Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Kampf ums Dasein zum globalen Dorf

Die vier Gehirnfunktionen

Im Mittelalter wurde der nächste Schritt der Menschwerdung, das Erreichen der selbständigen Kompetenz als Baccalaureus, als Stockträger oder Zepterträger durch eine Initiation gefeiert. Der Lehrling bis zur Verleihung des Stockes erlernt das Wissen; der Geselle wendet es an, und der Meister lehrt es. Heute sind diese Übergänge nicht mehr bewußt, da seit John Locke der menschliche Geist von der Aufklärung als tabula rasa beschrieben wurde, auf welcher der Erzieher den Charakter einprägt.

Die Welt der rechten Hemisphäre ist unterbewußt; der Schlaf, der für das Gewahrsein dem Tode gleicht, ist unbewußt. Der losgelöste Mensch der Aufklärung lebt in einem erzwungenen Computerdasein; er kann durch entsprechende psychologische Methoden adaptiert und manipuliert werden, wie es dem amerikanischen Psychologen Skinner vorschwebt. Die mythischen Initiationen zur Meisterschaft, die rites de passage der Stämme und Klans werden nicht mehr geübt. Das bürgerliche Bewußtsein ist ein Fremdkörper in der Welt; vielleicht deswegen, weil im Überschwang des Glaubens der Aufklärung an die Wissenschaftlichkeit des Daseins die Vorstellung entstand, der Mensch sei tatsächlich Herr der Natur, und für Gott gäbe es keinen Platz, so wie Laplace zu Napoleon sagte: Ich habe keine Notwendigkeit für eine solche Hypothese.

Der Gödelsche Beweis, daß jedes rationale System auf irrationalen Axiomen beruhen muß und das Bellsche Theorem, daß alles mit allem in Wechselbeziehung steht, geben uns nun die Möglichkeit, anhand der Dynamik von Ralph Abraham eine Lösung dieses Dilemmas zu formulieren. Die Gehirnzonen entsprechen den vier Dynamiken:

Wachen
Zeit
periodisch
Schlaf
Aufmerksamkeit
bifurkal


Reflexion
Sprache/Zahl
chaotisch
Traum
Raum
global

Rationalismus ist kein Weltgesetz, sondern die Systematik aller Sprachen; zwischen einer Wissenschaft und etwa Französisch besteht nur ein Unterschied in der Wahl von Wortschatz und Syntax. Das Rationale bedeutet die Bezugsfähigkeit des Menschen, die Kommunikation, nicht das Wesen, welches auf allen Ebenen der Natur, vom Atom bis zu den Sternen unvoraussehbar ist. Der verstiegene Rationalismus beruht auf dem alten Grundfehler der europäischen Philosophie, den Raum als die Grundlage der Zeit zu betrachten — als die ehernen Gesetze, die dem Wandel zugrunde liegen. Was uns als Ruhe erscheint, ist letztlich nur periodische regelmäßige Bewegung. Daher kann allein die Dynamik bewirken, daß der Mensch einen Schlüssel zum Verständnis des Bewußtseins findet.

Die Welt des Wachens ist in der Zeit. Zeit ist periodisch, die Rhythmen fließen gleichmäßig. Sowohl die Energie, die wir beobachten, als auch die Verhältnisse der Mechanik in der Beziehung von Masse, Beschleunigung und Widerstand gehören der Welt des Körpers und des Empfindens zu. Sie bilden die Hardware des Computers und sind die einzige Welt, die wir gestalten können, in der wir körperlich leben, während unser Bewußtsein über diese Welt hinausgeht. Die Welt der Reflexion reagiert chaotisch auf Anziehung und Abstoßung, zwischen denen sich die Sattelpunkte als Orte labilen Gleichgewichts ergeben. Während die Gesetze der Sinne — hören, sehen, riechen, schmecken, tasten — uns die periodische Welt offenbaren, ist in der chaotischen Welt des Denkens immer ein Problem der Ansatz, welcher über Analyse und Synthese, Einzelheit und Zusammenhang im Urteil geklärt und damit der Erinnerung zugeordnet wird. Ich kann den pythagoräischen Lehrsatz nicht zweimal verstehen. Sobald ich etwas verstanden habe, ist es gleichsam ein Sattelpunkt der Erinnerung geworden, von dem aus ich mich einem neuen Problem zuwende. Die Gesetzlichkeit der Wissensbildung, der persönlichen und wortgewordenen Erinnerung ist dynamisch; sie geht von Bedürfnissen aus, die befriedigt werden. Hier ist auch der Bereich der Seele, der persönlichen Beziehungen, und ebenfalls die Welt des Tieres, das in seinen Instinkten nach Stellung in der Hierarchie und nach Territorium strebt, aber nicht über den Punkt des labilen Gleichgewichts hinaus: Jedes Tier gibt sich mit dem einmal erreichten Territorium und der Stellung in der Horde als Wirkwelt zufrieden. Seine Merkwelt umfaßt nur das, was es angeht, und in diesem Bereich wird alles wahrgenommen.

Auch diese tierische Gedächtnisbildung kann von Computern nachvollzogen werden; er lernt aus Irrtümern, kann reagieren. Im soziologischen menschlichen Bereich werden die Parameter zu den Bedürfnissen von Macht und Geld und bilden eine falsche Bifurkation, weil sie manipulierbar, also nicht subjekthaft sind. Das Streben nach unendlichem Wirtschaftswachstum oder dauernder Vollbeschäftigung, um zwei der Ausdrücke von Geld und Macht zu bestimmen, geht von der Illusion aus, daß diese Richtungen unendlich wären. Daher erweisen sich die Philosophien des Kapitalismus und des Sozialismus als gefährlich, wenn sie absoluten Wahrheitsanspruch erheben. Ihr Wechselspiel bestimmt das Milieu des Menschentiers, das zu jenem Gleichgewicht erwachsen sollte, wo der einzelne sich wohl fühlt und seine persönliche Entwicklung bis zur Fülle erreicht.

Bis zum chaotischen Denken — also der Gedächtnisbildung, die immer von neuen Zielen ausgeht — ist die offizielle Philosophie vorgedrungen. Doch das globale Denken der ewigen Schwankungen, wie wir es früher am Beispiel von Heringen und Haifischen veranschaulichten, geht darüber hinaus. Auch menschliches Leben folgt den Schwankungen der Kreisläufe, und deren Sinn wird zum Bereich der Religion und Astrologie.

Ich kann räumlich das ganze Leben eines Menschen veranschaulichen, und diese Orientierung gibt seinem Dasein Sinn. Dies kann aufgrund der historischen Nachfolge geschehen, indem ich ein vorgegebenes Schema verwende wie das fünfstufige christliche: Paradies, Sündenfall, Erlösung, Jüngstes Gericht und Neues Jerusalem, oder das marxistische: Urkommunismus, Privateigentum, Bewußtwerdung des Arbeiters, Weltrevolution und klassenlose Gesellschaft. Beide sind zu linear, und die Vorstellung einer ewigen Seligkeit ohne Tun widerspricht sowohl der Erfahrung als auch der Erwartung.

Für die Computer ist das globale Denken, das Vorhersagen und Durchspielen möglicher Schwankungen, das Hauptfeld der Anwendung. Wenn ich eine neue Firma aufmache und einen Produktionszweig beginne, dann muß ich für einen Kredit nachweisen, welche Erfolge ich nach der Computerrechnung zu erwarten habe. Zwar gibt es immer wieder Menschen, die entgegen der bestehenden Voraussetzungen etwas Neues erfinden, das nicht eine vorgegebene Marktlücke ausfüllt. Ein Beispiel war Charles Richard Crane, der am Anfang dieses Jahrhunderts die Orangen in Kalifornien heimisch machte; zuerst schuf er in einer Werbungskampagne ein Orangeconsciousness, und dann begann er mit der Pflanzung; er handelte also bifurkal.

Arnold Keyserling
Vom Kampf ums Dasein zum globalen Dorf · 1999
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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