Schule des Rades

Arnold Keyserling

Metapolitik

Schritte im Bhava Chakra

Lebende und Tote sind eine Einheit, beide gesteuert aus der Neuen Erde, dem Paradies hinter dem Polarstern. Wer körperlich stirbt, wird im Geist wiedergeboren, empfangen von allen jenen, die zu einem gehören, der geistigen Familie. Wird er auf der Erde geboren in seine fleischliche Familie, dann bemüht er sich in seiner Lebenszeit, die Arbeit an der Welt, in den Worten Gurdjieffs in Arbeit an sich selbst zu verwandeln. Diese Zweiheit ist, wie Jeremy Rifkin gezeigt hat, ebenso wie die seelische Lebensgemeinschaft, seit der Aufklärung verloren gegangen. Sie läßt sich nicht in der Sorge um das Leben oder im Erfolg wiederfinden, nicht durch die Politik des Überlebens, die Konsumgesellschaft, die sozialistische Gemeinschaft oder die vorgestellte Elite der agnostischen Wissenschaft, auch nicht durch den erwachenden Fundamentalismus der dritten Welt, sondern nur durch Erkenntnis unserer gemeinsamen Wurzel in der vierten Welt, bei jenen Menschen, die in der mündlichen Klan- und Stammeskultur noch das Wissen haben; die paar hunderttausend Aborigines der Welt, die den Zusammenhang von Diesseits und Jenseits noch leben und lehren. Aus ihrer Sicht wollen wir nun die Entdeckungen der transpersonalen Psychologie in ihre Ordnung zurückführen; die der Buddha als erster in Worte gefaßt hat.

  1. Luzifer ist der Ausgangspunkt, der Ereignishorizont hat sich verräumlicht. Es gibt kein Karma, das über den Tod zeitlich hinausreicht, sondern das Erbe der letzten Existenz ist die Motivation zur neuen. Der Geist ist jung im Alter. Im Übertritt zur neuen Existenz im Geist wird jetzt die Ernte des Lebens in neun Stufen aufgearbeitet, die durch die Sphären der Planeten bestimmt sind.

    B h a v a c h a k r a

  2. Die Entfaltung beginnt im Nichtwissen des Pluto, im Bhava Chakra in Entsprechung zum Tierkreiszeichen Krebs, dem Beginn des Weltenjahres. Pluto war mythisch Herr des Hades und des Reichtums, und der Hades ist griechisch die ewige Wiederholung im Mythos bei Tantalos und Sisyphos. Durch die Maschine, die Technologie und die Computer wird Pluto vom Feind zum Freund: die frühere Hölle, die durch die Trennung des Menschen von der Erdmutter in den prophetischen Ichreligionen entstand, wird zum positiven Ansatz. Es gilt die Sprache um das Wissen zu klären, sie auf das Rad und die Zahlen zurückzuführen, und sich sämtlicher negativer Aussagen zu enthalten.
  3. Dies ist die Erkenntnis des Neptun, des gesellschafts bestimmenden Planeten, der entpersonalisiert und auf die Triebkräfte, die vier Aspekte des Chi in den Attraktoren zurückgeführt wird, wobei der seltsame Attraktor das wahre Subjekt schafft. Die Vierheit der Attraktoren prägt das Großhirn und die Erde: das Wachen des Torus-Attraktors im Körper und des Empfindens der westlichen Hemisphäre, die seelische Reflexion des Grenzzyklus-Attraktors der nördlichen der Technokraten, des Denkens und der Seele, die Traumwelt und Religiosität des Fixpunkt-Attraktors der östlichen, des Fühlen und Geistes, und schließlich die Menschheitstradition des seltsamen Attraktors der südlichen Klan- und Stammeskulturen in Afrika, Australien, Südamerika und Tibet in Zusammenhang mit der schamanischen Überlieferung im Wollen und Gewahrsein.
    Neptun im Rad ist geometrisch das Sechseck und Radius, er allein vermag das Wesen zu konstellieren, und sowohl die Urfamilie als auch die geistige Gemeinde zu integrieren. Die Triebkräfte sind der Zugang zur kollektiven Energie, die nicht aus der diesseitigen Anstrengung sondern nur aus dem Jenseits gesteuert werden kann.
  4. Uranus, Bewußtheit. Hier ist das Gebiet der Information, des Lehrens und Lernens, der Zugang zum Lebenskreis und zur Entwicklung der anderen. Eine Gemeinschaft, die auf Konsum, Besitz, revolutionärem Kampf oder auf bürgerlichem Traditionalismus gegründet ist, dehnt das Reich der lebenden Toten, wie die Indianer die zivilisierten Weißen bezeichnet, immer mehr aus. Das Verständnis der Zeitriten, des Jahres- Lebenskreises und des Weltenjahres im Erdheiligtum, kann die gefährlichste aller Verfallenheiten, nämlich die Ideologie, überwinden, die buddhistisch aus der Welt der Götter und Helden herrühren.
    Der Weg hierzu ist die philosophische Astrologie, die den Zusammenhang von Leben und Tod erkennt und lebt, und den Kreis des Daseins in eine aufsteigende Spirale verwandelt.
  5. Saturn. Name-Form. Diese Stufe der nachtodlichen Existenz erfährt die Notwendigkeit der geschichtlichen Folge. Hier droht die Gefahr der Grausamkeit, wenn der Mensch nicht die Elementale, die Geister von Erde, Wasser, Luft und Feuer in der Traumwelt inkarniert und damit sein Leben aus den primitiven Ichstrategien in die historische Entwicklung einbezieht, deren Schwerpunkt im Tonal ist. Immer ist man gleichzeitig Schüler und Lehrer und steht mit den gleichgeordneten Genossen in geselliger Freundschaft. Das saturnische Zeitalter war mythisch das Goldene, weil der saturnische Impuls das Überleben auf das Notwendige reduziert, und somit die Identifikation mit Stellung und Macht überwinden kann.
  6. Jupiter, Sinne. Saturn unterscheidet die Imponderabilien, doch Jupiter erkennt die Ahnen, die Heiligen Weisen, und richtet die Ehrfurcht auf deren Würde. Die Ahnen zeigen das menschheitliche morphogenetische Feld, sie sind die Träger der Akasha-Chronik, des sprachlichen Niederschlags im Chi, das sich jedem über die Intuition eröffnet, wenn er seiner Motivation sicher ist.
  7. Gewahrwerden, Mars. Viele Gestorbene sind nicht heilig, sondern haben die egoistische Tendenz, die Selbstsucht, symbolisiert in Schlange, Schwein und Hahn, als Motivation verhärtet, in enger Beziehung zu den hungrigen Geistern. Nur im Kampf kann man ihnen entgegentreten, aber nicht im Sinne des Vernichtens, sondern wenn man sie zur Umkehr zum Licht bringt, nachdem man ihre weltliche Wirkung zunichte gemacht hat und sich auf das unsterbliche Wesen konzentriert.
  8. Sonne, Anteilnahme. Hier erfolgt der Subjektwechsel zum Wesen, der Mensch wird strahlender Mitarbeiter des Lichts, sobald er sich daran erinnert, daß auch seine Sonne nur Teilhabe am Ganzen ist. Er erkennt sich als Sonnenbruder und -schwester, noch nicht im Paradies, doch im Streben nach dem Guten, Wahren, Schönen und der kosmischen Gerechtigkeit. Er hat das Schutzschild der Chakras vervollkommnet und ist in den Worten Lao Tses eine siebenlöchrige Flöte, auf der Gott seine Melodien spielt.
  9. Venus, Durst. Hier wird der buddhistische Begriff besser mit Begehren übersetzt. Man spürt, daß man einer neuen Existenz bedarf, bereit ist, einen weiteren Schritt der Menschwerdung auf einer der Erden zu vollziehen.
  10. Merkur, Wunsch nach Wiedergeburt als Gottesbote. Die neun embryonalen jenseitigen Schritte sind beendet, durch die Befruchtung beginnt eine neue irdische Existenz. Jetzt folgen die drei Stufen des irdischen Daseins, vom Buddha beschrieben als Werden, Leben und Vergehen, zehnter, elfter und zwölfter Abschnitt. Die embryonale Existenz, Ursprung der Gesundheit, ist im Zeichen des Mondes und führt mit der Geburt zum Lehrling. Das Leben ist im Zeichen des Gesellen der Geselligkeit, der seelischen Kameradschaft, und der bewußte Tod ist das Lehren und das Weitergeben der Frucht des Daseins als Teil des Menschheitserbes: wer die Meisterschaft erreicht im Löwen, der ist eine Brücke zu der Neuen Erde, zum Paradies, und kann durch ein magisches Objekt, einen heiligen Gegenstand oder Bau, immer wieder die Menschen auf der Erde aus der Verzweiflung führen.
    Die Erkenntnis dieser Aufgabe wird durch Chiron vermittelt, den heilenden Tiermenschen, der den Zusammenhang mit der Natur heute sprachlich wiederherstellt. Ich vermute, daß dieser ehemalige Komet mit der neolithischen Revolution vor 11.000 Jahren zum Teil unseres Sonnensystems wurde und die Mutation erbrachte.
    Die mittelalterlichen Bauhütten, die Handwerkstraditionen und seit dem 18. Jahrhundert die Freimaurer bewahrten die europäische Esoterik vor dem Vergessen. Heute nun können wir aus der Kenntnis der Gehirnphysiologie die körperliche Grundlage der Weisheit erkennen. Das menschliche Gehirn ist senkrecht in drei Bereiche gegliedert. Das Stammhirn mit dem Rückenmark ist Schwerpunkt des körperlichen Erlebens. Das limbische System mit den bedingten und unbedingten Reflexen in der Wiederholung der Lust und dem Vermeiden von Schmerz ist die Grundlage der Seele, und der früher geschilderte vierfältige Neocortex ist die Grundlage des Geistes. Diese drei werden im menschlichen Leben im Hintereinander, grob in den Saturnabschnitten von 29 Jahren, entfaltet.
  11. Werden. Das Kind lebt körperlich im Stammhirn, seiner Erkundung der Welt gilt die Hauptzuwendung. In der Zivilisation ist dies der Lehrling, er muß die Sprache und das Wissen erlernen, die Schulbildung, die notwendig ist, um in einer Gesellschaft öffentlich tätig zu werden, das jeweilige Diplom ist sozusagen der neue Ritterschlag, um mitwirken zu können.
  12. Leben. Geselle kommt aber nicht von Kompetition, sondern von gesellig, das heißt, den anderen seelisch zu achten und zu fördern. In der kulturellen Anthropologie nennt man diesen zweiten Zustand local cultural consensus. Der Geselle lebt im limbischen System, dem Säugetierhirn nach MacLean, das Kind lebt im Reptilhirn, das den Zusammenhang mit der Natur noch nicht verloren hat. Aber irgendwann stellt sich der Geselle die Frage, wo sein eigenes Wesen sich entfalten kann. In Afrika und bei den Indianern ist dies das Finden der Medizin, des heiligen Namens, der persönlichen chironischen Aufgabe, wo und wie man an der Entfaltung der Menschheit teilnehmen kann, um eine Brücke zwischen Himmel und Erde zu bilden.
  13. Polarstern. Vergehen. In der politischen Demokratie gibt es keine Meister, sondern der Geselle ist die höchste Form, die Anerkennung der Meinung und des Handelns des anderen auf Grund der Menschenrechte, der akzeptierten Freiheit und Gleichheit aller. Nehmen wir die Definition der Freiheit von Kant und Goethe. Frei ist der Mensch, der sich von seiner Vergangenheit gelöst hat, buddhistisch gesprochen sein Karma überwand. Wenn zweitens niemand ihm anschafft, was er zu tun hat, also die politischen Unabhängigkeit. Diese beiden kantischen Begriffe werden ergänzt durch die beiden goetheschen: frei ist einer, der den Einklang mit seiner Motivation, seinen Wesenswünschen gefunden hat und nicht fremden Bildern nachjagt. Doch die wirkliche und letzte Freiheit ist in der Meisterschaft, daß man ein Gebiet der Zivilisation so beherrscht, daß der eigene Sinn für andere nützlich wird, wenn also die nationale Kultur in die Weltkultur mündet. Der Menschheitsweg geht in der prophetischen Offenbarung vom Garten Eden, dem Einklang mit der Natur, zur heiligen Stadt, gebaut aus Juwelen wie das himmlische Jerusalem. Der Geselle müht sich, der Meister kann und hat Fortuna, so heißt es in der mittelalterlichen Tradition; Fortuna heißt, er ist wieder zur Ganzheit durchgestoßen, wie es die Stammes- und Klankulturen vor der Erfindung der Schrift hatten, doch er kann das Gewahrsein jetzt auch kritisch erklären, indem er die Frage nach Subjekt und Sinn überall stellt und nicht bei Meinungen stehen bleibt. Wieder in kantischen Worten: der Philosoph hat keine Meinung, sondern beschränkt sich auf Einsichten. Aber Philosophie ist nur die Polizei der Vernunft, die Menschheit ist in geistiger Entwicklung. Damit kommen wir zur endgültigen Bestimmung des Begriffes einer Metapolitik: sie muß einerseits Diesseits und Jenseits umfassen, zweitens die große Gemeinschaft der Wesen pflegen im Sinne der Sangha, der buddhistischen Gemeinde, Karuna des Mitfühlens und drittens einen Ort haben, wo nur das Positive besprochen wird, gleichsam als Gipfel der multikulturellen Zivilisation.

Alle Kulturen und Sprachen im Sinne des local cultural consensus sind historisch-geographische Dichtungen, mit einem eigenen Schicksal. Durch die Frage nach dem Sinn wird ihre Menschheitsgültigkeit offenbar und trennt sich vom folklorisch Zufälligen.

Kultur ist kein Wert an sich, sie ist das Material der Selbstaktualisierung. Hier sehen wir, wie in den letzten dreißig Jahren bereits die notwendigen Kriterien im human potential movement und in den Religionsphilosophien verfügbar gemacht wurden. Die höchste Autorität der Welt kann kein ethisches Gremium sein, schon Sokrates bestimmte wie Kant die Ethik nur als formal, nicht als inhaltlich-materiell wie die Kirchen. Sie muß immer am Mitmenschen geprüft werden.

Sobald man die Eigenmächtigkeit der Kulturen in die Polyphonie des Welttheaters verwandelt, ist der Weg für jeden jungen Menschen offen; durch Absage an negative Geschichte sein Leben vom Augenblick an zu beginnen, und die Entfaltung seines Wesens im Zusammenhang mit allen anderen Entwicklungen zu sehen. Aus diesem Grund heißt Wassermannzeit das Reich des Friedens und der Freundschaft, und Gott offenbart sich als die personale Einheit der Menschheit, als Mensch im All, der werdende Gott.

Arnold Keyserling
Metapolitik · 1995
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD