Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

32. Hong - Die Dauer

Kernzeichen:Dui und Kiën
Dauer bedeutet das, was immer ist. Was in der Mitte ist, das bleibt immer. In dem Zeichen ist der zweite und der fünfte Platz in der Mitte. Davon ist die Sechs auf fünftem Platz zwar zentral, aber schwach, während die Neun auf zweitem Platz sowohl zentral als auch stark ist. Darum ist der zweite Strich der Herr des Zeichens.
Während beim vorigen Zeichen das gegenseitige Entsprechen der Linien eher als Hinderung in Betracht kam, ist hier der Umstand, daß alle Striche einander entsprechen, ein Beweis einer inneren, festen Organisation des Zeichens, welche Dauer garantiert.
Der starke zweite Strich steht zu der schwachen Sechs auf fünftem Platz in der Beziehung des Entsprechens.
Die Reihenfolge
Der Weg von Gatte und Gattin darf nicht anders als langewährend sein. Darum folgt darauf das Zeichen: die Dauer. Dauer bedeutet langewährend.
Vermischte Zeichen
Die Dauer bedeutet das Langewährende.
Beigefügte Urteile
Dauer wirkt die Festigkeit des Charakters. Das Zeichen Dauer zeigt mannigfaltige Erfahrungen ohne Überdruß.
Das Zeichen Dauer bewirkt die Einheit des Charakters.
Das Urteil
Gelingen. Kein Makel.
Fördernd ist Beharrlichkeit.
Fördernd ist, zu haben, wohin man gehe.
Kommentar zur Entscheidung
Dauer bedeutet das Langewährende. Das Starke ist oben, das Schwache unten; Donner und Wind wirken zusammen. Sanft und bewegt. Die Starken und Schwachen entsprechen einander alle: das bedeutet Dauer. Gelingen. Kein Makel. Fördernd ist Beharrlichkeit: das bedeutet dauerndes Beharren in seiner Bahn. Die Bahn des Himmels und der Erde ist dauernd und lange und hört nie auf.
Fördernd ist, zu haben, wohin man gehe.
Das bedeutet, daß auf ein Ende immer ein neuer Anfang folgt. Sonne und Mond haben den Himmel und können deshalb dauernd leuchten. Die vier Jahreszeiten verändern und gestalten und können daher dauernd vollenden. Der Berufene bleibt dauernd in seiner Bahn, und die Welt gestaltet sich zur Vollendung um. Wenn man betrachtet, worin etwas seine Dauer hat, so kann man die Natur von Himmel und Erde und allen Wesen erkennen.
Die Organisation des Zeichens zeigt das starke Dschen oben und das schwache Sun unten; das ist der dauernde Zustand in der Welt. Der älteste Sohn und die älteste Tochter sind in der Ehe vereint im Gegensatz zur Eheschließung im vorigen Zeichen.
Die Bilder zeigen den Donner, der durch die Macht des Windes noch weiter getragen wird, und den Wind, der durch die Macht des Donners verstärkt wird. Ihre gemeinsame Wirkung verleiht beiden Dauer.
Die Eigenschaft des Zeichens Sun ist die Sanftheit, die des Zeichens Dschen die Bewegung. Die äußere Bewegung, die im Innern von Hingebung getragen wird, ist ebenfalls eine solche, die der Dauer fähig ist.
Endlich ergibt die Beziehung gegenseitigen Entsprechens zwischen den einzelnen Linien (Sechs auf erstem Platz: Neun auf viertem Platz; Neun auf zweitem Platz: Sechs auf fünftem Platz; Neun auf drittem Platz: Sechs auf sechstem Platz) dem Zeichen innere Festigkeit und Dauer.
Aus all dem wird der Name des Zeichens erklärt.
Es werden darauf an der Hand des Urteils die Bedingungen der Dauer dargelegt. Sie bestehen im Beharren auf der rechten Bahn, also Beharrung im Wechsel. Das ist das Geheimnis der Ewigkeit der Welt.
Beharrung in der Bahn führt zum Ziel, also zum Ende. Da aber die Bahn eine kreisförmige ist, schließt sich an jedes Ende ein neuer Anfang. Bewegung und Ruhe erzeugen einander. Das ist der Rhythmus des Geschehens. Dies wird dann im Makrokosmos und Mikrokosmos in seinen Wirkungen im einzelnen noch nachgewiesen.
Das Bild
Donner und Wind: das Bild der Dauer.
So steht der Edle fest und wandelt seine Richtung nicht.
Der Donner ist das Bewegliche, der Wind das Eindringende: das äußerst Bewegliche, das Dauer hat im Gesetz der Bewegung. Dschen und Sun haben beide als Attribut das Holz, daher der Gedanke des Feststehens. Sun ist innen und dringt ein, Dschen ist außen und bewegt sich, daher der Gedanke der festen Richtung.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Zu rasch Dauer wollen, bringt beharrlich Unheil.
    Nichts, was fördernd wäre.
  2. Das Unheil zu rascher Dauer kommt davon her, daß man gleich im Anfang zuviel will.

Die Anfangslinie ist der Herr des Zeichens Sun. Das Zeichen Sun hat die Eigenschaft des Eindringens. Die erste Linie will zu rasch und zu tief eindringen. Diese Voreiligkeit verhindert die sonst günstige Wirkung des starken Strichs auf viertem Platz, dessen Affinität sich infolge davon nicht auswirken kann.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Reue schwindet.
  2. Die Neun auf zweitem Platz hat Schwinden der Reue, weil sie dauernd zentral ist.

Ein starker Strich auf schwachem Platz könnte an sich Anlaß zur Reue geben. Aber da der Strich stark und zentral ist und eine korrekte Beziehung zu Sechs auf fünftem Platz hat, ist ein Überschreiten der Grenzen des Maßes nicht zu befürchten, und der Anlaß zur Reue fällt weg.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Wer seinem Charakter nicht Dauer gibt,
    dem bietet man Schande.
    Beharrliche Beschämung.
  2. Wer seinem Charakter nicht Dauer gibt, findet keine Duldung.

Der Strich ist auf der Grenze des Übergangs vom unteren zum oberen Zeichen, daher aufgeregt und oberflächlich. Nach vorwärts ist er noch nicht eingetreten in die Bewegung des Zeichens Dschen, nach rückwärts ist er schon hinaus über die Sanftheit von Sun — weil stark auf starkem Platz —, so daß er nirgends Platz findet.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Im Feld ist kein Wild.
  2. Wenn man dauernd nicht auf seinem Platz ist, wie kann man da Wild finden?

Dschen hat als Attribut das Pferd, das sich über das Feld bewegt, ebenso eine große Straße, die ohne Wild ist: daher das Bild. Der Strich steht zu Beginn des Zeichens Dschen, ist also nicht zentral. Er ist stark auf schwachem Platz, also nicht korrekt. Daher bewegt er sich unaufhörlich in dem, worin er sich nicht bewegen sollte, und findet deshalb nichts. Der dritte Strich hat Charakter — stark auf starkem Platz —, aber keine Dauer, der vierte hat Dauer, aber keinen Charakter — stark auf schwachem Platz.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Seinem Charakter Dauer geben durch Beharrlichkeit,
    das ist für eine Frau von Heil, für einen Mann von Unheil.
  2. Für eine Frau ist Beharrlichkeit von Heil, denn sie folgt einem Mann ihr ganzes Leben lang. Ein Mann muß sich an seine Pflicht halten; folgt er der Frau, so ist das vom Übel.

Die Linie ist weich, aber zentral und steht in direkter Beziehung zu der starken Neun auf zweitem Platz, die der Herr des Zeichens ist. Daher sind diese Beziehungen dauernd. Aber daß das Schwache dem Starken unverändert folgt, ist eine Tugend der Frau. Für einen Mann liegen die Dinge anders.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Rastlosigkeit als dauernder Zustand bringt Unheil.
  2. Rastlosigkeit als Dauerzustand an oberer Stelle ist ganz ohne Verdienst.

Dschen hat als Eigenschaft die Bewegung. Hier ist eine schwache Linie auf dem Gipfel des Zeichens der Bewegung. Sie kann sich nicht beherrschen und verfällt daher in unheilvolle Rastlosigkeit, die mit dem Sinn der Zeit in Widerspruch steht, also unheilvoll ist.
Die Linie ist das Gegenstück zur Anfangssechs: dort zu rasche Bewegung, um zur Dauer zu kommen, hier dauernde Bewegung, die zu nichts kommt.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Zweite Abteilung
© 1998- Schule des Rades
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