Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Erbe der Schule der Weisheit

19. Heft · Der Weg zur Vollendung - 1931

Bücherschau · Edgar Dacqué · Die Erdzeitalter

Nachdem ich meine historischen Kenntnisse revidiert, hatte ich gleichsam Blut geleckt und spürte nunmehr Lust, auch die letztgültige Zusammenfassung unseres geologischen Wissens zur Kenntnis zu nehmen. Zur guten Stunde kam mir so Edgar Dacqués Die Erdzeitalter (München 1930, Verlag R. Oldenbourg) in die Hand. Welche Wandlung auch hier seit der Zeit, da ich Geologie studierte! Mindestens ebenso bereichert haben die letzten 30 Jahre die geologische wie die historische Erkenntnis.

Hier kann ich auf Einzelheiten nicht eingehen. Um so nachdrücklicher aber möchte ich allen, buchstäblich allen dieses Werk Dacqués als Hausbuch und Jugendlektüre zugleich empfehlen. Es ist eines der gediegensten populärwissenschaftlichen Werke, die ich je gelesen. Und es ist vor allem Dacqués weitaus bestes Buch. Am anregendsten ist ja gewiss sein bekanntestes Werk Urwelt, Sage und Menschheit. Vieles Unwahrscheinliche, das es enthält, wird sich gewiss als richtig erahnt erweisen. Aber eben weil es ein Buch der Ahnung ist, könnte es nur gut sein, sofern ein wesentlich Ahnender es geschrieben hätte, d. h. ein Mensch, dem das nicht ganz Bestimmte, schwer Bestimmbare natürlicher Wirkungskreis ist. Dies galt von den größten Sehern und Dichtern. Von Dacqué gilt es nicht. Dies beweisen seine späteren rein naturphilosophischen Schriften Natur und Seele und Leben als Symbol nur zu sehr; das sind, geologisch gesprochen, durchaus Produkte missglückter Anpassung. Hier ist Dacqué nur ein deutscher Romantiker unter anderen, d. h. ein Mensch, der mit der Sehnsucht nach einer Sache diese schon zu haben wähnt; es fehlt die wahre innere Entsprechung zwischen Wollen und Gegenstand; so muss Konstruktion, Vorurteil und Vergangenheitskult das Wirklichkeitserlebnis ersetzen. Die ganze deutsche Seelen-Wiedererweckungs-Literatur aus dem Geist der Sehnsucht heraus, zu deren Vertretern Dacqué in den beiden letztgenannten Schriften mit gehört, wird an dem Tag endgültig im Papierkorbe der Geschichte liegenbleiben, wo das gemeinte Problem aus unmittelbarem Wirklichkeitsbewusstsein heraus erfasst wird.

Urwelt, Sage und Menschheit gehört zum Teil auch in diese Kategorie hinein. Doch sein Wesentlichstes ist die Deutung von wissenschaftlich Erschlossenem; dazu ist Dacqué berufen; deswegen besteht hier innere Entsprechung zwischen Autor und Gegenstand und die Anregung wird so oder anders positiv fortwirken. Aber der echte, der eigentliche Dacqué ist doch erst der der Erdzeitalter. Dieses Buch ist hervorragend von Anfang bis zum Schluss. Denn hier erst spricht Dacqué aus seinem realen Erlebenszentrum heraus. Deshalb gewinnen seine naturphilosophischen Theorien hier einen ganz anderen, weit positiveren Aspekt: sie erscheinen richtig eingestellt im Zusammenhang von Dacqués psychischem Organismus, so dass das wenige in diesem Buch darüber Gesagte bedeutender wirkt als alle Ausführung in anderen Werken. Wenn es doch gelänge, das Vorurteil zugunsten des Ausgeführten zu töten! Gut ist immer das, und das allein, was unmittelbar-reales Erleben ausdrückt. Aber solches kann immer nur engen Raum und kurze Zeit betreffen; nur ganz selten ist deshalb Abrundung nicht künstliche Konstruktion. Letztlich gibt es nur eine nicht künstliche Abrundung: das ist die des Gedichts. Aber dieses will auch nie mehr als Augenblickliches fassen, ohne Hintergedanken noch Vorurteil.

Hermann Keyserling
Das Erbe der Schule der Weisheit · 1981
Der Weg zur Vollendung
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