Schule des Rades

Arnold Keyserling

Bewußtsein und Evolution

Chaostheorie

Wie entsteht nun die Evolution als Rückkehr des in Mineral, des im Stein eingesperrten Wirkungsquants zu seinem göttlichen Ursprung? Noch vor wenigen Jahren blieb diese Anschauung unbegreiflich. Doch die letzten Jahre haben mit der Chaosforschung und der Entdeckung der Fraktale durch Benoît Mandelbrot die Entstehung des Lebens begreiflich gemacht. Die nullte Dimension ist im Chaos. Dieses Chaos hat vier Vektoren oder Attraktoren: den Fixpunkt-Attraktor der ersten Dimension-, den Grenzzyklus-Attraktor der zweiten, den Torus-Attraktor der dritten und den seltsamen Attraktor der vierten Dimension. Der Kosmos entsteht aus dem Chaos. David Bohm nannte diese Zweiheit implicate and explicate order, philosophisch Potentialität und Aktualität. Die Kausalität ist nicht im Kosmos, sondern geht vom Chaos zum Kosmos über die Attraktoren. Was uns als Ordnung erscheint, ist die augenblickliche Struktur des Ergebnisses der Wechselwirkung der vier Attraktoren. Betrachten wir sie nun im einzelnen, um sie für unser Bewußtsein verständlich zu machen.

F i x p u n k t
Fixpunktattraktor
G r e n z z y k l u s
Grenzzyklusattraktor
T o r u s
Torusattraktor
L o r e n z
seltsamer Attraktor
  • Der Fixpunkt-Attraktor, in der Physik die Entropie oder das Streben nach Ruhe, schafft den Raum, der nur existiert, wenn eine Mitte da ist. Von einer solchen Mitte aus gesehen gibt es die Himmelsrichtungen, die ins Unendliche weisen.
  • Der Grenzzyklus-Attraktor ist die Eigenmächtigkeit zeitlicher Abläufe, so wie der Mensch imstande war, Wettersatelliten in bestimmter Höhe über der Erde zu fixieren. Auf das Bewußtsein übertragen, ist der Grenzzyklus-Attraktor der regelmäßige Zeitlauf, gleichsam die Gewohnheit, jeden Tag um halb acht zu frühstücken. So bestimmt der punkthafte Attraktor die wahrnehmende und gestaltende Funktion des Empfindens, und der Grenzzyklus-Attraktor die schließende, zur Kreisform gestaltete Funktion des Denkens; in einer Gleichung besteht über das Urteil ein Gleichgewicht zwischen Analyse und Synthese, es ist aber keine weitere Bedeutung darin zu finden.
  • Der Torus-Attraktor enthält viele nebeneinander verlaufende und alternierende spiralförmige Kreisläufe, die die Grundlage der Triebmelodien des Fühlens zwischen Bedürfnis und Befriedigung bilden.
  • Der seltsame Attraktor, wandelt Möglichkeiten in Wirklichkeit, Potentialität in Aktualität und ist Träger des Wollens. Er ist die Basis allen Bewußtseins, weil nur über Wahl, Entscheidung und Entschluß der Mensch in die Wirklichkeit kosmisierend eingreifen kann.

Die Attraktoren im Zusammenwirken bezeichnen wir als Selbstorganisation, die nicht aus dem Denken, sondern aus dem Wollen erfolgt, wenn die Aufmerksamkeit nullhaft leer ist. Ihre materielle Grundlage ist getragen vom genetischen Code, der aus zweimal vier Nukleotiden besteht Adenin, Cytosin, Thymin und Guanin, die entweder als Speicher oder als Botschafter wirken ein euphemistischer Begriff für die beiden Urtendenzen des Wachstums und der Vermehrung, als subjektive Faktoren von Raum und Zeit. Das Keimplasma, der genetische Code ist gleich den Einzellern relativ unsterblich. In der buddhistischen Lehre wurde der Unsterblichkeitskörper des Menschen als Diamantleib, als Mineral bezeichnet, und in der abendländischen Tradition spricht man vom Stein und nicht vom Gänseblümchen der Weisen.

Die Genialität von Arthur M. Young war nun, daß er auch die Evolution, als das invariante Zusammenwirken der Systemik und Information zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos durch Verlust der Symmetrieachse mathematisch bestimmen konnte.

Ilya Prigogine erhielt für seine Entdeckung der dissipativen Ordnung den Nobelpreis: wenn eine Ordnung zerfällt, werden ihre Komponenten einem Wesen höherer Integration als Bausteine eines neuen Kosmos dienen.

Wie schon früher gesagt, hat die wissenschaftliche Methode laut Herbert Pietschmann den Zweck, Gewißheiten im Bereich menschlicher Strategien zu bestimmen. Aber es gibt ein ganzheitliches Denken, welches bereits zu Beginn der Menschheitsgeschichte erkannt wurde. Es hat unterschwellig durch die Jahrtausende den Bereich der Esoterik, als das Wissen hinter dem Wissen bestimmt. Ich habe es in vielen Kulturen und Traditionen erforscht, aber nicht nur gnoseologisch, sondern auch in seiner praktischen Auswirkung wie im Yoga, der Astrologie und dem Schamanismus. Überall ist heute die Anerkennung der Esoterik im Steigen, im Buchhandel deckt das Angebot bereits 30%. Damit erweist sich die rationalistische Aufklärung nicht als Gegensatz, sondern als Vorstufe und Strategie der ganzheitlichen Philosophie.

Die nullte Stufe des Kosmogonie ist Gott, verstanden als Subjekthaftigkeit des All. Durch seinen Ursprung im Quant hat das Molekül an dieser Subjekthaftigkeit teil. Diese Macht, die aus der Null wirkt, ist jenseits von Name und Form. Die Chinesen haben sie als Chi bezeichnet, die Japaner als Ki, als die Wesenheit — in heutiger Sprache — hinter den vier Attraktoren. Das Chi hat die Tendenz, das Quant oder den Wesenskern, das Selbst mit den verschiedenen Stufen der Evolution zu bekleiden, also immer höhere Integrationen zu erreichen. So müssen wir die Evolution vom Gewahrsein aus als Bewußtseinsschichten betrachten. Molekular ist der Mensch mit den anderen Lebensformen identisch, er enthält in seinem Organismus alle 92 Elemente. So wirkt Gott nicht nur von oben nach unten, im Sinne der jüdisch-christlichen Offenbarung, sondern von unten nach oben, im Sinne der indisch-chinesischen Mystik, also der Evolution. Ihr Ziel wäre die Wiedervereinigung mit dem Subjekt All, die negativ als Nirvana bezeichnet wird. Die Null als Leere, Sunya, ist eine Entdeckung Buddhas. Null ist oben das All, der Urknall, die Schöpfung aus dem Nichts. Null ist von unten her als Leere der Aufmerksamkeit, als innere Sonne die Fähigkeit, mittels der vier Attraktoren in der Welt zu wirken. Das epistemologische Subjekt ist erkennend, vergleichbar einer Linse eines Fotoapparats. Das existentielle Subjekt ist im Chi, in der Einheit von Urlicht und Urkraft, von Sein in Wollen, im Sinne des seltsamen Attraktors, also im Gewahrsein.

Das Mineral hat die Fähigkeit des rein mathematischen Wachstums. Monod hat gezeigt, daß die Kristallisation negentropisch ist, und nach Kraftlinien erfolgt. Das Kristall ist statisch, hat alle Symmetrieachsen. Durch die Zweiheit der Aspekte, der die Kräfte, Feuer und Licht, gebiert es den genetischen Code im flüssigen Zustand, dem die beiden Tendenzen Wachstum und Vermehrung entstammen. So steht das Kristall in unmittelbarer Beziehung zum seltsamen Attraktor.

Die Pflanze verliert eine Achse, sie ist oben und unten verschieden. Unten ist die Wurzel, oben die Krone des Baumes, beide sind durch den Stamm verbunden, der auf die Erdachse weist. Die Pflanze wechselt im Atem zwischen Kohlensäure und Sauerstoff, im Leben zwischen Same und Gestalt. Der Same kann Jahrtausende ruhen. Neulich wurden Getreidesamen von vor 5000 Jahren in einer Pyramide entdeckt, die alsbald keimten. Die Pflanze verkörpert den Torus-Attraktor im Keim in seiner Tendenz zur Gestalt durch die vielfältigen Rhythmen, die sie zusammenfügt. Ihre Subjekthaftigkeit ist das gemeinsame Funktionieren der Abläufe, sie ist kosmisch eingegliedert, lebt auf Kosten anderer Lebewesen aus dem Sonnenlicht. Das Tier verliert eine weitere Symmetrieachse, jene von hinten und vorn. Hinten ist die Ausscheidung, vorn die Nahrungsaufnahme. Ferner lebt es im Zyklus von Fressen und Gefressenwerden, zwischen Territorialinstinkt und hierarchischem Instinkt. Selbsterhaltung und Arterhaltung sind im Gleichgewicht. Es läßt sich aber durch die Nahrung abrichten und zähmen, wenn der Dompteur gleichsam den Arterhaltungsinstinkt ersetzt, seine Bewußtheit ist zwischen Belohnung und Strafe manipulierbar.

Der Mensch nun, falls er ein höheres Naturreich erreicht, muß die weitere Symmetrieachse verlieren, zwischen rechts und links. Hier ist nun das Problem der menschlichen Reifung, wie ihn alle Religionen beschreiben. Solange er sich den beiden Parametern Lust und Schmerz, Belohnung und Bestrafung unterwirft, bleibt er Tier. Erst wenn es ihm gelingt, Wachen und Traum, Tag und Nacht zu vereinen, links und rechts in den Großhirnhemisphären, dann wird er fähig, den letzten Schritt der Bewußtwerdung zum Gewahrsein, zur großen Singularität zu vollziehen: indisch die Befreiung, christlich die Erlösung.

Arnold Keyserling
Bewußtsein und Evolution · 1998
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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