Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vernünftige Hermetik

10. Gemeinsinn

Das zehnte Kriterium ist tatsächlich der Schlüssel zum großen Werk der Smaragdtafel. Deshalb setze ich wieder ein Zitat von Ralf Liedtke an den Anfang:

Der sensus communis, die verabsolutierte Sinnlichkeit des Numinosen, das sensorium Dei in seiner ganzen Dynamik ist das Zentralmotiv hermetischer Welterfahrung und Philosophie. Der allesdurchwirkende Gemeinsinn wird von den Hermetikern sowohl als ein absolutes Ganzes hypothetisch vorausgesetzt, als er auch nach Maßgabe der hermetischen Schriften für das konkrete Einzelwesen sowohl zu schulen als auch zu entwickeln anempfohlen wird. Die Schulung und Entwicklung des Gemeinsinnes (der Öffnung der Chakras im Yoga) ist eine individuelle Gotteserfahrung, die das Individuum von Grund auf wandelt. Der göttliche Gemeinsinn bleibt etwas Absolutes, dem man sich nur graduell annähern kann, und das zu erreichen nur für den Bruchteil einer Sekunde, in Augenblicken höchster Ekstase und nach gehöriger asketischer Vorbereitung möglich ist. Er ist, so wird bei der Lektüre authentischer hermetischer Texte immer wieder deutlich, nicht durch Seligträumerei (Kants Kritik) erreichbar, sondern nur durch harte Arbeit an sich selbst, durch bewußte Ausübung des freien existentiellen Falls, den erschreckende Visionen von Abgründigkeiten begleiten.

Dieser Gemeinsinn ist im westlichen Sprachgebrauch mit der schottischen Common Sense Schule des 18. Jahrhunderts etwas anderes geworden, nämlich zum unphilosophischen gesunden Menschenverstand, der nur das Plausible anerkennt. Doch ist der Gedanke in der amerikanischen Philosophie seit dem Cosmic Consciosness von Maurice Bucke, dem Pragmatismus von William James und Charles S. Peirce, und der Gipfelerfahrung, der Peak experience von Abraham Maslow in das psychologische Bewußtsein zurückgekehrt; er liegt der humanistischen und transpersonalen Richtung zugrunde.

Ralf Liedtke bezeichnet diesen Ansatz als vernünftige Mystik, für die heutige akademische Philosophie eine contradictio in adjecto. Für alle Vertreter der Wassermannzeit ist sie aber der Kernpunkt des neuen Gewahrseins, das das religiös-hierarchische Weltbild abgelöst hat. Doch im zeitgenössischen amerikanischen Denken ist in den letzten Jahrzehnten der geistige Untergrund verdrängt worden, sowohl in der Postmoderne als auch im Schrifttum des New Age. Daher glaube ich, daß das Werk von Ralf Liedtke, dessen Anfang wir miterleben, mehr bedeutet als einen originellen philosophischen Ansatz. Es ist ein Wiederauftauchen der essentiellen und existentiellen Wahrheit, die durch kirchliche Religionen und akademische Eliten seit Jahrhunderten verdrängt wurde.

Arnold Keyserling
Vernünftige Hermetik · 1999
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD