Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Wesen chinesischen Denkens

I Ging

Von allen chinesischen Schriften ist dieses Buch am meisten in Europa interpretiert worden. Doch nur wenige Kommentatoren waren fähig, seinen wahren Sinn zu verstehen, da dieser unmöglich mittels der gewohnten europäischen Kategorien zu begreifen ist. Wenn in Europa die Zeitprozesse betrachtet wurden, so entstanden zwei gegensätzliche Philosophien: entweder eine Philosophie des Werdens und der unwiderruflichen Verwandlung, wie bei Heraklit, oder der ewigen Wiederkehr, wie bei Nietzsche. Deshalb wird in den meisten heutigen Philosophiegeschichten das Buch der Wandlungen: als reines Orakelbuch entwertet, welches zu einem früheren mythologischen Stadium der Menschheit zu rechnen sei und keinen Wert für die moderne Welt habe.

Doch dieser moderne Mensch hat keine Handhabe, um die Welt der Wandlungen und Veränderungen zu erfassen: die moderne Geschichte stellt sich als eine Folge zufälliger Ereignisse dar, und selbst wo die dialektische Theorie der Wandlung einbezogen wird, wie im Kommunismus, wird diese auf die materielle Natur und die wirtschaftlichen Aspekte der menschlichen Existenz beschränkt. Aus diesem Grunde ist die Botschaft des I Ging immer noch gültig und wird wohl für ewig einer der wesentlichen Wissenszweige bleiben: sie gründet sich auf die Tatsache, daß es nicht eine, sondern zwei Zeitarten gibt; die eine kehrt wieder, wie die Jahreszeiten, die ewige Wiederkehr Nietzsches; und die andere wandelt sich unwiederbringlich in einen neuen qualitativen Zustand nach dem Ausspruch Heraklits Du kannst nicht zweimal in denselben Fluß steigen.

Der I Ging ist das Ergebnis der Bemühungen der chinesischen Weisen des Altertums, die Beziehungen zwischen den beiden Zeitqualitäten, der wiederkehrenden und der evolvierenden Zeit, zu bestimmen. Sie waren sich darüber im klaren, daß sie keine endgültige Interpretation geben konnten, sondern daß dieses Wissen in jedem Zeitalter neu formuliert werden müsse, wie sie es selbst in der großen Abhandlung des I Ging, Da Tschuan, bekundeten:

So ist der Geist an keine Form gebunden,
und das Buch der Wandlungen an keine bestimmte Gestalt
.

Alle Wandlungen in der Welt lassen sich auf die Wechselwirkung dieser zwei Zeitprinzipien zurückführen. In der Welt des Geistes und der schöpferischen Natur wurden sie als Yang und Yin, als das Schöpferische und das Empfangende, bezeichnet. Auf Erden sind die beiden Pole das Starke und das Nachgiebige, das Männliche und das Weibliche. Das Starke handelt, doch wird es durch den Impetus seines Handelns in unbekannte Richtungen davongetragen; das Schwache gibt nach, doch sich aufgebend erfüllt es seine eigene Möglichkeit.

K r e i s · d e r · T r i g r a m m e

Das Schöpferische und das Empfangende bilden nun in der Weiterentwicklung verschiedene Triaden: einmal Schwach und zweimal Stark, zweimal Schwach und einmal Stark, dreimal Schwach, oder dreimal Stark. Unter Berücksichtigung der Reihenfolge dieser Elemente entstehen acht ursprüngliche Formungsprinzipien der Zeit:

Kiën und Kun, Li und Kan, Dschen und Sun und schließlich Dui und Gen.

Kiën ist das Schöpferische auf Erden,
Kun das Empfangende.
Li ist die fixierende Energie oder die Haftfähigkeit, gleich dem Feuer;
Kan die Gefahr oder die leere Form, der Abgrund, und soll die Charakteristik des Wassers haben, das immer gleichmäßig ruhig mit der gleichen ungestörten Oberfläche über seichte und tiefe Stellen fließt.
Dschen ist das Erregende, das eine neue Bewegung beginnt,
und Gen das ganz Ruhige, die Fermentation, welche eine neue Schöpfung und Empfängnis vorbereitet;
Dui, das Heitere, erlaubt die freie und ungestörte Entwicklung der Anlagen,
während Sun, das Sanfte, sich dem leisesten Windhauch fügt.

Die acht Grundprinzipien wurden von den mythischen Kulturheroen, wie Kaiser Shun, ungefähr 2300 v. Chr. geprägt. Diese Prinzipien vereinen sich zu raumzeitlichen Situationen, die aus je sechs Elementen bestehen. Aus der Vereinigung der Prinzipien entstehen acht mal acht, also vierundsechzig Situationen, von denen sich jede in jede andere wandeln kann. Zum Beispiel ist das Empfangende oberhalb des Schöpferischen, das Symbol Tai, das Zeichen für Frieden, welches das elfte Kapitel des I Ging bildet: das Schöpferische begibt sich unter das Empfangende, es vertraut sich der Führung der geistigen Keime an. Das entgegengesetzte Zeichen, mit dem Schöpferischen über dem Empfangenden, bedeutet Pi, die Stockung, den Beginn der Auflösung; die Harmonie zwischen Himmel und Erde ist zerstört.

Der I Ging besteht aus Zeichen, Bildern, Urteilen und Wandlungen. Die Zeichen wurden von den mythischen Kulturheroen geschaffen, die Bilder von dem König Wen, die Urteile durch den Herzog von Dschou, und die Kommentare zu den Wandlungen von Konfuzius und vielen anderen.

Auf ersten Blick erscheint das Buch für jemanden, der in indischer oder europäischer Philosophie ausgebildet ist, wie ein Spiel mit Analogien und Magie, und das Buch der Wandlungen: wird abwertend ein Orakelbuch genannt. Nun kann kein Zweifel bestehen, daß es als solches sehr oft gebraucht wurde und auch noch wird. Doch hier müssen wir uns an die verschiedenen Reifestufen erinnern: für jede hat das Buch eine andere Bedeutung.

  • So könnte für den gemeinen Mann, der nur für die Befriedigung seiner Wünsche und Bedürfnisse lebt und darin dem Gesetz des Zufalls unterliegt, das Studium des Buches die beste Entscheidung zur Erreichung seiner Ziele geben.
  • Der Würdige kann durch die Meditation der Zeichen die Grundlage der Mannigfaltigkeit in der Welt begreifen und dadurch einen ruhigen und heiteren Gemütszustand erreichen.
  • Der Mensch des dritten Stadiums, der Edle, welcher versucht, irdische Erfüllung und geistige Vollendung zu vereinen und ein Schicksal zu haben, wird im Buch der Wandlungen seinen Weg hierzu finden.
  • Dem Berufenen wird das Buch dazu dienen, die Gesetze der Wandlungen in Sitten zu inkarnieren, derart, daß die Beziehungen zwischen Menschen harmonisch vor sich gehen und keiner den anderen für seine privaten Ziele ausnutzen kann. Ferner wird er in den Bildern Inspirationen für kulturelle Einrichtungen finden, wovon Konfuzius viele Beispiele zitiert.

Meister Kung glaubte, daß er selbst dem vierten Stadium zugehöre, aber er strebte danach, das fünfte zu erreichen, dessen einzige Beispiele für ihn die Kulturheroen, der Kaiser Shun und der König Wen waren.

  • Das höchste Stadium der menschlichen Entwicklung, der Heilige Weise, wird das Wissen der Schöpfungsprinzipien mit seiner Natur so verschmolzen haben, daß er durch sein bloßes Dasein einen harmonisierenden und herrschenden Einfluß in der Gemeinschaft darstellt. Konfuzius drückte das mit folgenden Worten aus: Er gleicht dem Polarstern, um den alle anderen Sterne kreisen, der aber selbst immer seinen Platz behält.

So hat das Buch der Wandlungen: verschiedene Bedeutungen für die verschiedenen menschlichen Reifestufen. Doch hier müssen wir eine andere wichtige Unterscheidung treffen, die zu den Behauptungen der rationalen, logischen Philosophie im Gegensatz steht: der I Ging untersucht und bestimmt eine Gedankensphäre, deren bloße Existenz in Europa und Indien nicht einmal vermutet wurde. Wenn in der westlichen Philosophie ein Mensch als aus seinen Instinkten befreit erachtet wurde, wurde deren Stelle sofort durch die Gebote der Religion eingenommen. Und die Beziehung zwischen Freiheit und Notwendigkeit wurde mit dem Verhältnis von der Zeit zum Raum identifiziert: der Raum sei kausal determiniert, aber die Zukunft sei nicht determiniert, und die Freiheit des Individuums läge in seiner Fähigkeit der Wahl.

Erst mit der modernen Physik wurde die Einheit von Raum und Zeit wieder hergestellt. So ist diese Auffassung ungültig geworden, und viele wissenschaftlich eingestellte Menschen glauben an eine mechanische Prädestination, die noch viel hoffnungsloser erscheint als die calvinistische Auffassung. Doch die chinesische Philosophie hat nie diesen Fehler begangen; sie betrachtete immer Raum und Zeit als eine Einheit. Darüber hinaus war sie aber zu einer wichtigen Erkenntnis gekommen: die Zeit fließt nicht gleichmäßig dahin. Beide Zeitweisen, die Entfaltungszeit und die kreisförmige Zeit, Yang ebenso wie Yin, haben nur Punkte, wo eine Veränderung möglich ist, Kreuzungen, wo es Wandlungen gibt, und etwas neues beginnen kann und dann kann wiederum die Zeit gleichmäßig und unverändert nach dem Gesetz ihrer eigenen Trägheit für eine gewisse Spanne weiterfließen, ohne daß es überhaupt die Möglichkeit einer Veränderung gäbe.

Die Sphäre der Schöpfungsprinzipien ist von einigen mittelalterlichen Philosophen beschrieben worden. Zum Beispiel erkannte Augustin ihre Existenz; er nannte sie germinale Urgründe. Doch wurde diese Idee niemals von der orthodoxen und logischen Philosophie aufgenommen. Hingegen war in China seit König Wen das Gesetz, das den Schöpfungsprinzipien zugrundeliegt, bis ins Einzelne bestimmt worden. Und sie wurden nicht nur als Grundlage der Natur der menschlichen Einbildungskraft und der Kultur verstanden; im Jahre 1300 v. Chr. schuf der Herzog von Dschou im Gefängnis die Urteile, wie man sich am besten in einer gegebenen Situation verhalten könne, und gab damit verschiedene Wirktendenzen der Zeit.

  • Die ersten bezeichnete er mit Heil und Unheil. Mit diesen zeigte er, ob eine Bewegung sich nach aufwärts entwickelt, oder zum Verfall führt.
  • Als zweites bestimmte er zwei menschliche Haltungen, Reue und Scham. Mit dem ersten meinte er, daß die Lage immer noch durch das strebende Individuum zum Guten geführt werden könne; mit Scham deutete er an, daß der Mensch sich in der richtigen Geisteshaltung zurückziehen müsse, er könne nichts mehr tun.
  • In Gegensatz zu den letzteren standen die zwei positiven Richtungen, Beharrlichkeit und Gelingen. Das letzte verstärkt durch den Satz: es ist Förderlich, das große Wasser zu durchschreiten. Das erste Urteil ermutigt den Menschen, in derselben Richtung seiner Bemühungen fortzufahren, das zweite fordert ihn zu einem Entschluß auf.

So haben wir in der chinesischen Philosophie an Stelle des primitiven freien Willens der europäischen Philosophie sechs mögliche Einstellungen zur Zeit: Reue, welche einen Fehler noch ins Gute wenden mag; Scham, also Erkenntnis des Fehlers und Rückzug. Ferner: Durchhalten und Gelingen, also Fortfahren auf dem Weg und der Entschluß zu etwas Neuem, und schließlich zwei außer der menschlichen Entscheidung liegende Faktoren, die er als Naturgesetze akzeptieren muß, Heil und Unheil: hier hat sich der Mensch dem Naturlauf unterzuordnen. Nur eines der sechs Urteile, die mit Gelingen bezeichnete Entscheidung, bedeutet, daß man an einem Kreuzweg angekommen ist, so daß die Wahlfreiheit nur eine von sechs möglichen freien Einstellungen bedeutet, für den Menschen, der zwischen seiner geistigen Vollendung und irdischen Erfüllung lebt. Nur dieser Mensch, sagt Konfuzius, formt die Mitte der großen Triade mit Himmel und Erde.

Arnold Keyserling
Das Wesen chinesischen Denkens · 1964
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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