Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott, Zahl und Wirklichkeit

Was ist Wirklichkeit?

Unsere erste Frage ist: Was ist Wirklichkeit?

Die Wirklichkeit ist die unendliche Mannigfaltigkeit des Alls, die sich in steter Bewegung befindet und nach den Inbegriffen von Raum, Zeit und Qualität beschreibbar wird.

Sie ist unendlich dem Raum nach als potentielle Ausdehnung;

  • sie ist unendlich der Zeit nach als potentielle Folge;
  • und sie ist unendlich der Mannigfaltigkeit nach, der Qualitäten, die in immer neuer Variation entstehen und damit auch neue Kausalketten oder Raum-Zeit-Zusammenhänge in die Erscheinung bringen.

Diese Wirklichkeit ist nicht auf die Erde und die menschliche Welt beschränkt: was immer dem Menschen erfahrbar oder auch nur denkbar ist, gehört dieser gleichen Wirklichkeit zu. So ist das menschliche Bewußtsein anders als das der Tiere und anderer Lebewesen geortet: sein Koordinatensystem bildet das sich ausdehnende All, mit allem, was es enthält oder noch aus sich hervorbringen mag. Die menschliche Umwelt ist der Kosmos. Die Erreichung des kosmischen Bewußtseins bedeutet das Durchstoßen zu der wahren Wirklichkeit, innerhalb derer der Mensch erst seine echte Orientierung finden kann.

Die Wirklichkeit ist unendlich, was Raum, Zeit und Qualität angeht. Doch ist sie unendlich in Richtung auf die Zukunft, und nicht auf die Vergangenheit hin. Das All hat ein gewisses raum-zeitliches Alter. Der bloße Begriff der Ausdehnung setzt notwendigerweise einen Beginn dieser Ausdehnung voraus; mag man diesen Beginn als die Schöpfung Gottes, als die Urexplosion der Materie, oder aber als die erste Manifestation der Urkraft bezeichnen.

Am Schöpfungsbeginn trat die Urkraft in Erscheinung. Doch tat sie dies nicht nur als materielle Kraft oder als Lebenskraft, sondern vielmehr als ursprüngliche Person, als Subjekt des Alls, wie es in den heiligen Schriften geschildert wurde: Gott sprach, und die Schöpfung trat in Erscheinung. Diese Schöpfung ist noch nicht beendet: die Urkraft und Lebensenergie bringt stets neue Qualitäten, neue Erscheinungen hervor; und dies nicht nur in der Natur: auch der Mensch, in seinem Bewußtsein, hat an diesem Kraftquell teil, der ihm Ideen, neue Inspirationen bringt, und seinem Leben neue Richtungen weist — als Einfälle im sprachlichen Bereich, welche seine Vorstellungskraft erzeugen und erneuern.

So hat die Wirklichkeit gleichsam eine Außenansicht und eine Innenansicht: die äußere Wirklichkeit wird durch die Sinne offenbart, die innere durch das Wort. Im menschlichen Bewußtsein können Vorstellungen sowohl durch Worte als auch durch Sinnesdaten erzeugt werden. Sein Bewußtsein vereint beide Bereiche, und er kann sie zu einer eigenen Welt, einem persönlichen Weltbild zusammenfügen.

Doch aus der Möglichkeit dieses Zusammenfügens — dessen stärksten Ausdruck wir im Traum erleben — ergibt sich die Möglichkeit des Irrtums: der Mensch kann irgendeinen Vorstellungsinhalt zu seinem Zentrum erheben, und damit seine Subjekthaftigkeit, seine Selbstbestimmung verlieren. Er kann aber auch sein Bewußtsein in dem Ursprung des Alls verankern, der ihm sowohl in der äußeren Erfahrung, als auch in der innerlichen im Durchstoßen zugänglich wird; dann allein erst hat er seine wahre Mitte, sein Ich gefunden.

Das tierische Ich lebt zwischen Instinkt und Umwelt; das menschliche Subjekt zwischen Urkraft und Wirklichkeit. Der Mensch wird erst dann zur Person, zum Ich, wenn er seinen Ursprung als den Urgrund der äußeren und auch der inneren Welt erfährt: im wahren Wirklichkeitserleben und auch im wahren Gotteserleben.

Momenthaft hat der Mensch dieses Erleben zufällig manchmal nach beiden Seiten: als Erleuchtung durch das Urlicht, oder als Vertiefung der sinnlichen Erfahrung; sei dies einfach plötzlich und unvermutet, oder sei es durch eine schwere äußere oder innere Krise hervorgerufen. Doch kann er dann in der Wirklichkeit leben, wenn er in sich die Prinzipien und die Wege erkennt, zufolge derer die Urkraft die Erscheinungen subjekthaft wirkt; also indem er die in ihm wirksamen Schöpfungskräfte gleicher Art zu einer Einheit zusammenfügt, wie die Schöpfung selbst in der Urkraft gegründet ist.

Viele Wege gibt es, um den Menschen in der Urkraft zu verankern um in der wahren Wirklichkeit zu leben — jede wahre Religion hat einen eigenen Weg, eine eigene Methode gefunden. Unser Weg soll jedoch ein anderer sein: wir wollen die Kräfte in der Struktur der Welt und des Bewußtseins erkennen und sie mit ihrer wahren natürlichen Ordnung verstehen; wir wollen die Prinzipien zum Gliederbau der Vernunft zusammenfügen, deren System uns die Orientierung in der Welt sichern wird.

Das Tier hat seinen Instinkt, der Mensch hat die Vernunft. Doch während das Tier dem Instinkt folgen muß, besteht im Menschen keine Notwendigkeit, seiner Vernunft zu gehorchen; ja diese Vernunft, als das Vermögen der Weltorientierung, ist in ihm von Natur aus nicht ausgebildet; erst über den Umweg des Lebens auf die Erde gelangt der Mensch zu ihrer Entfaltung; man kann sogar sagen, daß die Vollendung der Vernunft das einzige als sicher erkennbare Ziel der menschlich irdischen Existenz darstellt.

Erkenntnis der Vernunft und ihres Gliederbaus, von der Sprache bis zum möglichen System der Wissenschaften, ist seit jeher das Anliegen der systematischen Philosophie gewesen. Doch diese Bemühung mußte irre gehen, wenn sie die Prinzipien gleichsam statisch aus dem menschlichen Bewußtsein herausdestillieren wollte; sofort ergab sich das Problem des Verhältnisses der Erkenntniswahrheit zur Seinswahrheit, der ratio cognoscendi zur ratio essendi. So kam es zu der Fülle philosophischer Systeme, deren jedes durch ein neues überholt erschien.

Doch wenn wir unseren bisherigen Gedanken folgen, dann gibt es einen Weg, diesem Dilemma zu entgehen. Der Ursprung der Welt, der Sprache und des Geistes, und auch der menschlichen Person ist die Urkraft: wenn es gelingt, die Vernunftsprinzipien als Schöpfungsprinzipien zu verstehen, dann allein läßt sich die philosophische Systematik vollenden.

In der gewöhnlichen philosophischen Tradition können wir den Zugang nicht finden, weil sie meistens, wenn nicht explizit, so doch implizit, ein falsches Subjekt intendiert. Doch das heißt nicht, daß der Weg uns verschlossen ist: die Schöpfungsprinzipien sind dem Menschen als die verschiedenen Gottesnamen offenbar geworden, aus deren Teilen oder Verknüpfungen alle Religionen der Welt entstanden sind.

Die Gottesnamen sind Pforten bestimmten Erlebens; aber sie sind auch mehr: sie sind erkennbare Wirkweisen des Absoluten, der Urkraft. Als Wirkweisen bilden sie den verstellbaren Weltzusammenhang. Aller Zusammenhang ist nur im Zusammenfügen im Verbinden gegeben; und da die Urvorstellung des Verbindens sich im Denken als Zahl offenbart, lassen sich die Schöpfungsprinzipien über ihre Zahlenhaftigkeit in ihrem Wesen und in ihrem naturgegebenen Zusammenhang erkennen.

Arnold Keyserling
Gott, Zahl und Wirklichkeit · 1965
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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