei — eben infolge der Möglichkeit der Lage. Jeder muß sein Schicksal selbst bestimmen.

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Fliegender Drache am Himmel.
    Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.
  2. Fliegender Drache am Himmel.
    Das zeigt den großen Mann bei der Arbeit.

Hier ist der Herr des Zeichens auf ausgezeichnetem Herrscherplatz; darum ist er symbolisiert als fliegender Drache am Himmel.

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Hochmütiger Drache wird zu bereuen haben.
  2. Hochmütiger Drache wird zu bereuen haben.
    Denn was voll ist, kann nicht dauern.

Alles, was die äußerste Stufe erreicht hat, muß infolge des Gesetzes der Veränderung umschlagen.

Alle Striche sind Neunen:
a)
Wenn lauter Neunen erscheinen bedeutet das:
Es erscheint eine Schar von Drachen ohne Haupt. Heil!
b)
Alle Striche sind Neunen.
Die Art des Himmels ist es, nicht als Haupt hervorzutreten.

Das Schöpferische leitet zwar alles Geschehen, aber es tritt nie in die Erscheinung, tut sich nach außen hin nicht als Haupt hervor. So ist die wahre Stärke die, die beweglich, wie verborgen, an der Arbeit ist, ohne nach außen hin zu scheinen.
Indem alle Striche Neunen sind, verwandelt sich das Zeichen in das Zeichen Kun, das Empfangende, das ganz rezeptiv ist, daher kein Haupt zeigt.

Kommentar zu den Textworten (Wen Yen)

Vorbemerkung: Es handelt sich in diesem Buch um eine Sammlung von Kommentaren zu den beiden ersten Zeichen des Buchs der Wandlungen. Von diesen Kommentaren befassen sich zwei mit den Worten des Textes (und des Tuankommentars) zum ganzen Zeichen, während alle vier die einzelnen Strichelemente erläutern. Die Reihenfolge im Urtext ist: a) 1-9, b) 1-7, c) 1-7, d) 1-13. Im folgenden sind der leichten Übersicht halber, und um unnötige Wiederholungen zu vermeiden, die verschiedenen Kommentare zusammengeordnet, wobei sie durch die beigefügten Bezeichnungen kenntlich gemacht sind.

Über das ganze Zeichen:

a) 1
Die Erhabenheit ist von allem Guten das Höchste. Das Gelingen ist das Zusammentreffen von allem Schönen. Das Fördernde ist die Übereinstimmung von allem Rechten. Die Beharrlichkeit ist die Grundlinie von allen Handlungen.

Hier werden die vier Grundeigenschaften des Zeichens mit den vier Kardinaltugenden der chinesischen Moral in Beziehung gesetzt.
Der Erhabenheit entspricht die Liebe.
Dem Gelingen entspricht die Sitte.
Dem Fördernden entspricht das Recht.
Der Beharrlichkeit entspricht die Weisheit.

a) 2
Indem der Edle die Liebe verkörpert, ist er imstande, die Menschen zu beherrschen. Indem er das Zusammenwirken von allem Schönen herbeiführt, ist er imstande, sie durch Sitte zu einigen. Indem er alle Wesen fördert, ist er imstande, sie durch Gerechtigkeit in Harmonie zu bringen. Indem er beharrlich und fest ist, ist er imstande, alle Handlungen durchzuführen.

Die vier Grundeigenschaften des Schöpferischen sind zugleich auch die Eigenschaften, die für einen Führer und Herrscher der Menschen nötig sind. Um die Menschen beherrschen und leiten zu können, ist vor allem nötig, daß man sie liebt. Ohne Liebe kann auf dem Gebiet der Herrschaft nichts Dauerndes geleistet werden. Gewalt, die durch Furcht wirkt, ist immer nur für den Augenblick. Sie erzeugt notwendig Widerstand als Gegenwirkung. Auf der Grundlage dieser Gesinnung ergibt sich als Methode für die Vereinigung der Menschen die Sitte. Nichts bindet die Menschen fester zusammen als starke Sitten, die ihre Befolgung dadurch bewirken, daß sie jedem Mitglied der Gesellschaft als das Schöne, Erstrebenswerte erscheinen. Wo es gelingt, solche Zusammenhänge von Sitten zu bilden, in denen jeder sich wohlfühlt, da läßt sich die Vereinigung und Organisierung der Massen sehr leicht bewirken. Die Grundlage des Zusammenlebens muß ferner die größtmögliche Freiheit, der größtmögliche Nutzen für alle sein. Diese werden gewährleistet durch die Gerechtigkeit, die die Ungebundenheit der Einzelnen so weit einschränkt, als es zum allgemeinen Wohle unbedingt notwendig ist. Um die gesteckten Ziele zu erreichen, ist als viertes endlich die Weisheit nötig, die sich darin erweist, daß sie die festen und dauernden Wege zeigt, die nach den unabänderlichen Weltgesetzen zum Erfolg führen müssen.

a) 3
Der Edle handelt nach diesen vier Tugenden; darum heißt es: Das Schöpferische ist erhaben, gelingend, fördernd, beharrlich.
d) 1
Die Erhabenheit des Schöpferischen beruht darauf, daß es alles beginnt und Gelingen hat.
d) 2
Förderung und Beharrlichkeit: dadurch bewirkt es Natur und Art der Wesen.

Hier werden die Eigenschaften wieder paarweise zusammengefaßt. Die Erhabenheit des Schöpferischen beruht auf seiner Absolutheit, daß es der letzte Anfang von allem ist, also selbst nicht weiter bedingt, und daß es wirksam ist, d. h. selbst die Ursache von allem andern. Förderung und Beharrlichkeit, d. h. der Trieb zum Leben und die festen Naturgesetze sind es, die die Kausalität des Schöpferischen in ihrer Wirksamkeit zeigen. Der Trieb zum Leben, das Fördernde, Rechte für jedes Wesen begründet seine Natur, und diese Natur betätigt sich nach festen Gesetzen; das ist die Art aller Wesen. Während im Kommentar zur Entscheidung die Natur auf ihre Wurzel in der göttlichen Bestimmung zurückgeführt wird, ist hier die Natur in ihrer Betätigungsart gezeigt.

d) 3
Das Schöpferische vermag durch den von ihm gesetzten Beginn mit Schönheit alle Welt zu fördern. Darin, daß nicht angegeben wird, wodurch es fördert, besteht seine wahre Größe.

Beim Schöpferischen heißt es nur: Es wirkt fördernd durch das, was ihm beharrlich zu eigen ist, durch sein innerstes Wesen. Dieses Wesen wird nicht näher definiert. Darin besteht die Andeutung unendlich vieler Möglichkeiten und Seiten seines Nutzens. Einen Gegensatz dazu bildet das Empfangende, wo es heißt: Es wirkt fördernd durch die Beharrlichkeit einer Stute. Hier in der Welt der Erscheinungen hat jedes Ding seine bestimmte Art, die das Prinzip der Individuation ist. Aber mit dieser bestimmten Art ist zugleich eine Grenze gesetzt, durch die jedes einzelne Wesen von jedem andern geschieden ist.

d) 4
Wie groß ist doch das Schöpferische! Es ist fest und stark, mäßig und recht, rein, unvermischt und geistig.

Hier werden vom Wesen des Herrn des Zeichens, der Neun auf fünftem Platz, die Eigenschaften des ganzen Zeichens abgeleitet, wie das im Tuankommentar, auf den sich dieser ganze Passus bezieht, häufig der Fall ist. Der fünfte Strich ist fest, da er auf ungeradem Platz ist; stark, da er ein ungeteilter Strich ist (stark bedeutet Bewegung, fest Ruhe); er ist mäßig, weil er in der Mitte des oberen Zeichens steht; recht, weil er auf dem ihm gebührenden Platz (starker Strich auf starkem Platz) steht. In diesen vier Eigenschaften kommen wieder die vier Grundeigenschaften des ganzen Zeichens zutage. Rein, unvermischt und geistig sind diese Eigenschaften vorhanden, weil das ganze Zeichen einheitlich aus lauter starken Strichen besteht.

d) 5
Die sechs Strichelemente eröffnen und entfalten den Gedanken, so daß die Art des Ganzen durch ihre einzelnen Seiten aufgeklärt wird.

Infolge der Einheitlichkeit des Zeichens stehen die einzelnen Striche in einem fortlaufenden Zusammenhang, der in seinem Fortschritt die Idee des Ganzen noch weiter aufklärt. In dieser Beziehung steht das Zeichen das Schöpferische im Gegensatz zum Zeichen das Empfangende, wo die einzelnen Strichelemente ohne inneren Zusammenhang nebeneinander stehen. Das hängt mit dem zeitlichen Charakter des Zeichens das Schöpferische im Gegensatz zu dem räumlichen Charakter des Zeichens das Empfangende zusammen.

d) 6
Er fährt zu seiner Zeit auf sechs Drachen gen Himmel. Die Wolken gehen und der Regen fällt:
das alles bedeutet, daß und wie die Welt zum Frieden kommt.

Durch diese Schlußbemerkung werden die entsprechenden Worte des Tuankommentars auf geschichtliche Vorgänge (Ordnung des Weltreichs) gedeutet.

Zur Anfangsneun:
a) 4
Anfangs eine Neun bedeutet: Verdeckter Drache. Handle nicht. Was heißt das?
Der Meister sprach: Das bedeutet einen, der den Charakter eines Drachen besitzt, aber verborgen ist. Er wandelt sich nicht nach der Welt, er macht sich keinen Namen. Er zieht sich von der Welt zurück, aber er ist nicht traurig darüber. Er wird nicht anerkannt, aber er ist nicht traurig darüber. Hat er Glück, so führt er seine Grundsätze aus, hat er Unglück, so zieht er sich mit ihnen zurück. Wahrlich! Er ist nicht zu entwurzeln: er ist ein verdeckter Drache.
b) 1
Verdeckter Drache. Handle nicht!
Der Grund ist, daß er unten ist.
c) 1
Verdeckter Drache. Handle nichtl
Die Kraft des Lichten ist noch verdeckt und verborgen.
d) 7
Der Edle führt seinen Wandel entsprechend dem Charakter, der sich ihm gefestigt hat. Das ist ein Wandel, der sich täglich sehen lassen kann.
Das Verdecktsein bedeutet, daß er noch verborgen und nicht anerkannt ist, daß er noch nichts zustande bringen würde, wenn er handeln würde. In diesem Fall handelt der Edle nicht.
Zur Neun auf zweitem Platz:
a) 5
Neun auf zweitem Platz bedeutet: Erscheinender Drache auf dem Feld. Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen. Was heißt das?
Der Meister sprach: Das bedeutet einen, der den Charakter eines Drachen hat und maßvoll und recht ist. In seinen gewöhnlichen Worten selbst ist er zuverlässig. In seinen gewöhnlichen Handlungen selbst ist er sorgfältig. Er tut das Falsche ab und wahrt seine Wahrhaftigkeit. Er verbessert sein Zeitalter und rühmt sich dessen nicht. Sein Charakter ist einflußreich und gestaltet die Menschen um.
Im Buch der Wandlungen heißt es: Erscheinender Drache auf dem Feld. Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen. Das bezieht sich auf einen, der die Eigenschaften des Herrschers hat.
b) 2
Erscheinender Drache auf dem Feld.
Der Grund ist, daß er zur Zeit noch nicht gebraucht wird.
c) 2
Erscheinender Drache auf dem Feld.
Die ganze Welt kommt durch ihn zur Schönheit und Klarheit.
d) 8
Der Edle lernt, um Material zu sammeln; er fragt, um es zu sichten; so wird er weitherzig in seinem Wesen und liebevoll in seinem Handeln.
Im Buch der Wandlungen heißt es: Erscheinender Drache auf dem Feld. Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen. Denn er hat die Eigenschaften eines Herrschers.
Zur Neun auf drittem Platz:
a) 6
Neun auf drittem Platz bedeutet: Der Edle ist den ganzen Tag schöpferisch tätig. Selbst abends noch ist er voll innerer Sorge. Gefahr. Kein Makel.
Was heißt das?
Der Meister sprach: Der Edle fördert seinen Charakter und arbeitet an seinem Werk. Treue und Glauben sind es, durch die er seinen Charakter fördert. Arbeit an den Worten, so daß sie fest auf der Wahrheit beruhen, das ist’s, wodurch er seinem Werk Dauer gibt. Er weiß, wie man dazu gelangen muß, und gelangt auch dazu; dadurch vermag er den rechten Keim zu legen. Er weiß, wie man es vollenden muß, und vollendet es auch so; dadurch vermag er ihm die rechte Dauer zu verleihen. Darum ist er in seiner hohen Stellung nicht stolz und in niedriger Stellung nicht enttäuscht. So ist er schöpferisch tätig und, wie es die Umstände erfordern, besorgt, so daß er auch in gefährlicher Lage keinen Fehler macht.
b) 3
Den ganzen Tag ist er schöpferisch tätig.
Das ist die Art, wie er seine Unternehmungen ausführt.
c) 3
Den ganzen Tag ist er schöpferisch tätig.
Er geht mit der Zeit.
d) 9
Die Neun auf drittem Platz zeigt verdoppelte Festigkeit und ist dazuhin nicht auf zentralem Platz. Einerseits ist sie noch nicht am Himmel droben, andererseits nicht mehr auf dem Feld drunten. Darum muß man schöpferisch tätig sein und, wie es die Umstände erfordern, besorgt. Dann macht man trotz der Gefahr keinen Fehler.
Zur Neun auf viertem Platz:
a) 7
Neun auf viertem Platz heißt: Schwankender Aufschwung über die Tiefe. Kein Makel.
Was heißt das?
Der Meister sprach: Für Aufstieg oder Abstieg gibt es keine feste Regel: nur daß man nichts Schlechtes tut; im Fortschritt oder Rückschritt gilt kein dauerndes Beharren: nur daß man nicht von seiner Art läßt. Der Edle fördert seinen Charakter und arbeitet an seinem Werk, damit er in allem die rechte Zeit trifft. Darum macht er keinen Fehler.
b) 4
Schwankender Aufstieg über die Tiefe.
Er versucht seine Kräfte.
c) 4
Schwankender Aufstieg über die Tiefe.
Der Weg des Schöpferischen ist hier im Begriff, sich umzugestalten.
d) 10
Die Neun auf viertem Platz ist zu fest und nicht maßvoll. Sie ist noch nicht am Himmel droben und nicht mehr auf dem Feld unten, auch nicht mehr in den mittleren Gebieten des Menschlichen. Darum heißt es: Schwankender Aufschwung. Schwanken bedeutet, daß man Wahlfreiheit hat, darum macht man keinen Fehler.
Zur Neun auf fünftem Platz:
a) 8
Neun auf fünftem Platz heißt: Fliegender Drache am Himmel. Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen.
Was heißt das?
Der Meister sprach: Was im Ton übereinstimmt, schwingt miteinander. Was wahlverwandt ist im innersten Wesen, das sucht einander. Das Wasser fließt zum Feuchten hin. Das Feuer wendet sich dem Trocknen zu. Die Wolken folgen dem Drachen, der Wind folgt dem Tiger. So erhebt sich der Weise, und alle Wesen blicken nach ihm. Was vom Himmel stammt, fühlt sich verwandt mit dem, was droben ist. Was von der Erde stammt, fühlt sich verwandt mit dem, was drunten ist. Jedes folgt seiner Art.
b) 5
Fliegender Drache am Himmel.
Das ist die höchste Art zu herrschen.
c) 5
Fliegender Drache am Himmel.
Hier ist der Platz, der dem himmlischen Charakter gebührt.
d) 11
Der große Mann stimmt in seinem Charakter überein mit Himmel und Erde, in seinem Licht mit Sonne und Mond, in seiner Folgerichtigkeit mit den vier Jahreszeiten, in Glück und Unglück, das er schafft, mit den Göttern und Geistern. Wo er dem Himmel zuvorkommt, da straft ihn der Himmel nicht Lügen. Wo er dem Himmel nachfolgt, da richtet er sich nach der Zeit des Himmels. Wenn selbst der Himmel ihm nicht widerstrebt, wieviel weniger erst die Menschen, Götter und Geister.
Zur oberen Neun:
a) 9
Oben eine Neun bedeutet: Hochmütiger Drache wird zu bereuen haben.
Was heißt das?
Der Meister sprach: Wer vornehm ist ohne die Stellung dazu, wer hoch ist ohne das Volk dazu, bei wem die tüchtigen Leute in untergeordneten Stellungen sind, ohne daß sie eine Unterstützung finden, der wird es zu bereuen haben, sowie er sich bewegt.
b) 6
Hochmütiger Drache wird zu bereuen haben.
Alles, was bis zum Äußersten geht, kommt ins Unheil.
c) 6
Hochmütiger Drache wird zu bereuen haben.
Er erschöpft sich mit der Zeit.
d) 12
Hochmut bedeutet, daß man vorzudringen versteht, aber nicht, sich zurückzuziehen, daß man nur das Bestehen kennt, aber nicht das Untergehen, daß man nur vom Gewinnen etwas weiß, aber nichts vom Verlieren.
Nur der Heilige ist es, der es versteht, vorzudringen und sich zurückzuziehen, festzuhalten und aufzugeben, ohne daß er seine rechte Art verliert. Das kann nur der Heilige!
Zu: Alle Neunen wandeln sich:
b) 7
Wenn das Schöpferische und Große sich in allen Neunen wandelt, so kommt die Welt in Ordnung.
c) 7
Wenn das Schöpferische und Große sich in allen Neunen wandelt, so erblickt man das Gesetz des Himmels.
Anmerkung:
Das Zeichen Das Schöpferische nimmt auch insofern eine ganz eigene Stellung ein, als es ganz einheitlich aus festen Strichelementen zusammengesetzt ist, die alle in einer gewissen Beziehung zueinander stehen. Sie bilden eine Stufenreihe, so daß sich gleichsam eine genetische zeitliche Entwicklung in ihnen feststellen läßt. Deshalb findet bei der Beurteilung der einzelnen Striche eine Abweichung von andern Zeichen statt. Von einem Entsprechen und Verbundensein von festen und weichen Strichen, wie das den Charakter in andern Zeichen bestimmt, kann der Natur der Sache nach nicht die Rede sein. Für die Beurteilung kommt vielmehr nur das Verhältnis von Platz und Art des Strichelements in Betracht.
Es ist dabei ein charakteristischer Unterschied zwischen dem unteren und dem oberen Halbzeichen zu beachten. Im unteren Halbzeichen wird die Entwicklung des Charakters der schöpferischen Kraft geschildert, im oberen Halbzeichen die Entwicklung der äußeren Stellung. Dabei sind der erste Strich und der vierte Strich ein Anfang. Der erste Strich ganz unten, noch innerhalb des Gebiets der Erde (Platz 1 und 2), ist als verdeckt, latent bezeichnet. Der vierte Strich am untersten Platz des oberen Halbzeichens zeigt ebenfalls einen Anfang, nämlich den Wechsel der Stellung. An sich sind die Anzeichen für diesen Strich nicht günstig. Er paßt nicht zu seinem Platz, ist fest auf weichem Platz. Daraus könnte man auf etwas Fehlerhaftes schließen. Allein weil das Wesen des Schöpferischen Stärke ist, so ist ausdrücklich betont, daß kein Fehler da ist. Die Divergenz zwischen Charakter und Platz des Strichs drückt sich vielmehr in der Möglichkeit der Entscheidung aus, die noch zweifelhaft ist. Überaus günstig sind die beiden Mittelstriche auf dem zweiten bzw. fünften Platz. Der zweite ist zentral und als solcher auch ohne weiteres als recht aufzufassen. Er zeigt, da er sich noch im unteren Halbzeichen befindet, die innere Art des großen Mannes, der zwar schon bekannt wird (auf dem Feld), aber noch nicht die entsprechende Stellung hat. Er muß den großen Mann auf fünfter Stelle sehen, mit dem er durch gemeinsamen Charakter verbunden ist und der als Herr des Ganzen ihm die entsprechende Stellung anweisen kann. In verstärktem Maße treffen diese günstigen Auspizien zu für den fünften Strich. Während der zweite Strich den starken Mann an schwacher, niedriger Stelle zeigt, sind beim fünften Strich innerer Charakter und Stellung im Einklang. Er ist stark auf starkem Platz, auf der Stelle des Himmels (5. und 6. Strich), dazu Herr des Ganzen. Daher ist er der große Mann, den zu sehen von Wert ist. Darum fehlt bei den beiden zentralen Strichen jede Warnung. Sie sind schlechthin günstig.
Anders steht die Sache mit den beiden Endstrichen, dem dritten und dem obersten. Davon ist der dritte noch günstiger gestellt. Zwar findet sich bei ihm am Platz des Übergangs zuviel Stärke – Stärke des Charakters gesteigert durch die Stärke des Platzes –, so daß es scheint, daß Fehler zu befürchten sind. Allein, da es sich im ganzen Zeichen um schöpferische Kräfte handelt, so schadet zuviel Kraft nichts. Sie wird an der Übergangsstelle verwandt zur inneren Vorbereitung auf die neuen Verhältnisse. Anders verhält es sich mit dem obersten Strich. Hier ist das Ende des Ganzen. Aber der Charakter ist noch immer stark, obwohl der Platz schwach ist. Diese Divergenz zwischen Wollen und Können führt, da kein Ausweg möglich ist, zur Reue.
Richard Wilhelm
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