Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

47. Kun - Die Bedrängnis, (die Erschöpfung)

Kernzeichen:Sun und Li
Die Herren des Zeichens sind die Neun auf zweitem und die Neun auf fünftem Platz. Der Gedanke des Zeichens beruht auf der Einschließung des Festen. Der zweite und der fünfte Strich sind beide ihrem Wesen nach fest und zentral und eingeschlossen zwischen dunklen Linien. Darum sind beide Striche sowohl konstituierende als beherrschende Herren des Zeichens.
Die Reihenfolge
Wenn man empordringt, ohne aufzuhören, so gerät man sicher in Bedrängnis. Darum folgt darauf das Zeichen: die Bedrängnis.
Vermischte Zeichen
Bedrängnis bedeutet sich treffen. Bedrängnis ist etwas, das sich zufällig trifft. Daß der See ohne Wasser ist, kommt von besonderen Ausnahmeverhältnissen her.
Beigefügte Urteile
Bedrängnis ist die Prüfung des Charakters. Bedrängnis bringt in Ratlosigkeit und dadurch zu Erfolg. Durch Bedrängnis lernt man seinen Groll verringern.
Das Zeichen ist voll Gefahr in seinem Aufbau: ein See, unter dem sich ein Abgrund öffnet, durch den das Wasser nach unten abfließt. Als Kernzeichen sind Wind und Feuer tätig, die ebenfalls das Wasser von innen her bedrängen. Die Kraftrichtungen gehen auseinander. Kan, das untere Zeichen, senkt sich nach unten, Dui, das obere, verdunstet nach oben; von den Strichen aus betrachtet, ist das Yangelement vom Yinelement bedrängt. Die oberen beiden starken Striche sind eingeschlossen zwischen zwei schwache, ebenso der Mittelstrich des unteren Zeichens.
Das Urteil
Die Bedrängnis. Gelingen. Beharrlichkeit.
Der große Mann wirkt Heil. Kein Makel.
Wenn man etwas zu sagen hat, wird es nicht geglaubt.
Kommentar zur Entscheidung
Die Bedrängnis. Das Feste ist eingeschlossen. Gefahr und Heiterkeit. In Bedrängnis sein, ohne die Kraft des Gelingens zu verlieren, das vermag nur der Edle. Beharrlichkeit. Der große Mann ist von Heil, weil er fest und zentral ist.
Wenn man etwas zu sagen hat, wird es nicht geglaubt. Wer den Mund wichtig nimmt, kommt in Ratlosigkeit.
Der Name des Zeichens ist erklärt aus der Gestalt, indem auf verschiedene Weise die festen Striche zwischen dunklen Strichen eingeschlossen sind. Das Gelingen in der Zeit der Bedrängnis kommt daher, daß man in der Gefahr (das untere Zeichen Kan) nicht die Heiterkeit (das obere Zeichen Dui) verliert. Die festen und zentralen Striche, die den großen Mann andeuten, sind die Herren des Zeichens an zweiter und fünfter Stelle. Das Reden wird ebenfalls durch das Zeichen Dui nahegelegt. Aber man findet kein Gehör. Das Zeichen Kan bedeutet Ohrenschmerz, also Abneigung zu hören.
Das Bild
Im See ist kein Wasser: das Bild der Erschöpfung.
So setzt der Edle sein Leben daran, um seinem Willen zu folgen.
Das Bild der Erschöpfung ergibt sich aus der Stellung der beiden Halbzeichen zueinander: das Wasser ist unterhalb des Sees, also abgeflossen. Die Einzelzeichen ergeben dann den Ratschlag für das Benehmen in der Zeit der Erschöpfung: das Zeichen Kan, Abgrund, Gefahr, deutet auf Einsetzung des Lebens, das Zeichen Dui, Heiterkeit, auf das Dem-eignen-Willen-Folgen.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Man sitzt bedrängt unter einem kahlen Baum
    und gerät in ein finsteres Tal.
    Drei Jahre lang sieht man nichts.
  2. Man gerät in ein finsteres Tal.
    Man ist finster und nicht klar.

Das Zeichen Kan steht im Norden, wo es finster ist. Das Kernzeichen ist Li, Klarheit. Dieser Strich steht außerhalb der Klarheit. Sonst ist der erste Strich das Bild des Fußes, der Zehen. In Zeiten der Bedrängnis aber sitzt der Mensch, darum ist der Anfangsstrich hier die Stelle, auf der man sitzt. Das finstere Tal ist der erste Strich im Zeichen Kan, das Loch im Abgrund.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Man ist bedrängt bei Wein und Speisen.
    Der Mann mit den scharlachroten Kniebinden kommt eben.
    Fördernd ist es, Opfer darzubringen.
    Aufbrechen ist von Unheil.
    Kein Makel.
  2. Bedrängt bei Wein und Speisen. Die Mitte hat Segen.

Kan ist Wein, Dui sind Speisen. Der Mann mit den scharlachroten Kniebinden ist die Neun auf fünftem Platz, der Herrscher (das Kernzeichen Sun, an dessen Spitze die Neun auf fünftem Platz steht, bedeutet Bein). Es ist hier nicht die Beziehung des Entsprechens, sondern der Gleichartigkeit, die zwischen den beiden Herren des Zeichens, dem Fürsten, Neun auf fünftem Platz, und dem Beamten, Neun auf zweitem Platz, in Betracht kommt. Weil es sich demnach aber nicht um natürliche, sondern übernatürliche Beziehungen handelt, deshalb ist die religiöse Betätigung des Opfers erwähnt. Das Hingehen zu dem gleichgearteten Fürsten ist an sich der Zeit entsprechend kein Fehler, aber es geht nicht, weil die Sechs auf drittem Platz hindernd und gefährlich im Wege steht.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Man läßt sich bedrängen durch Stein
    und stützt sich auf Dornen und Disteln.
    Man geht in sein Haus und sieht nicht seine Frau. Unheil!
  2. Er stützt sich auf Dornen und Disteln: er beruht auf einem Harten.
    Er geht in sein Haus und sieht nicht seine Frau: das ist unglückverheißend.

Die Bedrängnis dieses Strichs kommt durch den harten Strich, der unter ihm ist, und den harten Strich, der wie ein Stein über ihm ist. So kann er weder vorwärts noch zurück. Er stellt einen Menschen dar, der einen falschen Posten einnimmt und so in einer unhaltbaren Stellung ist. Die beigefügten Urteile reden daher direkt von dem bevorstehenden Tode; darauf bezieht sich das unglückverheißend, das im Text b steht.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Er kommt ganz sachte, bedrängt in einem goldenen Wagen.
    Beschämung, aber man kommt zu Ende.
  2. Er kommt ganz sachte:
    sein Wille ist nach unten gerichtet.
    Obwohl der Platz nicht der gebührende ist, hat er doch Genossen.

Kan ist der Wagen, Dui ist Metall. Der Strich ist auf dem Platz des Ministers, hat also die Aufgabe, die Bedrängnis zu lösen. Er läßt sich durch die Ehre, die ihm widerfahren ist, indem er vom Fürsten einen goldenen Wagen bekommen hat, beeinflussen, daß er seine Aufgabe nicht so schnell ausführt, wie er sollte. Das ist beschämend. Aber schließlich geht doch alles gut. Der Strich ist nicht auf seinem rechten Platz: der Platz ist weich, der Strich fest. Aber er steht in Beziehung des Entsprechens zur Anfangssechs, auf die sein Wille gerichtet ist, darum hat er einen Genossen, der ihn zum Handeln bringt.

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Es werden ihm Nase und Füße abgeschnitten.
    Man ist bedrängt von dem in purpurnen Kniebinden.
    Sachte kommt die Freude.
    Fördernd ist es, Opfer und Spenden zu bringen.
  2. Abschneiden der Nase und Füße bedeutet, daß er seinen Willen noch nicht erlangt.
    Sachte kommt die Freude,
    weil der Strich gerade und zentral ist.
    Fördernd ist es, Opfer und Spenden zu bringen.
    Dadurch erlangt man Glück.

Der Strich ist zwischen dunklen Strichen eingeschlossen. Oben ist ein dunkler Strich. Will er ihn beseitigen, so ist es, als würde ihm die Nase abgeschnitten. Will er sich nach unten wenden, so ist da auch ein solch hemmender Strich: die Sechs auf drittem Platz; wollte man den entfernen, so wäre es, als würden einem die Füße abgeschnitten. Darum kann er seinen Willen nicht ausführen. Ebenso ist auch der Beamte, zu dem er in Beziehung der Gleichartigkeit steht, nicht imstande, ihm zu helfen, weil auch er von dunklen Strichen eingeschlossen und bedrängt ist. Aber die starke Natur der beiden garantiert den schließlichen Erfolg.
Auch hier wird wie bei der Neun auf zweitem Platz das Opfer genannt.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Er ist bedrängt von Ranken.
    Er bewegt sich unsicher und spricht:
    Bewegung schafft Reue.
    Wenn man darüber Reue empfindet und sich aufmacht,
    so hat man Heil.
  2. Er ist bedrängt von Ranken:
    das heißt, er ist noch nicht entsprechend.
    Bewegung schafft Reue:
    wenn man darüber Reue empfindet, so ist das ein glückverheißender Wandel.

Eine schwache Linie auf dem Höhepunkt der Bedrängnis, das ist noch nicht die entsprechende Art. Aber durch Bewegung und innerliches Wachwerden der entsprechenden Erkenntnis kommt man aus der Bedrängnis heraus. Daher das Heil, das in Aussicht steht, wenn die Zeit der Bedrängnis ihr Ende erreicht hat.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
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