Schule des Rades

Arnold Keyserling

Spirituelle Ästhetik als Weg der Erkenntnis

Gespräch Teil 3

A. K.
Wir haben uns das Thema der spirituellen Ästhetik als Weg der Erkenntnis gewählt. Wir verwenden das Wort spirituell, weil das deutsche Wort geistig oft mit intellektuell oder akademisch assoziiert wird. Was verstehst Du unter spirituell?
E. G.
Spirituell heißt für mich Eindeutigkeit. Was ich gesucht habe im Leben war Identität als Eindeutigkeit. Könnte ich auch ein anderer sein, auf einem anderen Platz leben? Mit der Eindeutigkeit meine ich, kommen wir in Beziehung, ja Kommunion mit dem Objektiven, dem Absoluten; denn es gibt nur eines, das wirklich eindeutig ist.
A. K.
Eindeutigkeit bedeute für Dich also Einklang mit Dir selbst, daß Deine äußere Form und Dein Verhalten in Einklang mit Deinem Selbst stehen.
E. G.
Dieses innere Selbst, das der Spieler des Spiels ist, habe ich zuerst annähernd erfahren, indem ich in den Sechzigerjahren ein Erlebnis hatte, eine Art Nullpunkt erreichte, wo ich Zeuge der Gedankenströme und äußeren Wirklichkeit, die sich chaotisch abwickelten. Ich wurde Zeuge einer vielfältigen Wirklichkeit, die mich erschreckte; ich dachte, das sei Wahnsinn. Ich konnte mich diesem Zeugen als ruhendes Selbst der Mitte noch nicht anvertrauen. Nach diesem Erleben wurde ich zum Suchenden. Ich habe nach Methoden und nach Wissen Ausschau gehalten, nach Wissenden, die diesen Zustand kennen. Ich bin auf Gurdjieff gestoßen, der von einem Weltgesetz sprach. Das hat mir den Einstieg in eine Denkbasis gegeben. Ich las Auf der Suche nach dem Wunderbaren von Ouspensky, worin er beschreibt, daß es ein Weltgesetz gibt, das mit Ton und Intervall, mit der Musik zu tun hat; daß es das Enneagramm gibt, ein neunfältiges Beziehungsgefüge des Tuns. Es hat mich wahnsinnig fasziniert, daß es etwas so tiefes, Eindeutiges, Unverrückbares gibt. Davon wollte ich mehr wissen. So suchte ich nach dem Übersetzer des Buches und bin auf Dich gestoßen und habe im Rad, mit dem ich mich seither intensiv beschäftige, über das Enneagramm und die dem Leben und der Welt zugrundeliegende Systemik weitere Aufschlüsse gefunden. Ich habe Dein Rosenkreuz gelesen, Deine Vorlesungen besucht und in den folgenden Jahren in vielen Gesprächen mit Dir die Gesetze von Zahl und Maß, Ton und Intervall, Tierkreis und Enneagramm, die Qualitäten von Raum und Zeit im Tierkreis, Yin und Yang im I Ging und vieles mehr geklärt.
Und später entstanden immer wieder Studienkreise, wo bei Wein und Brot — auch Käse und Wurst fehlten nicht — mit meinen meist jüngeren Freunden, künstlerisch und geistig interessiert, Mathematiker und Physiker waren auch dabei, diese Themen durcharbeiteten — abendlang — Methoden wurden ausprobiert, um Verständnis und Leben zu verbinden.
An diesem Punkt wurde mir klar, daß es einen Weg der Erkenntnis gibt. Gleichzeitig erwachte in mir eine große Sehnsucht nach Griechenland. Meine erste Reise war dann nach Samos, weil für mich seit jeher Pythagoras eine unerklärliche Bedeutung hatte, eine Art Verwandtschaftsgefühl da war. Ich bin ihm später auch im Traum begegnet und immer wieder in meinen Studien. Damals verstand ich noch wenig; erst allmählich wurde mir klar, daß Pythagoras als erster (im europäischen Raum) das Verhältnis von Zahl, Maß und Qualität in Beziehung zum Absoluten entdeckt hat, daß er sein Zahlenkreuz als die Schöpfungsprinzipien verstand und die Null als den unerschöpflichen Urgrund. Damals habe ich überhaupt versucht, Orte zu besuchen auf der Welt, wo ich das Gefühl hatte, dort gehöre ich hin, dort ist ein Fragment von mir zu Hause. Ich habe die Welt bereist, bin nach Mexiko gefahren, an die Westküste der USA, später nach Finnland, nach Java. So habe ich im Laufe des Lebens verschiedene Aspekte meines Selbst gefunden.
A. K.
Ich weiß, daß für Dich die indianische Überlieferung, vor allem über Castaneda die Figur Don Juan wesentlich war. Wie würdest Du in heutiger Sprache die Bedeutung des Denkens aus der Begegnung beschreiben?
E. G.
Der wichtigste Aspekt für mich war, daß Don Juan von anderen Wirklichkeiten spricht, die ich selbst erlebt habe. Meine Experimente mit Meskalin, LSD und Psilocybin haben mir diese andere Wirklichkeit gezeigt, und ich brauchte ein Gedankengebäude, das mit diesen Erfahrungen konform geht. Deswegen bin ich damals nach Mexiko gefahren und habe versucht, jemanden zu finden, der mir das Wissen vermitteln kann.
Für mich war dieses andere Wissen etwas wie ein Ort des Wissens in mir. Das wesentliche Erlebnis war, als ob ich mich angeschlossen hätte andie gesamte Menschwerdung. Ich habe die Geschichte der Menschheit gesehen und mich in der Dauer der Menschwerdung wiedergefunden. Ich konnte mich zurückverfolgen zu den Anfängen. Ich hatte mich unter einen Kaktus gesetzt und gesehen, wie aus der Ursuppe, der Verkettung der Moleküle zu Würmern, die Würmer zu Schlangen wurden. Diese haben Füße gekriegt und waren Krokodile; diese haben sich aufgerichtet und in einer Folge von Mutationen zu Affen etc. wurde dann letztlich der Mensch. Ich war verbunden mit dem Ursprung. Das war eine Meskalinerfahrung.
A. K.
Oft ist das Zurückfinden zu den Anfängen Voraussetzung der Wiedergeburt. Für Buckminster Fuller war der Beginn des geistigen Weges ein Bruch, der fast in Todesgefahr geführt hat.
E. G.
Für mich war es keine Todesgefahr; sondern todähnlich. Ich bin schon einmal gestorben. Natürlich sind das Metaphern — einerseits ist es wahr, andererseits ist es analog.
A. K.
Das Analoge ist ja genau so wahr wie das Faktische, da es in der Traumwelt wahr ist und wir von dieser geprägt sind.
Jetzt möchte ich aber noch einmal auf die industrielle und nachindustrielle Revolution zurückkommen, nämlich auf die Welt der Computer, nachdem Du gerade mit der Entwicklung Deiner Mindmachine einen Schritt in dieser Richtung gemacht hast. Wie kann diese Welt geistig verständlich werden?
E. G.
Die Computer sind, scheint mir, das intelligenteste Werkzeug, das der Mensch je geschaffen hat. Wenn ich auf die Grundlage des Computers stoße, dem wie dem I Ging das binäre System zugrundeliegt, nämlich 0-1, bzw. Yin-Yang, dann bin ich dort, wo der Computer geistig ist und das Nichts mit dem Etwas verbindet. Die Mindmachine, die wir entwickelt haben, bewirkt genau das: daß dem Bewußtsein in einer bestimmten Abfolge — Nichts-Etwas — zu Gehör und zu Gesicht gebracht wird. Dem Bewußtsein wird Nichts und Etwas über links und rechts zugeführt, so daß sich der Beobachter, der sich in eine bequeme Stellung begeben hat und die Maske, das Hörundsehgerät aufgesetzt hat, von selbst in die Mitte begibt. Indem wir die Ton und Lichtinformation so weit reduziert haben, daß die Schwelle von Nichts-Etwas erreicht werden kann, bewirkt sie zuerst Entspannung und dann die eigene Selbstorganisation aus der Tiefe. Bereits mit einem Programm von 20 bis 30 Minuten trifft diese Wirkung ein.habe dieses Experiment seit mehr als einem Jahr an mir selbst erprobt. Der Mensch fühlt sich zentriert, frei, heiter und kann sich aus seiner Mitte wieder seiner Welt und seinen Aufgaben zuwenden. Die Methode ist denen ähnlich, die im Yoga und der Meditation verwendet werden. Der Zustand, den sie hervorruft, kann auch als Voraussetzung zu weiteren meditativen Erfahrungen dienen, wie es bei mir der Fall war.
Arnold Keyserling
Spirituelle Ästhetik als Weg der Erkenntnis · 1996
im Gespräch mit Ernst Graf
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD