Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

54. Gui Me - Das heiratende Mädchen

Kernzeichen:Kan und Li
Das Zeichen das heiratende Mädchen beruht auf der Idee, daß das Mädchen von sich aus heiratet, sein Charakter ist nicht gut; darum heißt es im Kommentar zur Entscheidung: Nichts, das fördernd ist. Das Weiche beruht auf dem Harten. Das bezieht sich auf die Sechs auf drittem Platz und die obere Sechs, die somit die konstituierenden Herren des Zeichens sind. Dagegen weilt die Sechs auf fünftem Platz auf geehrtem Platz und verkehrt nach unten hin; dadurch verändert sie das nicht Gute und macht Gutes daraus, gestaltet das Unheil in Heil um. Somit ist die Sechs auf fünftem Platz der beherrschende Herr des Zeichens.
Die Reihenfolge
Durch den Fortschritt kommt man sicher dahin, wo man hingehört. Darum folgt darauf das Zeichen: das heiratende Mädchen (wörtlich: das Mädchen, das in Besitz übergeht).
Vermischte Zeichen
Das heiratende Mädchen zeigt das Ende des Mädchentums.
Das Zeichen wird sehr verschieden beurteilt. In späterer Zeit galt es als etwas Unsittliches, wenn das Mädchen von sich aus heiratete. Das Mädchen muß der Sitte nach warten auf die Anregung durch den Mann, wie das im vorigen Zeichen durchgeführt ist. Das stammt aus der patriarchalischen Zeit. Aber das Zeichen hat sozusagen auch eine kosmische Bedeutung: das obere Zeichen Dschen nimmt nämlich in der Anordnung der acht Diagramme nach König Wen den Osten ein und bezeichnet den Frühling, den Anfang des Lebens, das untere Zeichen Dui den Westen und bezeichnet den Herbst, das Ende des Lebens, während die beiden Kernzeichen Kan den Norden (Winter) und Li den Süden (Sommer) repräsentieren, so daß in diesem Zeichen der ganze Kreislauf des Lebens enthalten ist.
Das Urteil
Das heiratende Mädchen.
Unternehmungen bringen Unheil.
Nichts, das fördernd wäre.
Kommentar zur Entscheidung
Das heiratende Mädchen bezeichnet den großen Sinn von Himmel und Erde. Wenn Himmel und Erde sich nicht vereinigen, so gedeihen alle Wesen nicht.
Das heiratende Mädchen bedeutet der Menschheit Ende und Anfang.
Heiterkeit in der Bewegung. Wer heiratet, ist das junge Mädchen.
Unternehmungen bringen Unheil. Die Plätze sind nicht die gebührenden. Nichts, das fördernd ist:
das Weiche beruht auf dem Harten.
Während bei der ursprünglichen Ordnung der Diagramme Kiën im Süden und Kun im Norden stehen und Li im Osten als Sonne, Kan im Westen als Mond, so ist bei der späteren Ordnung der Zeichen (die der Welt der Erscheinung entspricht wie jene andere Anordnung der Welt der Idee) die Wirkung an die vier Zeichen Dschen (Osten), Li (Süden), Dui (Westen), Kan (Norden) übertragen. Sonne und Mond sind als wirkende Kräfte an die Stelle von Himmel und Erde getreten. Der Himmel, Kiën, hat sich nach Nordwesten zurückgezogen, und der älteste Sohn, Dschen, beginnt im Osten das Leben. Die Erde, Kun, hat sich nach Südwesten zurückgezogen, und die jüngste Tochter, Dui, sorgt im Westen für Ernte und Geburt. So ist in diesem Zeichen die kosmische Ordnung des Verkehrs der Geschlechter und der Verlauf des Lebens angedeutet.
Bezeichnend ist die Auffassung von Liu Yüan in Dschou I Hong Gie, der in dem Zeichen nicht das Mädchen (Dui) sieht, das dem älteren Manne (Dschen) folgt, sondern den älteren Bruder (Dschen), der seine jüngere Schwester (Dui) dem Gatten zuführt. Dafür ist eine gewisse Unterlage in den Worten zum fünften Strich gegeben. Es handelt sich hier um Reminiszenzen aus der Zeit des Matriarchats, die in der Geschichte, wie Dschung Kui seine Schwester verheiratet, auch eine romanhafte Verbreitung gefunden haben.
Das heiratende Mädchen bedeutet der Menschheit Ende und Anfang, eben wie Dui im Westen den Herbst, das Niedergehen, und Dschen im Osten den Frühling und Aufstieg bedeuten. An der Hand der Eigenschaften der beiden Zeichen Heiterkeit (Dui) und Bewegung (Dschen) wird dann der Name des Zeichens erklärt.
Die Entscheidung des Zeichens Unternehmungen bringen Unheil wird aus der Stellung der vier mittleren Striche entnommen, die alle nicht auf ihrem Platz sind. Nichts ist fördernd ergibt sich aus der Stellung der Sechs auf drittem Platz, des einen Herrn des Zeichens, über der harten Neun auf zweitem Platz und der beiden anderen Herren des Zeichens, Sechs auf fünftem Platz und obere Sechs über der harten Neun auf viertem Platz.
Das Bild
Oberhalb des Sees ist der Donner:
das Bild des heiratenden Mädchens.
So erkennt der Edle durch die Ewigkeit des Endes das Vergängliche.
Im Herbst kommt alles zu seinem Ende. Wenn der Donner über dem See ist, so ist dieses Ende nahe. Die Ewigkeit des Endes wird nahegelegt durch das Zeichen Dschen, das im Osten (Frühling) hervortritt und, wenn es im Westen (Herbst) angelangt ist, zum Ende seiner Wirksamkeit nach festen Gesetzen kommt. In diesem Moment kommt das Tötende des Herbstes in Kraft, das die vergänglichen Wesen vernichtet. Durch Kenntnis dieser Gesetze gelangt man in die Regionen, die jenseits von Anfang und Ende, Geburt und Tod sind.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Das heiratende Mädchen als Nebenfrau.
    Ein Lahmer, der auftreten kann.
    Unternehmungen bringen Heil.
  2. Das heiratende Mädchen als Nebenfrau, weil das Dauer gibt.
    Ein Lahmer, der auftreten kann. Heil, weil sie einander empfangen.

Die Linie ist ganz unten an niedriger Stelle, außerdem im Zeichen Dui, jüngste Tochter, daher der Gedanke der Nebenfrau. Dui, die jüngste Tochter, ist dem ältesten Sohn gegenüber schwach (ähnlich wie Dui gegenüber von Kiën in dem Zeichen Lü, Auftreten, Nr. 10, wo ebenfalls das Bild des Lahmen und Einäugigen erscheint). Die unterste Linie ist das Bild des Fußes, daher der Gedanke des Lahmen, da keine Beziehung zur vierten Linie vorhanden ist. Das Einander-Empfangen bedeutet, daß die Anfangslinie zur zweiten im Verhältnis des Empfangens steht und dieser zugleich mit der fünften dient; daher kann sie mittelbar wenigstens etwas leisten und kommt voran.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Ein Einäugiger, der sehen kann.
    Fördernd ist die Beharrlichkeit eines einsamen Menschen.
  2. Fördernd ist die Beharrlichkeit eines einsamen Menschen.
    Das dauernde Gesetz ist nicht verändert.

Der Strich ist an unterster Stelle des Kernzeichens Li, das Auge bedeutet. Die fünfte Linie, zu der er in Beziehung des Entsprechens steht, ist schwach; daher das Bild des Einäugigen.
Da der Strich stark und zentral ist, wird er nicht verändert, obwohl der zugehörige schwach und nicht gut ist. Dadurch kommt er zwar einerseits in Dunkelheit und Einsamkeit — unterhalb des Kernzeichens Kan, der Abgrund, also ein finsteres Tal —, aber er ändert seine Stellung zum Gesetz nicht, bleibt seiner Pflicht treu.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Das heiratende Mädchen als Sklavin.
    Sie heiratet als Nebenfrau.
  2. Das heiratende Mädchen als Sklavin:
    sie ist noch nicht in der gebührenden Stellung.

Die Linie ist schwach auf starkem Platz, also nicht in der gebührenden Stellung, außerdem auf dem Gipfel der Lust, daher wirft sie sich weg als niederste Sklavin, um nur irgendwie in die Ehe zu kommen. Als Nebenfrau kommt sie unter, indem sie der Neun auf zweitem Platz folgt.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Das heiratende Mädchen verzögert die Frist.
    Eine späte Heirat kommt zu ihrer Zeit.
  2. Die Gesinnung, die zur Verzögerung der Frist führt, will auf etwas warten, ehe sie geht.

Von den Linien des oberen und des unteren Zeichens stehen nur Fünf und Zwei zueinander in Beziehung. Aber während die beiden anderen Linien, weil sie im Zeichen der Lust stehen, eine eheliche Verbindung, wenn auch auf Umwegen über Zwei suchen, so bewegen sich die Linien des oberen Zeichens, die nicht durch Beziehung des Entsprechens gebunden sind, davon weg. So hat die Neun auf viertem Platz keine Entsprechung im unteren Zeichen, befindet sich nicht am rechten Platz (stark auf schwachem Platz) und inmitten des Kernzeichens Kan, Gefahr. Daher hält sie sich von ehelicher Verbindung zurück, wartet, bis die Verhältnisse sich geändert haben — die Gefahr wird durch Bewegung (Dschen) ja überwunden —, ehe sie etwas unternimmt. Die neue Situation tritt allerdings erst ein, nachdem der gegenwärtige Geschehenszyklus zu Ende ist.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Der Herrscher I verheiratet seine Tochter.
    Da waren die gestickten Kleider der Fürstin nicht so
    prächtig wie die Kleider der Dienerin.
    Der Mond, der fast voll ist, bringt Heil.
  2. Der Herrscher I verheiratet seine Tochter. Da waren ihre gestickten Kleider nicht so prächtig wie die der Dienerin. Der Platz ist in der Mitte, und dadurch wird das Handeln wertvoll.

Der Platz ist zentral und geehrt. Dennoch ist die Linie weich und läßt sich zu der starken Neun auf zweitem Platz herab, wie eine Prinzessin, die einen niederen Mann heiratet. Daher gibt sie aus Vornehmheit nichts aufs Äußere, das bei der Dienerin auf erstem Platz noch prächtiger ist. Als oberste Linie des Kernzeichens Kan kommt das Bild des Mondes (Kan ist Mond) in Betracht.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Die Frau hält den Korb, aber es sind keine Früchte darin.
    Der Mann sticht das Schaf, aber es fließt kein Blut.
    Nichts, das fördernd wäre.
  2. Daß die obere Sechs keine Früchte hat, kommt daher, daß sie einen leeren Korb hält.

Die obere schwache Sechs auf dem Gipfel der Bewegung und ohne Beziehung zu einem starken Strich hat keine Möglichkeit mehr zu einer Heirat. Die Versuche des Opfers — das obere Zeichen ist das Bild eines leeren Korbs, das untere, Dui, hat als Tier das Schaf — sind daher leer und vergeblich.

Richard Wilhelm
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