Schule des Rades

Arnold Keyserling

Die neue Schule der Weisheit

Weg der Wassermannzeit

Der Weg geht vom Dunkel zum Licht. Wer das Dunkel nicht achtet, kann das Licht nie erreichen. Dieser neue Weg der Wassermannzeit ist anders als jener der prophetischen Religionen der Fischezeit. Betrachten wir den Menschen aus biologischer Sicht, so brachten die prophetischen Offenbarungen sprachlich formulierte Weisungen des Arterhaltungsinstinkts, also der Gattung. Jeder dieser Weisungstexte schuf eine besondere Beziehung zur Wirklichkeit. Der jeweilige Künder wurde, da er das gemeinsame Wohl vor das Einzelinteresse setzte, durch Nachfolge, Glaube und Bekenntnis geheiligt.

Heute in der Wassermannzeit ist der Schwerpunkt endgültig von der Arterhaltung auf die Selbstaktualisierung, also die Menschwerdung gerückt. Die Arterhaltung ist nicht mehr Forderung, Weisung oder Zwang, sondern Teilhabe an der Inspiration des Menschen im All. Der Weg ist nicht die Offenbarung von etwas gemeinsam zu tuenden, sondern des persönlichen Ergreifens immer neuer Möglichkeiten in Einklang mit dem All ohne Verletzung des Einzelnen.

Ohne Verletzung heißt aber nicht ohne Beschränkung; die Erfüllung ist in der Harmonie vorgegeben. Das Gesetz der harmonischen Vollendung ist der Klaviatur der Tonwelt vergleichbar, die das gemeinsame Musizieren überhaupt erst ermöglicht.

Um diese neue Sicht, diesen neuen Weg zu verkörpern, bedarf es einer Umkehr der traditionellen Weltsichten, die in vielen Kulturen von vermeintlich absolut gültigen Texten ausgingen. So bei den Christen, Moslems, Hindus und Juden. Texte sind aber nicht heilig, sondern möglich. Werden sie für absolut erklärt, so zwingen sie den Menschen in ein fremdes Kleid, eine fremde Verwirklichung. Das Ziel des menschlichen Daseins wäre dann das jüngste Gericht — wo entschieden wird ob sich das Leben des Betreffenden im Einklang mit dem Text vollzogen hat oder nicht. Dagegen ist die Menschwerdung an die Schaffung eigener Texte gebunden.

Alle formulierten Texte sind statisch — Strukturen aus Yang und Yin, Zeit und Raum. Sie schaffen das jeweilige Gebäude der Zivilisation, das auch anders sein könnte. Betrachten wir diese Statistik als verbesserungswürdigen Wert, an dessen Umgestaltung man mitarbeiten kann, so darf keine vermeintliche Heiligkeit irgendwelche Texte bevorzugen. Denn heilig ist nur Gott, der Mensch im All, und der einzelne Strebende, der die Nahtstelle der schöpferischen Indifferenz immer wieder erreicht. Und der das irdische Leben als Vorbereitung eines anderen erkennt — am klarsten in der Stunde seines Todes.

Der Ursprung des Kosmos und somit der menschheitlichen und transzendenten Systemik ist das Chaos. Die Aktivität in diesem Chaos entsteht aus einzelnen Monade — kraftvollen Wesenheiten, die drei Schaffensfähigkeiten besitzen.

Erstens von Umraum durch Raumpunkte senkrechte Linien und rechte Winkel, zweitens von regelmäßigen Schwingungen, die zu Kreisformen tendieren. Diese beiden einzigen Attraktoren des mathematischen Chaos müssen wir als göttliche Zweiheit betrachten, als Urgrund und Ursprung, Urkraft und Urlicht, Yin und Yang. Außer ihnen gibt es als Drittes die einzelnen Monade mit der Fähigkeit der Selbstorganisation durch alle Schichten des Universums

Jeder Monade steht Gott als der Mensch im All mit der Forderung gegenüber, die größte Fülle zu erreichen, die ihr mit ihrer Anlage in ihrem Lebenskreis zugänglich ist.

Wer immer strebend sich bemüht den können wir erlösen, sprechen die Mütter im zweiten Teil des Faust. Um dies Streben zum Stirb-und-Werde, zur Lebensform zu erheben, genügt das Erlernen vergangener Texte nicht — so notwendig diese auch sein mögen, um die Höhe des Zeitgeistes und den Ansatzpunkt der eigenen Frage und Textschaffung aus persönlicher Problemstellung zu erreichen.

Versuchen wir nun den Ausgangspunkt schematisch zu veranschaulichen, so haben wir links den Raum und rechts die Zeit; unten haben wir das Wollen, die Leere der Aufmerksamkeit, in welche die Fülle einfließen kann, die ebenfalls der Leere im Sinn der Unendlichkeit entstammt, aber ihre Struktur den neun Ziffern und der Null verdankt.

Raum
Yin
Urkraft
Gott
Null
Pleroma
·
Welt
·
Ich
Wesen
Selbst
Zeit
Yang
Urlicht

Das Chaos ist die Urgegebenheit — es schwingt im Rhythmus von Expansion und Kontraktion des Alls. Der Kosmos ist das Gefügte, das dauernd entsteht und aufrechterhalten wird. Doch es entsteht aus der Selbstorganisation, der Evolution, die als goldene Leiter des Seins von der Urkraft bis zum Urlicht reicht. So wirken Urkraft und Urlicht einerseits als Attraktoren im Chaos, andererseits stehen sie hinter Anfang und Vollendung, Motivation und Intention.

Nur das Chaos läßt sich in einen Kosmos verwandeln. Chaos entspricht der Nacht, Kosmos dem Tag. Chaos ist Traum, Kosmos ist Wachen. Der Weg der Weisheit geht vom Traum zum Wachen, vom Mythos zum Logos, von der Vorstellung zum erkannten und geklärten Wissen, von der Spontaneität zur Weisheit, die das Wissen im Können vollendet und damit dem Subjekt die ursprüngliche Nullhaftigkeit zurückgibt. Das Nichts verstanden als die unendliche Fülle aller Möglichkeiten — ist als nullhafter Ausgangspunkt semiotischer Weltsicht sowohl in der Leere und Erleuchtung des Buddha, dem Nirvana, als auch im sokratischen Postulat des Nichtwissens der Weg zur Weisheit

Erst in der technologischen Zivilisation der Wassermannzeit, die alles wiederholbare Wissen in Computern mineralisiert und verfügbar macht, wird die Weisheit zum allgemeinen Weg. Damit stellt sich die Frage, was Weisheit im Unterschied zu anderen religiösen Wegen eigentlich ist. Um dies zu bestimmen, müssen wir diesen Weg historisch als einen unter anderen begreifen und anschließend seine Rolle in der gegenwärtigen Welt bestimmen.

Der Weg der Weisheit — in Europa nur im esoterischen Untergrund beschritten — war in Indien die Mitte allen Strebens. Weisheit bedeutet als Buddhi im Sanskrit die Erweckung der Vernunft und Prajna das Leben aus dem Gewahrsein. Seit Beginn der Geschichte gibt es die Tradition der Weisheit Seite an Seite mit jener der Liebe und heldischen Selbstüberwindung. Die Weisheit wurde erst durch den Buddha zum Weg. Sakyamuni war die vierundzwanzigste Inkarnation einer Reihe von Selbstüberwindern, ebenso wie im Islam Mahavira unter den Jainas. Diese Weisheit kann auf zwei Wegen des Yang und Yin, des Tuns und Lassens erreicht werden. Meinen Erkenntnissen nach hat die Lehre der Weisheit seit ihrer Manifestierung durch den Buddha bis heute vier Etappen durchlaufen.

Für die Buddhisten ist Weisheit die höchste aller Tugenden; laut Conze übersetzt man Prajna zu Recht mit diesem Begriff. Doch führt die europäische Konnotation irre. Weisheit im buddhistischen Sinn ist nicht die Erfahrung des Alters, sondern die methodische Betrachtung des Dharma. Hören wir hierzu Buddhaghosa, 420 n. Chr.:

Die Weisheit hat die Aufgabe, in die Dharmas (semiotisch die Texte) einzudringen, wie sie nun einmal sind; sie hat als Funktion, die Illusion (falsche Ichbilder und Kausalitätserklärungen) zu durchstoßen, die das wahre Wesen der Dharmas vergessen.

Sie ist also nicht der Illusion unterworfen, weil es beim Buddha heißt:

Wer konzentriert ist, der ist im Gewahrsein (Samadhi); er sieht, was in Wirklichkeit besteht. Somit ist Samadhi der Ursprung aller Gründe und Kausalitäten, die sich nicht in den Gründen befinden.

Ausgehend von diesem Begriff der Weisheit — zu welchem die europäische Esoterik trotz gleicher Fragestellung von Pythagoras, den Denkern der Renaissance und der Okkultisten unserer Zeit nie durchgestoßen ist — wollen wir nun fünf Entwicklungsetappen der Schule der Weisheit unterscheiden. Dies, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren: Sprache und Texte nicht als Überbau der Wirklichkeit, sondern als systemischen Innenbau der Welt, in all ihren immanenten und transzendenten Aspekten zu begreifen.

Es handelt sich für mich nicht darum, eine historische, auf Quellenstudium fußende Geschichte des Begriffes Dharma bis zu seiner semiotischen Formulierung bei Linnart Mäll zu verfassen, sondern den lebendigen Weg aufzuzeigen, der zur heutigen Bestimmung der Weisheit führt. Mittel und Methoden also, das Gewahrsein (Samadhi) oberhalb der Bewußtheit immer wieder anzupeilen, wenn wir auch dessen eingedenk bleiben, daß wir es erst mit dem Tode wirklich erreichen und inkarnieren können.

Arnold Keyserling
Die neue Schule der Weisheit · 1991
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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