Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott, Zahl und Wirklichkeit

Null

N u l lUnser Aufsatz heißt Gott, Zahl und Wirklichkeit. Die Wirklichkeit in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit läßt sich nicht begreifen; sie ist als Rahmen des Bewußtseins vorauszusetzen. Die Urkraft wiederum entgeht der begrifflichen Fassung: sie läßt sich nur in der Subjektwerdung erleben. Doch das Verhältnis von erlebbarer Urkraft und erfahrbarer mannigfaltiger Unendlichkeit läßt sich mittels der Zahlen bestimmen, welche deshalb auch seit jeher die theoretische Grundlage der Gottesvorstellungen gebildet haben, vom Nichts der Buddhisten zu dem einzigen Gott der Mohammedaner, und von der christlichen Dreifaltigkeit bis zu den zehn Sefiroth der jüdisch-kabbalistischen Offenbarung. Wir wollen diese Gottesprinzipien nun im einzelnen besprechen.

Die Schöpfung setzt voraus, daß etwas auch einmal nicht bestanden hat: den Schritt vom Nichts ins Etwas. Damit etwas entstehen kann, muß zu allererst das Nichts dasein. Dieses Nichts, oder das Leer-Sein bildet Ursprung und Endziel der indischen und der buddhistischen Auffassung, in deren Kreis der mathematische Begriff der Null entstand.

Damit etwas in der Welt entsteht, muß der Platz raumzeitlich leer sein. Damit ich selber zum Urgrund meines Bewußtseins gelange, muß ich meine Vorstellung entleeren, mich ganz dem Quell zuwenden, aus dem ihr Reichtum entsteht. Gelingt mir dies, dann ist mein Bewußtsein zu seinem Ursprung gelangt: als vollständige Leere kann es den totalen Reichtum der Fülle aufnehmen.

Doch diese Leere ist nicht machtlos; sie ist der Ursprung aller Macht und Wirksamkeit: das Tor, durch das sie eintritt. So ist auch der Mensch, der mit dem Leer-Sein eins geworden ist, nicht kraftlos; er wirkt als höchste Potenzierung der Gegenwart. Sein Schweigen ist das donnernde Schweigen des Bodhidharma.

Die Erreichung der Leere ist die Erleuchtung: die Null ist das Tor zum unsichtbaren Urlicht. Das Licht erleuchtet die Vorstellungswelt; doch wer im Licht aufgeht, wird zu diesem Licht. Er ist nicht mehr sein Bewußtsein, sondern hat es; er ist das inhaltslose Licht, das dieses zur Erscheinung bringt.

Der Ursprung als das Tor zur Wirklichkeit läßt sich nicht im Wort begreifen. Lao Tse spricht:

Der Sinn, den man ersinnen kann, ist nicht der ewige Sinn; der Name, den man nennen kann, ist nicht der ewige Name.

Auch der Weltenschöpfer Indiens ist jenseits von Name und Form; und Gott verlangte in seiner israelischen und mohammedanischen Offenbarung, daß der Mensch sich kein Bild und kein Gleichnis von ihm mache.

Nur im reinen Denken, im Begriff der Null, läßt sich der Ursprung der Welt klar erfassen: Null ist der Ursprung aller Zahlen. Sie ist ferner die Mitte von Zahl und Nicht-Zahl, und bestimmt den Ort, durch welchen die Urkraft treten muß, wenn sie in die Verwirklichung strebt. Die Null ist allgegenwärtig; mit null potenziert wird jede Zahl zur Einheit und ferner erhält sie allein durch die Null ihre Bestimmtheit; nur von der Null her kann sie ganz zur Gestalt werden.

Das Prinzip der Null ist der gestaltlose Gott, das Urlicht der Erleuchtung; als einziges Prinzip läßt es sich nicht mißverstehen, da es sich aller begrifflichen Unterordnung entzieht; nur sein Platz am Ende der Zahlenreihen, und damit am Ursprung alles Denkens und Lebens ist gegeben. Aus der Null allein können die Wesen in die Erscheinung einströmen, und diese zu Individualitäten, und damit zu Zahlen formen.

Arnold Keyserling
Gott, Zahl und Wirklichkeit · 1965
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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