Schule des Rades

Arnold Keyserling

Klaviatur der Kreativität

Zugang zur Kreativität

Philosophie ist immer, seit dem Beginn bei den ionischen Vorsokratikern, Suche nach der Wahrheit und Weisheit auf dem Weg des Wissens gewesen. Mit Platon und Aristoteles entstand die Rationalität, die das Bewußtsein zu befriedigen schien. Ihren Höhepunkt erreichte sie im 17. Jahrhundert mit Galilei, Johannes Kepler und Newton. Deren Vorstellung gipfelte in einem statischen Universum der ewigen Naturgesetze, die den Wandel der Erscheinungswelt und Geschichte ausklammerten, und damit das Wissen auf die Erfahrung des Raumes beschränkten.

Mit Newton schien der Traum der Philosophie erfüllt. Doch mit der Entdeckung der Thermodynamik, vor allem der Entropie, kam der Zeitpfeil zurück. Zwar blieb der kartesische Dualismus noch aufrecht — zuletzt im Gegensatz zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, letztere im Gegensatz zu Darwins Evolutionstheorie. Mit der Anerkennung Darwins wurde die Polarität Raum — Zeit zur entscheidenden Dichotomie: auf der einen Seite die ewigen Gesetze der Geometrie, auf der anderen Seite die Ereignisse mit ihren unvoraussehbaren Folgen, die narrative Auffassung der Geschichte.

Mit der Quantenmechanik und der allgemeinen Relativitätstheorie schien der klassische Determinismus gesiegt zu haben, zuletzt veranschaulicht im berühmten Buch von Jacques Monod: Le hasard et la nécessité, bis der russische Physiker und Nobelpreisträger der Chemie, Ilya Prigogine, in Brüssel einen neuen Ansatz zur Rehabilitation des Zeitpfeils und der Ereignisse in der dissipativen Ordnung fand: das Chaos erschafft so aus seinen inhärenten Gegensätzen spontan die strukturelle Ordnung der Materie sowohl kosmogonisch als auch physikalisch und chemisch. Damit erwies sich das Postulat von Bergson, dass die Zeit der évolution créatrice zugrunde liegt, gerechtfertigt.

Für Buddha, der gleich der modernen Physik vom Nichts ausging, ist die Materie Ergänzung der Raumzeit; beide sind also vereint.

Die Grundelemente der Naturwissenschaft sind die Quanten. Demzufolge müsste es ein Grundelement der Zeitträger geben, aus Gründen der Symmetrie der Natur. Prigogine bezeichnet diese Komponenten, analog zu den Quanten, als Qualia.

Das Bewußtsein wird geprägt durch die Assoziationen, bei schlechten Erinnerungen und bösen Erwartungen, für Buddha, Urgrund des Leidens. Das falsche Bewußtsein, dieses unglückliche, wird im Buddhismus durch die Achtsamkeit überwunden. In Beziehung zur Philosophie und im Einklang mit der hermetischen Tradition ersetzen wir Achtsamkeit durch das Gewahrsein, welches im Unterschied zum Objektivitätswahn des Bewußtseins das handelnde und erkennende Subjekt einschließt, also den Gegensatz von Subjekt und Objekt überwindet. Die Qualia des Gewahrseins sind in exakter Polarität zu den Quanten der erfahrbaren Vernunft, die den Bezug zur Materie herstellt.

Prigogine erfüllte das Postulat von Bergson: Die Zukunft ist nie gegeben, sondern frei. Wird der Zeitpfeil verstanden, dann hat der Mensch Zugang zur Kreativität, und damit zur Befindlichkeit Gottes. — Ursprung der Kreativität ist der Logos, er heißt ursprünglich die Zahl. So wird uns qualitativ die heilige Mathematik das Tor zur Kreativität und damit zur wahren Menschlichkeit eröffnen.

Arnold Keyserling
Klaviatur der Kreativität · 2002
Monographie: Die Inbegriffe der Qualia
© 1998- Schule des Rades
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