Schule des Rades

Arnold Keyserling

Konkretes und abstraktes Denken bei Lévi-Strauss

Kriterien

Neigungen entstammen der unterbewußten Traumsphäre; die Wurzel alles schöpferischen Gestaltens liegt im Unbewußten als der Sphäre der Urelemente. Das vergangene Jahrhundert beschränkte den Zugang zu dieser Sphäre auf die Genies. Wir können heute den Zusammenhang anders formulieren: Genies waren jene Menschen, denen auf Grund innerer übermächtiger Spannungen eine Existenz unterhalb der schöpferischen Sphäre unmöglich war, so wie etwa Georges Braque sein Malen aus der Notwendigkeit erklärte, mit den immer neu auftauchenden Bildern seiner Innenwelt fertig zu werden. Aber die subjektive Wendung nach innen ist nur die halbe Antwort: es gilt die Leistung bewußt anderen zur Botschaft werden zu lassen, sie in den Strom der Geschichte rational einzuordnen; das, was einem selbst persönliches Anliegen war, objektiv zu rechtfertigen und zu klären, wie Goethe dies in seiner Dialektik von unbestimmbarer triebhafter Sehnsucht und dem Postulat klassischer Vollendung ausgedrückt hat.

Wenn nun das Unbewußte, die Welt jenseits der Tiefschlafschwelle, ein Bereich ist, in den jeder Mensch periodisch eintaucht, dann besteht zwischen den Genies und den Durchschnittsmenschen nicht ein wesentlicher; sondern ein gradueller Unterschied: was jenem eine Veranlagung unausweichlich machte, muß dieser sich methodisch erarbeiten. Die Arbeit müßte auf zwei Arten vonstatten gehen: einerseits durch Vertiefung des Bewußtseins mit dem Ziel der Überwindung von Traum- und Tiefschlafschwelle, andrerseits in der Bemühung um Transzendierung der persönlichen und gemeinschaftlichen Ideologien bis zu den Urelementen, sodaß sich der Einzelne im Sinne der großen Künstler als Werkzeug seiner Lebensmelodie verstehen lernt.

Wird nun die erste Bedingung nicht durch die Tiefenpsychologie erfüllt? Die freudsche Triade Es - Ich - Überich,

  • bei der das Es auf Triebbefriedigung gerichtet ist,
  • das Überich den durch Zivilisation und Herkunft bestimmten Zensor bedeutet
  • und das Ich die Vereinigung beider Strömungen darstellt, gehört zur senkrechten Achse.

Zwar will Freuds Begriff des Es außer dem Unterbewußten als tiefere Schicht das Unbewußte einschließen. Aber der wesentliche Unterschied zwischen beiden ist, daß das Unbewußte als Träger möglichen Wollens nicht auf Befriedigung gerichtet ist, sondern nur die Keime möglichen Handelns enthält, die nicht ohne aktive Mitwirkung des Ichs, also durch bewußten Entschluß zur Verwirklichung kommen.

Die Vereinigung von Es und Überich gehört zum Weg der Adaptation und Heilung; sie liegt in traditioneller Sprache noch vor dem geistigen Weg. Die Tiefenpsychologie ist aus der Heilkunst entstanden, ihr Ziel ist die relative Gesundheit, die Wiedergewinnung eines Ausgangspunktes zur Autonomie. Wer sich zu einem Psychoanalytiker begibt, wird diesem für die Dauer der Behandlung die geistige Verantwortung übergeben. Zwar bleibt auch dem Gesunden die Versöhnung von Wachbewußtsein und Traumbewußtheit — in freudscher Sprache: wo Es war, muß Ich werden — immer ein Problem. Doch ist es persönlich; der geistige Weg dagegen hat seine Schwerpunkte einerseits im objektiven Urgrund der Wirklichkeit, der Urkraft mit den geistigen und körperlichen Keimen, den rationes seminales, andrerseits in der ebenfalls objektiven Kommunikation, in der Mitarbeit an der Geschichte, sodaß wir die freudsche Schematik folgendermaßen ergänzen:


Urkraft
rationes seminales
unbewußt
Überich
Ich
Es

unterbewußt

Geschichte

In jungscher Terminologie führt die Tiefschlafschwelle zum kollektiven Unbewußten der Archetypen, denen der Schatz aller Mythen entstammt, und die Traumschwelle zum persönlichen Unbewußten, dessen verdrängte Inhalte durch Harmonisierung entgiftet werden. Diese Terminologie birgt die Gefahr der Mystifizierung; daher ziehe ich die nüchterne Bestimmung von Lévi-Strauss vor, derzufolge das Unbewußte die Gesetze und Prinzipien enthält, die die Inhalte von Wachbewußtsein, unterbewußter Traumsphäre und kollektiver Ideologie im gleichen Sinne artikulieren wie die Grammatik den jeweiligen lexikalischen Wortschatz einer Sprache.

Was sind nun diese Gesetze und Prinzipien? In philosophischer Terminologie sind es die Kriterien, die, in stoischer Formulierung, den Fluß der Assoziationen zum Stillstand bringen und artikulieren. Der Schlüssel zu einer Phänomenologie des Unbewußten läge daher in der Schau und Darstellung aller jener Kriterien, die den menschlichen Erfahrungsbereich sowohl innerlich als auch äußerlich determinieren. Wollte man diese lexikalisch bestimmen, so käme man notwendig zu einer unendlichen Anzahl von Inbegriffen. Geht man aber auf ihren Ursprung zurück, so löst sich die Vielfalt auf: alle Gesetzlichkeit hat ihr Kriterium in der Verallgemeinerung, und diese wiederum in der Zahl, die den Elementarcharakter bedingt. Und wenn es einerseits gelingt, die unmittelbaren Gegebenheiten des Bewußtseins auf ihren zahlenmäßigen Elementarcharakter zurückzuführen — wie dies von Pythagoras für den Bereich der Töne, Dimitri Iwanowitsch Mendelejew für jenen der chemischen Elemente durchgeführt wurde — und andrerseits den genetischen Aufbau zu begreifen und in einer Figur zu veranschaulichen, dann kommt man zum System der Kriterien, das der Wirklichkeit in all ihren Bereichen in gleichem Maße zugrundeliegt wie etwa das Alphabet dem Wortschatz einer Sprache.

Dieses System ist metalogisch und steht im Gegensatz zur Dialektik und Kommunikation, weil es jene überhaupt erst möglich macht. Doch wie für die Psychoanalyse die Vereinigung von Es und Überich immer neu zum Problem wird, da erfüllte Triebe neuen Motiven weichen und jede Bewährung den Ansatz zu neuer Erfahrung bildet, ist die Erkenntnis der Kriterien des Unbewußten und ihre historische Verwirklichung das ewige Anliegen des geistigen Weges.

Arnold Keyserling
Konkretes und abstraktes Denken bei Lévi-Strauss · 1969
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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