Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Erste Abteilung

I D E O G R A M M

5. Sü - Das Warten, (die Ernährung)

Kernzeichen:Li und Dui
Herr des Zeichens ist die Neun auf fünftem Platz. Alle Geschäfte bedürfen des geduldigen Wartens, und der Weg des Herrschers beruht ganz besonders darauf, daß durch dauernde Einwirkung die Pläne zustande kommen. Die Bemerkung im Kommentar zur Entscheidung: Nimmt den Platz des Himmels ein und ist in seinem Benehmen korrekt und zentral bezieht sich auf die Neun auf fünftem Platz.
Die Reihenfolge
Wenn die Dinge noch klein sind, darf man sie nicht ohne Ernährung lassen. Darum folgt darauf das Zeichen: Sü. Sü bedeutet den Weg zu Essen und Trinken.
Die Beziehung der beiden Bedeutungen des Zeichens: Ernährung und Warten liegt darin, daß man auf das Essen warten muß. Es liegt nicht in der Macht des Menschen, sondern ist vom Himmel und Regen abhängig.
Vermischte Zeichen
Vermischte Zeichen Warten bedeutet nicht fortschreiten.
Das Urteil
Das Warten.
Wenn du wahrhaftig bist, so hast du Licht und Gelingen.
Beharrlichkeit bringt Heil.
Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Kommentar zur Entscheidung
Warten heißt sich zurückhalten. Gefahr ist vorn. Da man fest und stark ist, fällt man nicht hinein. Der Sinn ist, daß man nicht in Verlegenheit und Ratlosigkeit kommt.
Das untere Zeichen Kiën hat als Eigenschaft die Kraft. Das vordere Zeichen ist Kan, der Abgrund, die Gefahr. Aber da man infolge der eigenen Stärke sich nicht übereilt, kommt man nicht in Verlegenheit.
Wenn du wahrhaftig bist, so hast du Licht und Gelingen. Beharrlichkeit bringt Heil, denn der beherrschende Strich nimmt den Platz des Himmels ein und ist in seinem Benehmen korrekt und zentral.
Günstig ist es, das große Wasser zu durchqueren. Durch Fortschritt kommt das Werk zustande.
Der fünfte Strich, der Herr des Zeichens, hat Wahrhaftigkeit wie das Wasser, dessen Symbol er ist (Kan ist ein Wasserlauf zwischen zwei hohen Ufern). Dieser Strich stimmt in seiner Eigenart mit dem Sinn des Zeichens Kiën, das Schöpferische, der Himmel, überein. Er hat den seinem Platz, der ein ungerader, d. h. Yangplatz ist, entsprechenden Charakter als fester Strich, daher ist er korrekt. Außerdem ist er in der Mitte des oberen Zeichens, also zentral. Das sind lauter Verhältnisse des Herrn des Zeichens, die auf Erfolg hinweisen. Das Warten bedeutet aber nicht ein Aufgeben des Unternehmens. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Darum kommt das Werk zustande.
Das Bild
Wolken steigen am Himmel auf: das Bild des Wartens.
So ißt und trinkt der Edle und ist heiter und guter Dinge.
Das Wasser oben am Himmel sind Wolken. Wenn sie erst aufgestiegen sind, wird es nicht mehr lange dauern, bis der Regen fällt. Während sonst häufig im zweiten Satz des Bildes durch Verteilung der Eigenschaften der beiden Halbzeichen die Mittel angegeben werden, wie die Situation überwunden werden kann, wird hier ausgeführt, wie man die Situation aufnimmt und sich ihr fügt. Indem der Regen am Himmel aufsteigt, bereitet sich sein Niederfallen vor, durch das alles Leben ernährt und erfrischt wird. Das befolgt der Edle und eignet sich dadurch zugleich die andere Bedeutung des Zeichens Sü, das außer Warten auch die Ernährung bedeutet, an. Ferner kommen in Betracht die beiden Kernzeichen: Li = Klarheit, Dui = Freude, Heiterkeit.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Warten auf dem Anger.
    Fördernd ist es, im Dauernden zu bleiben.
    Kein Makel.
  2. Warten auf dem Anger.
    Man sucht nicht voreiligerweise die Schwierigkeiten auf. Fördernd ist es, im Dauernden zubleiben. Kein Makel. Man hat den allgemeinen Boden nicht verlassen.

Weil der unterste Strich fest ist, übereilt er nichts angesichts der Gefahr, die ja noch fern ist (daher das Bild des Angers), sondern vermag ganz ruhig und besonnen zu bleiben, wie wenn gar nichts Außerordentliches bevorstünde.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Warten auf dem Sand.
    Es gibt ein wenig Gerede.
    Das Ende bringt Heil.
  2. Warten auf dem Sand.
    Man ist gelassen, denn der Strich ist zentral. Obwohl es daher ein wenig Gerede gibt, bringt das Ende Heil.

Der Strich ist dem oberen Zeichen der Gefahr schon näher als der erste, daher Warten im Sand. Aber er ist ausgeglichen; die Fähigkeit seiner Natur wird gemildert durch die Weichheit des Platzes, der zudem zentral ist. Daher bleibt er trotz kleineren Unfriedens gelassen (er steht zum Herrn des Zeichens nicht in der Beziehung des Entsprechens, sondern als gleichnamig in der Beziehung des Abstoßens), und so geht alles gut. Gerede kommt durch das Kernzeichen Dui.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Warten im Schlamm
    bewirkt das Kommen des Feindes.
  2. Warten im Schlamm. Das Unheil ist draußen. Bewirkt das Kommen des Feindes.

Ernst und Vorsicht lassen nicht zuschanden werden. Der starke Strich auf starkem Platz ist zu energisch. Er steht vor der Gefahr und drängt in sie hinein. Dadurch lockt er die Feinde an. Nur durch Vorsicht läßt sich dieser Schaden vermeiden.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Warten im Blut.
    Heraus aus dem Loch.
  2. Warten im Blut.
    Er ist hingebend und gehorcht.

Schwacher Strich auf schwachem Platz; daher macht er, obwohl er schon innerhalb der Gefahr und zudem zwischen zwei Starken eingeklemmt ist (Kan bedeutet Loch und Blut), die Sache nicht durch Vorwärtsdrängen schlimmer, sondern fügt sich, so daß das Unwetter vorübergeht.

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Warten bei Wein und Speise.
    Beharrlichkeit bringt Heil.
  2. Wein und Speise, Beharrlichkeit bringt Heil infolge der zentralen und korrekten Art.

Der Strich ist der Herr des Zeichens. Als solcher befindet er sich im Zentrum des oberen Zeichens. Er hat den seinem starken Charakter entsprechenden starken Platz, d. h. er ist korrekt. Er befindet sich zudem an der Spitze des oberen Kernzeichens Licht, was ihm die Erleuchtung gibt. Das alles wirkt zusammen, um günstige Aspekte in Aussicht zu stellen.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Man gerät in das Loch.
    Da kommen ungebetener Gäste drei.
    Ehre sie, so kommt am Ende Heil.
  2. Ungebetene Gäste kommen. Ehrt man sie, so kommt am Ende Heil.
    Obwohl nicht am gebührenden Platz, ist wenigstens kein großer Fehler gemacht.

Ein weicher Strich auf der Höhe der Gefahr, ganz oben, ist eigentlich nicht am gebührenden Platz (Kan bedeutet ein Loch). Obwohl ein schwacher Strich auf schwachem Platz dem Anschein nach an seinem Platz ist, so kommt eine gewisse Unzuträglichkeit daher, daß er oben steht, während der ihm entsprechende starke dritte Strich unten ist. Durch diesen dritten Strich und die mit ihm zusammenhängenden unteren des Zeichens Kiën sind die drei ungebetenen Gäste bezeichnet, die herankommen. Da sie vermöge ihrer starken Natur nicht eifersüchtig sind, so geht alles gut, wenn der Yinstrich seiner weichen Natur folgt und ihnen ehrerbietig entgegentritt.

Anmerkung:
Das Warten zeigt die Situation, daß eine feste und starke Natur vor sich eine Gefahr hat. Da handelt es sich darum, an sich zu halten und die Zeit zu erwarten; man muß weich sein und ruhig bleiben. Wenn man die Zeitumstände nicht erwägt und hart, zornig und unruhig nach vorwärts drängt, so wird man sicher unterliegen. Die Anfangsneun ist von der Gefahr noch weit entfernt, darum kann man Fehler vermeiden, wenn man im Dauernden verharrt. Die Neun auf zweitem Platz nähert sich der Gefahr schon mehr, doch kann auch sie durch Weichheit und Wahrung der Mitte schließlich Heil erlangen. Die Neun auf drittem Platz wird schon von der Gefahr bedroht, darum heißt es Ernst und Vorsicht lassen nicht zuschanden werden. Die Sechs auf viertem Platz wird schon von der Gefahr betroffen, aber durch Weichheit und Nichtstreiten kommt sie aus dem Loch wieder heraus. Die obere Sechs ist auf dem Gipfel der Gefahr, aber auch sie findet durch Ehrerbietung schließlich Heil. So sind also in einer Zeit des Wartens Beherrschtheit und Ehrerbietung das Mittel, dem Leid zu entgehen. Die Bedeutung der Zeit der Gefahr ist groß.
Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
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