Schule des Rades

Arnold Keyserling

Evolutionstheorie und Religion

Gespräch Teil 1

F. K.
Herr Professor, wir wollen das Thema Evolutionstheorie und Religion in einer umfassenden, weltumspannenden Sicht, insbesondere auch unter Einbeziehung der asiatischen Religionen und der Naturreligionen, fortsetzen. Vorerst aber ein paar Worte zu ihrer Person. Sie sind träger eines berühmten Namens…
A. K.
Nun, ich bin unter etwas ungewohnten Bedingungen aufgewachsen, weil mein Vater in Nazideutschland ja Staatsfeind war. Und das war insbesondere ein großes Glück für mich, als ich, da ich glaubte, daß mein Vater recht hatte, ohne Vaterkonflikt aufwuchs.
F. K.
Ihr Vater war eine Art Weltbürger
A. K.
Mein Vater (Hermann Keyserling) war der Überzeugung, daß der Nationalismus überlebt und die Menschheit auf dem Weg zu einer planetarischen Gesellschaft war. Und das war natürlich, für den deutschen Nationalismus etwas unmögliches. Aus diesem Grunde habe ich nie einen Konflikt mit meinem Vater gehabt, sondern mich, solange er gelebt hat, darum bemüht, ihm in jeder Weise zu helfen. Und als er dann starb, 1946, war er gerade dabei, einen großen Kongreß der Schule der Weisheit vorzubereiten. Mein Vater war der Überzeugung, daß sehr viele Wege zum Sinn führen und das man nur über das Verständnis der Weltreligionen zu einem Verständnis des Menschen kommen könne. Nach seinem Tod habe ich mich damit beschäftigt, eine systematische, eine strukturelle Grundlage für dieses Wissen zu finden.
F. K.
Eine psychologische Frage, in Wien, der Stadt der Psychoanalyse, besonders berechtigt: Das heißt, Sie sind ohne Vaterproblem, ohne Vaterkonflikt aufgewachsen, also ohne Ödipussituation. Sie waren in der glücklichen Lage, sich mit ihrem Vater total identifizieren zu können.
A. K.
Ja, weil wir uns beide mit dem Staat rauften…
F. K.
Sie haben jeden denkbaren Konflikt miteinander mit den Nazis ausgetragen.
A. K.
Ja, genau. Und das war das große Glück, wie ich nachher gemerkt habe.
F. K.
Das seltene Glück für Vater und Sohn, zu einer Person zu verschmelzen, die sich in der Zeit fortsetzt.
A. K.
Ja. Insofern habe ich nach dem Tode meines Vaters in Innsbruck mit Hilfe der Franzosen und der Tiroler Landesregierung versucht, sein Archiv und seine Schule weiterzuführen: die Schule der Weisheit. Dann habe ich allerdings gesehen, daß der Zeitgeist absolut gegen mich war.
F. K.
Damals in den vierziger Jahren…
A. K.
Ja, in den vierziger Jahren. Man war damals rein wirtschaftlich orientiert, und niemand war an Weisheit interessiert. Ich war aber nicht entmutigt und habe mich bemüht, die systematische Grundlage der Lehre vom Sinn der Sprache, der Sinneswahrnehmung auszuarbeiten. Das hat mich zuerst einmal viele Jahre nach Italien geführt, zu den Wurzeln des pythagoräischen Denkens. Dann bin ich viele Jahre in Indien gewesen, und langsam habe ich versucht, die gemeinsamen Nenner der verschiedenen Weltreligionen, der verschiedenen Kulturen zu suchen, und ich glaube, das ist mir zu einem Großteil auch gelungen. Bis sagen wir in die sechziger Jahre war ich sehr allein. 1964 kam die Wende: Ich erhielt einen Lehrauftrag für europäische Geistesgeschichte und nachher für Philosophie an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Vorher hatte ich schon einige Jahre eine Art Volksschule in Kalkutta geführt.
F. K.
In den sechziger Jahren begann das Zeitalter des Wassermanns. Mit der Hippie-Bewegung, mit den Wurzeln der Grünen Bewegung. Es kam also Ihre Zeit.
A. K.
Ja, aber sie kam nicht plötzlich. Erst in den siebziger Jahren mündete die humanistische Psychologie in die transpersonale. Erst damals begann man ernstlich Yoga, Astrologie und die parawissenschaftlichen Disziplinen zu studieren. Hier ist vor allem eine Meuterei im Bereich der Naturwissenschaften wichtig, die man hier unter dem Begriff die Gnostiker von Princton kennt.
F. K.
Sie sagen transpersonal. Was ist der Unterschied zwischen transpersonal und parawissenschaftlich?
A. K.
Das Wort transpersonal kommt aus der Strukturanalyse. Man spricht von einem infrapersonalen, als einem vorpersonalen Bewußtsein, also von einem Zusammenhang mit der Mutter, wenn man so will. Es geht um die Loslösung von personalem Bewußtsein, entfremdeten Bewußtsein, in dem sich der Mensch ganz allein glaubt. Im transpersonalen Bewußtsein findet er eine Gemeinsamkeit in der Liebe oder in besonderen Bewußtseinszuständen.
F. K.
Also die Frage der Transpersonalität betrifft das Problem des Ich-Bewußtseins…
A. K.
Die Übersteigerung des Ich-Bewußtseins, aber nicht einfach das Übersteigen zu einer höheren Gemeinsamkeit hin. Von Maslow stammt das Wort, daß der Homo sapiens vom Homo diligens abgelöst werden sollte.
F. K.
Also vom Nach-Menschen, der…
A. K.
Vom Menschen, der nicht Nach-, sondern auch Vor-Mensch ist. Das heißt, von einem Menschen, der einen Aufstieg macht, der seine eigener Kulturheroe wird, der aber andererseits zu einer neuen Art der Gemeinschaft kommt, zu einer größeren Art der Liebe, als sie im bürgerlichen Leben üblich ist.
Arnold Keyserling
Evolutionstheorie und Religion · 1999
im Gespräch mit Franz Kreuzer
© 1998- Schule des Rades
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