Schule des Rades

Arnold Keyserling

Naturwissenschaft gegen Esoterik

Gespräch Teil 4

F. K.
Ich komme sonst überall mit Ihren Ausführungen mit. Nur bei der Rückführung komme ich nicht mit.
A. K.
Aber schauen Sie, unter gewissen in verschiedenen Kulturen geübten Ritualen lebt ein Mensch oder halluziniert einfach Dinge, die aussehen wie eine frühere Existenz; und ich glaube, es ist kein Zweifel daran, daß diese Erfahrungen die Begründung sind dafür, daß es diesen Glauben gibt, nicht umgekehrt. Falls die Erfahrung richtig ist, daß die Reinkarnation die Wahrheit sei, was ist dann mit einem Dichter? War zum Beispiel Shakespeare Hamlet? Es ist die visionäre Fähigkeit des Menschen. Betrachten wir es aus der Entwicklung. Das Kind lebt in der Phantasie, spielt Wirklichkeit. Dann kommt, wie man es in der amerikanischen Philosophie nennt, die Adaptation an den Local cultural consensus. Wie wird man ein gelernter Österreicher? Ich bin’s in 50 Jahren auch geworden. Dann kommt aber der nächste Schritt: was macht man damit? Nun stellte sich in früheren Zeiten die Frage: Wie lebe ich frei mit meinem Wissen. Und für diese Freiheit haben wir alle Voraussetzungen, wir haben keine Möglichkeit bisher wirklich mit diesen Dingen umzugehen, weil wir am Anfang stehen.
F. K.
Die Sache mit den Kindern scheint mir ganz besonders wichtig. Das ist jetzt die zweite Dimension. Die Vermutung, die Steinzeitmenschen könnten eine Weisheit gehabt haben, die wir verloren haben, bestätigt sich ja insofern, als unsere Kinder genial veranlagt sind und wir Ihnen die Genialität mit unserer europäischen Art sie zu erziehen, abgewöhnen. Das ist ja eines der stärksten Argumente überhaupt für Esoterik, für Wissenschaftskritik. Wenn man da sagt, daß man die Kinder in diesem Sinne geistig verkrüppeln, indem wir ihnen die potentielle Genialität in der Schule und durch unser System abgewöhnen.
J. G.
Also ich glaube, daß einfach die Voraussetzung falsch ist, die Sie machen. Sie machen es sich relativ bequem, Herr Kreuzer, indem Sie sagen, früher waren die Menschen ja nicht Krüppel, heute sind sie Krüppel. So einfach ist das ja nicht. Gerade, wenn man evolutionstheoretische Kriterien für die Betrachtung anlegt, dann stimmt vieles ein empirisch nicht, was Sie und Herr Keyserling sagen. Das mit dem Krüppel ist eine zu bequeme Annahme, um die heutige Gesellschaft zu kritisieren, ohne daß ich sie eisern verteidigen will. Der entscheidende Punkt ist ja, daß man die Frage so stellen muß: Waren die Menschen früher kreativer als heute?
F. K.
Vor der Naturwissenschaft.
J. G.
Waren sie kreativer als heute? Diese Frage ist vorderhand aber nicht beantwortbar, denn wir müßten die Daten haben, sozusagen die Geschichte genauer kennen. Ich meine, so kann man das nicht verallgemeinern, da insgesamt diese Frage wissenschaftlich nicht so einfach beantwortbar ist. Man kann jetzt nicht einfach einen Wunschtraum für die Realität setzen. Das tun Sie zu stark, Herr Keyserling, obwohl mir die Idee im Grunde sympathisch ist, wenn Sie zum Beispiel davon reden, es gäbe so etwas wie eine Erkennung, daß man wieder lebt oder wieder geboren wird, alle diese Dinge, die in der Esoterik da und dort eine Rolle spielen. Daß ein Mensch dies erlebt, will ich überhaupt nicht streitig machen, das gehört zur Vision und zur Halluzination, das ganze Spektrum der Psychiatrie würde dafür nicht ausreichen. Ich würde daher auch sagen, wenn Sie mich fragen, wie es um den Menschen insgesamt steht unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Argumentationskunst, dann ist der einzige Zugang für mich der, daß ich sage, ich brauche eine philosophische Durchdringung dessen, was wir Wissenschaft nennen. Wir haben eine verstellte Wissenschaft, diese offensichtlich noch nicht hinreichend verstanden. Denn die Wissenschaft wirkt natürlich auch auf die Person zurück, auf die personelle Identität sozusagen und diesen Prozeß haben wir noch nicht eigentlich verstanden. Es gibt das berühmte Wort von Nietzsche, das Sie wahrscheinlich kennen, wo Nietzsche sagt, etwas frei wiedergegeben, daß das Überleben der Zivilisation nicht primär davon abhängen wird, ob wir mehr oder weniger Wissen produzieren, sondern das Überleben der Zivilisation wird davon abhängen, ob wir das Wissen in Form von wissenschaftlichem Wissen verstehen, und das heißt, daß wir uns als Subjekte begreifen können, uns mit diesem sogenannten wissenschaftlichen Wissen eine Einordnungskapazität erarbeiten können. Andernfalls würde sich ja der Mensch in illusionäre Dimensionen vorwagen und diese als Ersatz für Rationalität nehmen. Wenn zum Beispiel jemand in der medizinischen Heilkunst verschiedene Dinge anbietet, alle möglichen alternativen Heilkünste, ein beispielsweise berühmtes Thema, das Sie wahrscheinlich besser kennen als ich, so habe ich im Prinzip überhaupt nichts dagegen. Nur ist es doch für diese alternativen Formen nur nützlich, wenn diese der kritischen Potenz moderner wissenschaftlichen Rationalität unterworfen werden. Gerade dadurch werden diese nicht aus dem Lebenszusammenhang der Individuen herausgerissen, bleiben sozusagen im kommunikativen Kontext und unterliegen nicht einer zu großen Verführung des einen durch den anderen: Es kommt zur Zurückdrängung von Subjektivität und Relativität zugunsten des Subjekts.
A. K.
Ich würde gerade zu diesem Problem etwas sagen, nachdem ich jetzt gerade vier Kongresse über die Auseinandersetzung zwischen der Homöopathie und der Allopathie erlebt habe. Immer wieder kommt es dazu, daß die Schulmediziner sagen, bringen Sie mir Beispiele der statistischen Nachprüfbarkeit und wir können die Theorie akzeptieren. Das geht nicht bei der klassischen Homöopathie. Ich bin der Überzeugung, daß das jetzige Problem etwas Neues ist. Wir sind ja nicht dabei, uns zurückzuziehen auf ein früheres Kulturniveau, weder Altsteinzeit noch Aufklärung, sondern wir kennen noch nicht die Art und Weise, wie wir mit einem neuen Bewußtsein umgehen. Wir können uns also nur frei machen. Jetzt gibt es aber eifrig verteidigte Bastionen akademischer und kultureller Art, die nicht zulassen wollen, daß diese Dinge offen besprochen werden. Bis vor kurzem, seit einem Jahr hat sich das öffentliche Klima sehr verändert. Wenn ich jetzt einen Studenten vor mir habe, in meiner Hochschule, muß ich ihm sagen, mit dem Diplom können Sie nicht viel anfangen. Was können Sie stattdessen tun? Ein großes Wissen erwerben, um dann aus ihrem Reichtum einen Beruf zu finden, das heißt also etwas, was plötzlich geht, zum Beispiel zu der Mittelschulerziehung Handwerk dazufügen, damit er auf jeden Fall überleben kann. Sehr vieler meiner Studenten sind nach dem Studium ins Handwerk gegangen, sind Schlosser, Elektriker, alles mögliche geworden, weil das vernünftig ist. Ich habe jahrelang als Koch gearbeitet, ich finde das absolut normal.
J. G.
Das entscheidende scheint mir zu sein, daß in der Tat jetzt etwas anderes eintritt und das behaupte ich einfach so ohne Bekenner oder Mitläufer der esoterischen Entwicklung zu sein. Wissenschaft bzw. wissenschaftliche Erkenntnis als solche kann es nur eine geben. Es gibt nur eine Form der wissenschaftlichen Erkenntnis. Und wenn Sie etwas anderes haben, müßten Sie es mir jetzt beibringen und ich traue mich zu prognostizieren, Sie können das nicht. Also gibt es nur einen Satz von Kriterien dafür, was wir wissenschaftliche Erkenntnis nennen. Dies schließt nicht aus, daß es eine Pluralität von kulturellen Erscheinungsformen gibt, unterschiedliche Professionen, unterschiedliche Kommunikationsformen, unterschiedliche Lebensformen. Aber die Instanz, auf die wir uns zunehmend im soziokulturellen Evolutionsprozeß berufen können, ist die Wissenschaft als die einzige uns bekannte universalistische Figur, in bezug auf die wir einen relativ hohen Grad des begründeten Konsenses haben. Wir können auch in bezug auf andere Dinge einen Konsens haben, zum Beispiel wenn wir ein Theaterstück akzeptieren, wenn wir Mitleid in bezug auf bestimmte Wesen akzeptieren. Das ändert aber nichts daran, daß wir sogar im ethischen Bereich eine hohe rationale Debatte brauchen, das heißt Rationalitätskriterien, logische Argumentationskriterien brauchen, denn sonst würde genau das ethische Anliegen, beispielsweise die Präferenz, die jemand erzeugt, warum er dies tut und nicht etwas anderes tut, verloren gehen. Genau mit dem würden wir in Schwierigkeiten kommen, einen relativ korrupten Kompromiß, einen korrupten moralischen Kompromiß machen. Das, was Korruptheit, moralische Relativität, kulturelle Relativität ein wenig ausgleicht, ist gerade die Logik der Argumentation und deswegen bin ich nicht bereit, dies einfach preiszugeben.
F. K.
Zerbröckelt das nicht jetzt gerade? Die Überzeugung der Allgemeinheit, daß man nur so miteinander reden kann und daß man nur so die Wahrheit finden kann.
J. G.
Ich würde Argumentation nicht mit dem Inhalt verwechseln.
A. K.
Popper sagt ausdrücklich, die Frage nach dem Sinn ist keine philosophische Frage mehr. Sie ist jetzt eine existentielle Frage. Gibt es Kriterien der Existenz? Ich bin der Überzeugung, daß es sie gibt. Es gibt sie. Für mich ist einer der größten Denker der Gegenwart Mircea Eliade gewesen, der als erster phänomenologisch den ganzen Reichtum ohne dogmatische Voraussetzung untersucht hat. Ich glaube, das Lernen der Esoterik als Lernen des Seinswissens. Wenn wir in der Wissenschaft ernst machen, daß wirklich die Kritik entscheidet, und daß das Wort von Planck: wissenschaftliche Wahrheiten setzen sich nie durch, sondern die Gegner sterben aus, für die jetzige Generation nicht mehr wahr ist, dann kann ich sagen, das gleiche gilt jetzt auch für die religiöse Erfahrung. Wir haben in den letzten 20 Jahren in dieser ganzen Entwicklung des New Age natürlich genug Spinner gehabt, und zwar aus dem Grunde schon, weil es so leicht ist, Menschen in Erfahrung zu führen, aber da gilt wieder dieselbe Aussage über Kunst und Kitsch von Wotruba, die ich vorher erwähnt habe. Das ist der Kitsch, dessen wir bedürfen, damit wir ernstlich die Frage nach dem Sinn stellen können.
Ich glaube nicht, daß das ganzheitliche Denken der europäischen Tradition fremd ist; noch Newton betrachtete die Schwerkraft als Ausdruck der Sympathie aller Dinge, wie ich neulich bei Ernst Benz gelesen habe. 300 Jahre Aufklärung haben die anerkannte Wirklichkeit auf das bürgerliche Weltbild begrenzt, aus einem echten Versuch heraus erst einmal die falschen Ideologien zu vermeiden: Doch dafür haben wir jetzt andere Ideologien, jetzt haben wir zum Beispiel die große Schwierigkeit, was gibt es, wofür es sich lohnt sich anzustrengen. Es ist sehr, sehr wenig, denn früher war das praktische Leben absolut etwas, wo es sich gelohnt hat. Lohnt es sich heute? Ich glaube kaum mehr.
J. G.
Seien Sie tolerant und überlassen Sie das den Individuen.
A. K.
Ja, Moment, lassen Sie mich den Satz beenden. Ich sage, wenn Menschen zu ihrem Lebenssinn finden wollen, muß dieser kritisch genauso gegeben sein wie das Studium der Elektrotechnik. Das ist genau das, was im Augenblick nicht der Fall ist.
Arnold Keyserling
Naturwissenschaft gegen Esoterik · 1989
im Gespräch mit Johann Götschl · Moderation Franz Kreuzer
© 1998- Schule des Rades
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