Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt

Vorrede

Neuverkörperung der ewigen Probleme

Dieses mein drittes Hauptwerk habe ich Wiedergeburt geheißen, weil Wiedergeburt der Weg alles Neuwerdens auf Erden ist. Was immer geworden ist, muss auch vergehen. Wie das Ewig-Seiende sich einzig so manifestiert, dass es sich im Verfließenden immer neu verkörpert, so kann das Ewig-Wahre nur so in seiner Identität im Zeitstrom erkennbar bleiben, dass es immer erneut in zeitgemäßer Gestaltung neugeboren wird. So stellt das ganze Lebensproblem sich jedem neuen Menschen, und diesem wiederum in jedem neuen Augenblicke, neu. So erfordert jedes Problem von jedem neuen Zustand aus entsprechende Neufassung.

Die Wiedergeburt braucht keinen Fortschritt zu bedeuten. Inwiefern dies nicht der Fall ist, hat das Kapitel Das richtig gestellte Fortschrittsproblem meiner Neuentstehenden Welt gezeigt. Jedoch sie kann es, wenn entsprechende Initiative mitwirkte. Und es besteht kein Zweifel, dass solche sich während der letzten Jahrhunderte in intellektueller Hinsicht in hohem Grade betätigt hat. Demzufolge befindet sich die Menschheit, die an dieser Entwicklung teilhatte, in einem vorgeschrittenen Zustand des Verstehen-Könnens. Insofern nun erfordern sämtliche alten Probleme nicht allein Neufassung überhaupt: die neue Fassung kann, vom Standpunkt des Korrelationsgesetzes von Sinn und Ausdruck, eine absolut bessere bedeuten. Solcher besseren nun bedarf es unbedingt, damit das eigentliche Problem dieser Zeit seiner Lösung zugeführt werde. Dieses ist, wie ich wieder und wieder gezeigt habe, kein intellektuelles, sondern ein vitales. Das aber andererseits nur vom Geist her zu lösen gelingt.

Entsprechend dem Gesagten verfolgt dieses Buch das dreifache Ziel der Neuverkörperung der ewigen Probleme überhaupt, deren geistig besserer Fassung und der Überleitung der theoretischen Erkenntnis ins Leben, auf einmal. Aber es verfolgt dieses Ziel einzig und allein von meinem persönlichen Ansatzpunkte aus: dem des befruchtenwollenden Geists. In den Menschen als Sinnbildern ist meine Überzeugung ausführlich begründet, dass keiner mehr als anregen kann, dass es keine höhere Ethik gibt als die der Fruchtbarkeit, und im übrigen gezeigt, dass aller Fortschritt allein dank dem Einfluss des Logos spermatikós, des Schöpferischen in seinem rein männlichen Aspekt, zustande kommt. Dementsprechend ist dieses Buch so komponiert, dass es weniger fertige Erkenntnis vermittelt, als solche im Leser neu entstehen lässt. Womit sich denn noch einmal die Sinngemäßheit des Titels Wiedergeburt erweist: was ich für mich erkannt zu haben und zu wissen glaube, soll im Leser als sein persönliches Erreichnis neuentstehen.

Deswegen liegt es durchaus in meiner Absicht, dass dieses Buch kein architektonisch gegliedertes und festgefügtes Ganzes ist, sondern vielmehr eine Serie von diskontinuierlichen Einzelakten darstellt. Nur so ist spermatische Wirkung möglich. Im ersten Teil tritt der betreffende Stil extrem in die Erscheinung. Er enthält meine Vorträge der Darmstädter Tagungen 1922, 1923, 1924 und 1925, die ursprünglich nur Teile eines größeren Ganzen waren und insofern Fragmente darstellen1. Aber diese Tagungen hatte andererseits ich von Hause aus als Ganzes komponiert. Kein Vortrag anderer Redner brachte mir je eine Überraschung. Insofern implizieren meine Vorträge die übrigen von Hause aus. Wer der expliziten Ergänzung bedarf, der findet sie, für jede Tagung, im Leuchter des darauffolgenden Jahrs. Indessen schöpferisch dürften gerade die Fragmente als solche wirken. Denn indem sie die im Leuchter vorliegende bestimmte Ausführung und Ergänzung innerlich vorwegnehmen, andererseits viel ungesagt lassen, zwingen sie den Leser geradezu, von sich aus weiterzudenken und zu ergänzen. Andererseits wiederum ergänzt dieses Buch die Darmstädter Vorträge in einem Sinn, der bisher noch nicht zum Ausdruck gekommen war. Erstens habe ich sie sämtlich umgearbeitet, ja teilweise neu verfasst. Vor allem aber bilden die sich folgenden Tagungen für mich eine innere Entwicklungseinheit. Jede folgende führt das Thema der vorhergehenden weiter. Dieses für mich wird nun hier zu einem für alle. Wer den ersten Teil vorliegenden Buchs im Zusammenhange liest, der wird darin, so hoffe ich, erkennen, dass nicht nur jede Tagung für sich eine Wiedergeburt ewiger Probleme auf neuer Erkenntnisstufe bringt, sondern dass alle zusammen ihrerseits einen höheren Standpunkt schaffen, und der ist es, um den es mir letztlich zu tun ist.

Der erste Teil von Wiedergeburt stellt die Probleme des Wegs der Geistverwirklichung, des Verhältnisses vom ewigen Sinn zur Vielfalt der Erscheinung, von Leben und Tod und das Freiheitsproblem neu ein. Der zweite tut gleiches mit den wichtigsten Einzelproblemen, die meiner Überzeugung nach auf der heutigen Stufe eine Neufassung erfahren müssen, damit die Seele alle ihre Möglichkeiten, im Diesseits wie im möglichen Jenseits, realisiere. Hier nun erbitte ich für das Kapitel Geisteskindschaft und die drei letzten besondere Aufmerksamkeit. Es bestehen noch viele Missverständnisse deshalb, warum ich von Diskussion so gar nichts halte, und wie das Problem von Gut und Böse vom Standpunkt der Schule der Weisheit aus erscheint. Es ist noch nicht ganz klar, was deren Impuls für die Religiosität bedeutet. Endlich wissen nur die, welche mich sehr genau-persönlich kennen oder Menschen als Sinnbilder sehr tief verstanden haben, welches die letzten persönlichen Voraussetzungen meiner Weltanschauung und Lebensgestaltung sind. Denn alles, was einer vertritt, so objektiv gültig es sei, setzt doch die subjektive Gewissheit von irgend etwas voraus, welche Gewissheit die Grundlage aller Problematik bildet. Die Aufforderungen, diese Punkte zu klären, traten in letzter Zeit immer häufiger an mich heran. Ihre Berechtigung anerkennend, habe ich sie, so gut ich’s in meinem heutigen Zustand vermag, zu erfüllen versucht.

Damit der Leser im übrigen vom vielfältigen Inhalt dieses Buches größtmöglichen Gewinn habe, hängte ich auch ihm, wie der Schöpferischen Erkenntnis, ein ausführliches Register an. Auf dieses verwandte ich besondere Sorgfalt: wer auf Grund seiner die verschiedenen Stellen, welche gleiche Probleme betreffen, zusammenliest, wird sich jedesmal einem neuen Sinneszusammenhange gegenübersehen.

Darmstadt, im Januar 1927 Hermann Keyserling
1 Vgl. über Sinn und Stil der Darmstädter Tagungen die sie betreffende Stelle meiner Autobiographie in Menschen als Sinnbilder, sowie besonders Baron Otto Taubes Tagungsbericht und den Eingang der Bücherschau im 11. Heft des Wegs zur Vollendung.
Hermann Keyserling
Wiedergeburt · 1927
Vorrede
© 1998- Schule des Rades
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