Schule des Rades

Arnold Keyserling

Naturwissenschaft gegen Esoterik

Gespräch Teil 1

F. K.
Meine sehr verehrten Damen und Herren: Ich begrüße Sie zu Disputationes Naturwissenschaft gegen Esoterik und darf Ihnen vorstellen: Prof. Arnold Keyserling, Religionsphilosoph, Wien, hauptsächlich Wien — Sie sind ja überall zu Hause und Univ. Prof. Dr. Johann Götschl. Philosoph aus Graz — Philosoph ist ein bißchen zuwenig gesagt, Sie sind ja auch Physiker!
Das Thema unserer Disputationsreihe Naturwissenschaft kontra Esoterik hat uns Definitionsschwierigkeiten gemacht und wird es noch tun. Beziehen wir uns auf die Auslagenfenster der Buchhandlungen: meist ein Fenster Naturwissenschaft, aber immer ein Fenster Esoterik. Damit Sie wissen, worum es im Grunde geht: so einfach lassen sich Wissenschaftler nicht in Vollwissenschaftler, in Szientisten und Esoteriker einteilen; die meisten protestieren und definieren sich dann selbst. Heute haben wir es etwas leichter: Wir fragen den Ajatollah der Esoterik, Herrn Professor Keyserling.
A. K.
Das Wort Esoterik stammt von Pythagoras, und auch Esoterik stammt von ihm. Es gibt ein Wissen, das man lernen kann, weil es strategisch ist. Und es gibt ein Wissen, das das Sein verwandelt. Das Wissen, das das Sein verwandelt, verlangt, daß der Mensch selbst sich als Experiment nimmt, das nennt man Initiation, im Unterschied zu Prüfungen akademischer Art. Niemand kann ein esoterisches Wissen erwerben ohne zwei Schwellen zu durchschreiten, d. h. die Schwelle des Traumes und die Schwelle des Todes. Das heißt nicht, daß jeder eine Todeserfahrung gehabt haben muß. Ich habe sie glücklicherweise gehabt. Das setzt mich in den Vorteil Feldforschung betrieben zu haben — durch einen Herzinfarkt — Das ist nicht unbedingt notwendig, sondern was damit gemeint ist, ist zu akzeptieren, wie der indische Veda es sagt: es gibt vier Welten. Von diesen vier Welten kennen die meisten Menschen nur eine — die des Denkens. Weiters gibt es die Welt der sinnlichen Wahrnehmung, es gibt ferner die Welt des Traumes und es gibt die Welt des Schlafes und des Todes.
Das Thema Naturwissenschaft im Gegensatz zur Esoterik würde zum Beispiel in Indien nie gestellt werden, denn eigentlich ist die Naturwissenschaft nicht im Gegensatz zur Esoterik. Die ratio essendi im Unterschied zur ratio cognoscendi ist immer ein Anliegen der Naturphilosophie gewesen. Wogegen wir uns richten ist die bürgerliche Rationalität, die behauptet, alles zu wissen und daß Gemeinschaft nur durch freien Zusammenschluß von Individuen möglich ist. Ich bin der Überzeugung, daß zu der indischen Philosophie — und in der chinesischen — der Mensch Teil des Universums ist und daß diese Methexis, wie es auf griechisch heißt, das eigentliche Anliegen der Esoterik bedeutet.
Esoterik ist kritisch. Da heute sich viele Menschen als Esoteriker bezeichnen, die alles andere als kritisch sind, kommt daher, weil es modern ist. Aber da muß ich an meinen großen Lehrer Wotruba denken, der sagte: Ohne Kitsch keine Kunst. Gäbe es nicht ein so ungeheures Angebot an schlechter Esoterik, könnte die gute Esoterik, nämlich die Frage nach dem Weg des Wissens im Unterschied zum Weg des Glaubens in der Religion nicht sinnvoll gestellt werden. Und darum sind wir heute in einer sehr glücklichen Lage, daß es eigentlich niemanden mehr gibt, der bezweifelt, daß es dieses Wissen geben kann. Auch aus dem Grunde, weil der eurozentrische Standpunkt nicht mehr der einzige ist. Die World Health Organisation hat zum Beispiel entschieden, daß in der Psychiatrie schamanische Methoden und vor allem australische und afrikanische genauso wirksam sind, wenn nicht noch wirksamer als die Psychopharmaka. Im Grunde genommen sind wir auch gar keine Gegner, wir sind sozusagen verschiedene Perspektiven. Da unser Gespräch eine Disputation werden sollte, wird Herr Kreuzer sich bemühen, uns geistig zu fordern und wir werden versuchen, in das nötige Feuer zu kommen.
F. K.
Ja, das wollen wir versuchen.
J. G.
Ich sehe es so ähnlich wie Sie, wenn es auch einige wesentliche Unterschiede gibt, die man, glaube ich, deutlich machen muß. Es ist sicherlich richtig, daß die Esoteriker nicht unbedingt gegen die Naturwissenschaft im besonderen sind, aber das Entscheidende daran ist ja eigentlich, daß die Frage gestellt wurde und erneut gestellt werden muß, was bringt die Esoterik darüber hinaus, was nicht ohnehin in der Philosophie des Abendlandes dargelegt wurde. Alles, was Sie gesagt haben über ein Wissen über Leben und Tod, über unsere Herkunft, über die Integration des Menschen in das Universum insgesamt, findet man aufgeworfen und behandelt in der Naturphilosophie der vergangenen 2500 Jahre, in der sokratischen und nachsokratischen Philosophie, bis in das 20. Jahrhundert. Also muß man aus der Sicht eines Philosophen der Natur bzw. der Naturwissenschaften, als der ich mich fühle, fragen, was ist an der Esoterik originell, was ist das über die Renaissanceform des menschlichen Denkens und Lebens Hinausgehende? Wenn Sie darauf rekurrieren, daß Sie sagen, daß es eine besondere Form des Wissens darstellt, was Esoteriker beanspruchen, dann werden wir, glaube ich, nicht umhin können, zumindest ganz kurz, uns ein wenig darüber Klarheit zu verschaffen, ob es Ihnen bzw. der Esoterik gelingt, einen Begriff oder einen Inhalt des Wissens zu definieren, der etwas anderes darstellt als das, was unter Rationalität im 20. Jahrhundert, insbesondere auch in den letzten 20, 30 Jahren, erarbeitet wurde. Da wären sozusagen Sie an der Reihe. Sie kennen die verschiedenen Rationalitätsmodelle der Gegenwart, und hier müßte man sagen, was die Besonderheit des esoterischen Wissens als solches kennzeichnet.
A. K.
In Amerika spricht man von experimenteller Religion im Unterschied zur mystischen und der prophetischen Religion. Für die Indianer, von denen ich sehr viel gelernt habe, ist eine Visionsreise entscheidend. Nun, eine Visionsreise ähnelt sehr einer europäischen aktiven Imagination von außen. Der Unterschied ist, daß der Indianer oder der Mensch, der eine Visionsreise macht, danach handelt. Wenn er zum Beispiel die Vision einer untergehenden Sonne hat, so fängt er an, zu interpretieren, daß das der Abend ist, daß das die Gesellschaft ist, daß er vielleicht nach Westen aufbrechen muß. Meine Erfahrung ist, daß die Visionen allen Menschen zugänglich sind. Ich möchte ein etwas absurdes Statement einbringen, das der Psychiater in Princeton, Julian Jaynes, gemacht hat: Wenn der Kapitän einer Fußballmannschaft um einen Sieg bittet — also Kapitän spricht zu Gott — heißt das Gebet. Wenn es Gott einfallen sollte, zurückzusprechen, heißt das Schizophrenie. Seit Sokrates, sagt Jaynes, ist es so, daß die persönliche Vision nur noch Künstlern vorbehalten ist. Reinhold Schneider erklärte, daß er seine Dramen diktiert bekommt, von Wesen, die im Raum sind. Ich bin der Überzeugung, daß für alle Menschen Visionen eine große Bereicherung darstellen. Ich bin ferner der Ansicht, daß die sogenannten Rückführungen, die zwar in großem Maße verbunden sind mit Ideologie, mit dem früheren Erleben eine phänomenologische Bereicherung darstellen. Wenn man heute mit irgendeinem Studenten spricht, so ist das nicht mehr so, daß der sich bekennt, ich behaupte das als Christ, oder als Gnostiker, sondern alle interessieren sich für diese ungeheure Anzahl verschiedenster Methoden, die dargeboten werden. Das bringt eine Gefahr mit sich. Nach der ägyptischen Überlieferung gibt es ein großes Zwischenreich zwischen der Welt der Götter und der Welt der Menschen. Es kann sehr leicht sein, daß sich einer darin verliert. Man kann Techniken, die das normale Bewußtsein umwerfen, recht schnell in zwei bis drei Wochenenden lernen. Es ist nicht viel anders als mit Drogen. Heute sind wir aber soweit, daß unzählige Menschen Erfahrungen machen, daß sie Stimmen hören. Immer wieder kommen Menschen zu mir, die sagen, bitte, wenn ich sage, daß ich Stimmen höre, komme ich in die Psychiatrie. Nun, wenn sie tun, was die Stimmen sagen, dann ist es gefährlich. Aber in dem Augenblick, wenn sie das als Phänomenologie betrachten, daß die Welt des Traumes genauso eine Welt ist, wie die Welt des Wachens und daß wir eigentlich Spieler unseres Lebens sind, dann ist dies die Grundidee der Esoterik, der Ars Magna wie Ramon Lull sie genannt hat. Die moderne Pädagogik will nicht mehr Anpassung, sondern Entwurf des eigenen Lebens.
J. G.
Was Sie sagen klingt ein wenig, als wurde die europäische Aufklärung, die sich im wesentlichen auf die Wissenschaftsentwicklung stützt, den Spielraum für das Visionäre eingeengt haben. So klingt das ungefähr. Dabei weiß man doch ganz genau, gerade wenn Sie Kulturvergleiche machen, etwa das genannte Indien mit der europäischen Zivilisation vergleichen, daß durch die rationale Formung bzw. Verdichtung des Wissens, durch die Universalisierung unseres Wissens eigentlich der Gesamtkomplex, die Basis für Visionäres gewaltig zugenommen und nicht abgenommen hat. Insofern ist das Visionäre, das Entwerfenkönnen von Lebensmöglichkeiten, keine Errungenschaft der Esoterik. Hier, von der universalen Wissensform ausgehend, könnte möglicherweise ein Zweig eröffnet werden für eine Integration des Fühlens, des Denkens, der phänomenologischen Bestandsaufnahme u.a.m. Aber ich würde nicht sagen, daß dies in irgendeiner Weise etwas besonderes darstellt, das der Esoterik vorbehalten ist. Denn Sie werden mir doch zugestehen, daß der Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaft seit der Renaissance im 15. Jahrhundert — die größten Visionen aller Zeiten vorangegangen und gefolgt sind, daß damit zusammenhängend die Entwicklung zum Beispiel des Denkens eines universalen Menschenrechtes, seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts eine große Vision eines neuen Bildes von Menschen war, das rational argumentativ bewältigt werden kann und nicht etwa nur der singulären Interpretation von Religionsgemeinschaften ausgesetzt werden müßte, das heißt die Humanität, wenn Sie so wollen, die wächst mit der universalistischen Wissensform. Die Zunahme der Humanität ist — trotz vieler Probleme — nicht mit Esoterik in Zusammenhang zu bringen, sondern ist kulturell durch die Implementierung der Wissenschaft in die europäische Zivilisation ja schon längst da.
A. K.
Esoterik ist keine Richtung. Früher habe ich im Sinne des Pythagoras definiert, daß Esoterik nicht von dem Satz ausgeht erkenne Dich selbst, sondern erlerne Dich selbst. Hierfür gibt es gewisse Begriffsmittel. Diese Begriffsmittel haben wir zum großen Teil, wie Sie richtig sagen, durch Vertreter der europäischen Wissenschaft ermittelt. Ohne Max Müller würden die Inder ihr Universum schlechter verstehen, das gleiche gilt für Richard Wilhelm für China. Ich bin nicht der Ansicht, daß Europa sich auf einem Holzweg befindet, sondern vertrete die Auffassung, daß es jetzt unter den Geisteswissenschaftlern weniger als unter den Naturwissenschaftlern Menschen gibt, die behaupten, daß das Beschäftigen mit diesen Dingen gefährlich für die Demokratie und das Abendland sei.
Bis vor kurzem war das ganzheitliche Denken der Ansatz weniger Menschen. Ich glaube, daß die moderne Naturwissenschaft zeigt, daß das Ganzheitliche das Wahre ist und daß die Abspaltung im Sinne der objektiven Wissenschaft eine gewisse Gefahr darstellt, sobald man diese Extrapolation, diese Begrenzung als existentiell betrachtet. Wogegen ich mich wehre, ist die Vorstellung, daß die Rationalität der Welt zugrunde liegt. Wenn die Rationalität als Sprache verstanden wird, bin ich einverstanden. Philosophie ist eine Sprache und da gehört sie hin. Rationalität gehört aber nicht zur Religion.
J. G.
Vielleicht haben Sie einen zu engen Begriff von Rationalität. Es scheint mir so zu sein, als würden Sie sich ein wenig an Rationalität zurecht legen, damit Sie eine Möglichkeit haben, diese aus der Sicht der Esoterik zu interpretieren. Lassen Sie mich kurz etwas Genaueres dazu sagen. Das innere Wachstum der Naturwissenschaften und deren philosophische Durchdringung hat in der Tat — in der Quantenmechanik, in der Relativitätstheorie, in der Evolutionstheorie — dazu geführt, daß die Begrenztheit von wissenschaftlicher Erkenntnis zum Selbstverständnis der gegenwärtigen Wissenschaftskultur gehört. Insofern ist die Einsicht in Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis keine Errungenschaft irgendeiner religiösen Richtung, auch nicht der Esoterik, sondern es ist einfach so beim heutigen Stand des rationalen Wissens durch das rationale Wissen.
Nun zum anderen Aspekt der Rationalität, wonach Sie sich dagegen wehren, daß der ganzen Welt die Rationalität zugrunde gelegt würde. Da müßte man natürlich jetzt zurückfragen und sagen, welche Rationalität könnte denn Herr Keyserling im Auge haben, daß eine Negation der neuzeitlichen Rationalität aus der esoterischen Richtung kommen könnte und sogar eine verlockende Deutung bekommt. Welche Rationalität bietet die Esoterik als Alternative? Sie werden wissen, daß wir in der Philosophie der Gegenwart seit einigen Jahrzehnten eine hochdifferenzierte Betrachtung von unterschiedlichen Rationalitätsbegriffen haben. Wir unterscheiden zumindest das Verifikationsmodell, das rationalistische, das historische und ein pragmatisches Modell der Rationalität. Es gibt also im Denken der Gegenwart ein hochaggregiertes System von Rationalitäten. Die Philosophie der Gegenwart hat auf die zivilisatorischen Herausforderungen und zivilisatorischen Nöte reagiert.
Arnold Keyserling
Naturwissenschaft gegen Esoterik · 1989
im Gespräch mit Johann Götschl · Moderation Franz Kreuzer
© 1998- Schule des Rades
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