Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott, Zahl und Wirklichkeit

Zwei

Z w e iDer Schritt der Einheit führt einerseits zur Null, andrerseits aber zur Zwei; und damit kommen wir zum dualen Gottesprinzip, das hauptsächlich in drei Religionskreisen ausgebildet worden ist — dem chinesischen, dem persischen und dem indischen Kreis. Das Urlicht, wenn es in Erscheinung tritt, bringt aus sich den Schatten hervor. Der Mensch des Einheitsstrebens ignoriert den Schatten und hält sich allein an das Licht Doch der Mensch in der Welt erlebt Licht und Schatten als zwei gegensätzliche Prinzipien, als die Farben Schwarz und Weiß, zwischen denen sich der Reichtum der Farbenwelt entfaltet. Nur im Gebet, in der Erleuchtung ist der Mensch im Urlicht; in seiner irdischen Existenz sind Licht und Schatten gleich verteilt und äußern sich in der Polarität des Schöpferischen und des Empfangenden.

Dieser Polarität verdankt das All seine Entstehung. Die Eins, das erste Geschöpf, verharrt gleichsam in steter Anbetung und Kontemplation. Doch mit der Zwei sind zwei Richtungen gesetzt: einerseits die stete Ausbreitung der Wirklichkeit, welche ihre Meßbarkeit in der Strahlung hat, und andererseits der ewige Kreislauf der geschaffenen Raum-Zeit-Systeme, wie unser Sonnensystem, welche ihre Lebenskraft und Befruchtung aus dem Licht und der Strahlung empfangen.

Im natürlichen Bereich sind die beiden Prinzipien das Schöpferische und das Empfangende. Das Schöpferische beginnt eine neue Richtung, die aber nach ihrem eigenen Gefälle sich weiter entwickelt, gleich wie der männliche Same das weibliche Ei befruchtet und zur Entfaltung bringt. Das weibliche Prinzip nimmt das schöpferisch-männliche auf, vollendet es aber gemäß seiner eigenen Möglichkeiten.

Alles, was in der Raum-Zeit-Welt besteht, läßt sich im Wechselspiel der beiden Kräfte betrachten. Doch auch das duale Prinzip hat zwei Richtungen: nach eins und nach drei zu; auf der einen Seite strebt die duale Kraft nach dem Heil, dem ursprünglich Guten, auf der anderen Seite führt sie weiter in die Weltentwicklung, in die dialektische Dreiheit.

Im menschlichen Körper wurde im chinesischen Buddhismus die Zweiheit in zwei Schwerpunkten begriffen: als das innere Auge des Kopfes, das an dem Urlicht teilhat, und als das pfirsichgroße Herz, dessen Trachten auf die Leidenschaften der Welt gerichtet ist. So tobt der Kampf der Gegensätze im Menschen selbst; nur durch das Kreisen des Urlichtes, durch das aktive Denken, läßt sich das Trachten des Menschen auf das Heil der Einheit zurückblenden, wodurch er den Zusammenhang mit seinem Ursprung zurückgewinnt, chinesisch symbolisiert in der Entfaltung der goldenen Blüte, der Einheit, aus der als letzter Schritt die Kristallisation des Diamantenleibes als Träger der Unsterblichkeit hervorgeht.

Doch nicht nur im persönlichen Leben wirkt die Zweiheit: die iranische Überlieferung weiß, daß sie in den menschlichen Geschichtsverlauf eingeschmolzen ist, und sich dort als Kampf zwischen Ahura Mazda und Ahriman, zwischen Gut und Böse verwirklicht. Dieser Kampf bildet den Rahmen aller Geschichte und endet mit der Rückkehr zur Einheit, der Vernichtung des Bösen. Doch in diesem bewußten geschichtlichen Kampf, in der Mitwirkung am Gotteswerk, kann der Mensch seine eigene Erlösung aus der Zweiheit finden. Und wie der chinesische Buddhismus durch das Kreisen des Urlichtes in der Entfaltung der goldenen Blüte das Eigenstreben des pfirsichgroßen Herzens läutert, bis dieses selbst zum Träger des Urlichts wird, so erlebte der Perser die Erlösung der Geschichte durch das bewußte Kreisen des Jahres, vom religiösen Jahr über den Lebenskreis zum Weltenjahr, welches die menschheitliche Geschichte umgreift.

Doch Gut und Böse haben einen gemeinsamen Ursprung: laut israelischer Überlieferung entstand das Böse durch Abspaltung des Guten. Der alte Gottesbegriff Jodhevae ist die Vereinigung von Mann und Frau. Im Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies wurden beide Potenzen durch Verlegung des Gewichts in die irdische Neugier in Eva getrennt und sehnen sich nach dem erneuten Zusammenschluß im Paradies, dessen einziger Vorgeschmack auf Erden die Liebe der Geschlechter ist.

Doch dieser Fall lag in der Intention der Schöpfung. In der Thora heißt es: Gott schuf den Menschen mit dem guten und dem bösen Trieb. Den guten Trieb nannte er gut, und den bösen nannte er sehr gut. Alle Macht auf Erden entstammt dem bösen Trieb, der Triebhaftigkeit und Geschlechtlichkeit. Nur aus ihrer Leidenschaft kann der Mensch sein der Einheit entstammendes Ich zum Mitwirker des Schöpfers erheben und damit als ein Verwandelter, als ein die Spaltung überwunden Habender in das neue Paradies, den Himmel eintreten.

Doch diese Arbeit leistet er nicht nur für sich, er trägt sie für die ganze Schöpfung: erst im Menschen gewinnt die irdische Natur ihre mögliche Individualität, ihr Heil. So beschränkt sich die menschliche Aufgabe, wie es die letzte jüdische Offenbarung der Chassidim berichtete, nicht auf den Menschenbereich allein: für die ganze Natur bildet der Mensch die Brücke; erst wenn dem letzten Wesen der Weg zum Urlicht eröffnet ist, dann ist die menschliche Aufgabe auf Erden vollendet; so hat Gott einen Teil seines Wesens, die kraftvolle Schöpfungsmacht der Elohim, als weiblichen Teil in die Welt versenkt, die dereinst im Menschen die Rückbindung wiederfinden wird.

Arnold Keyserling
Gott, Zahl und Wirklichkeit · 1965
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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