Schule des Rades

Arnold Keyserling

Rückkehr des Selbstverständlichen

Neue Physik

Grundlage der Welt ist nicht ein Kanon von Naturgesetzen, sondern die Autopoiese, die Selbsterzeugung. In der Auffassung der Kirche und des Bürgertums, wie auch in der Denkwelt der Aufklärung, ist das Bewußtsein, das erkennende Subjekt eingespannt in der Wahl zwischen Gut und Böse und zwar im Rahmen der vorgegebenen Kultur. Autopoiese bedeutet jedoch, daß jedes Wesen seine Umwelt erschafft: sowohl die Erkenntnis als auch die Anpassung wird vom Subjekt erzeugt. Es erwächst — und mit dieser These gehe ich über die Gedanken von Maturana und Varela und anderen hinaus — zum Mitarbeiter der Evolution oder wie Rumi es ausdrückt zum Freund Gottes.

Natur und Geist gerieten in der Neuzeit in Gegensatz. Er äußerte sich zum Beispiel in der Spaltung von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Nach Dante ging dem Menschen die Gewißheit einer sinnvollen Rolle im Kosmos verloren. Heute ist der Bruch virtuell überwunden, und das eigentliche Weltbild kann aus dem Mythos in den Logos überführt werden. Diese Entwicklung ist kreisförmig und läßt sich sowohl epistemologisch als auch existentiell als Visionserfahrung nachvollziehen.

  1. Urknall — Urgrund und Ursprung des Alls ist der Urknall vor 14 Milliarden Jahren. Überall entstand aus dem Dunkel, dem Nichts, das Licht, und das Universum begann sich auszudehnen.
  2. Licht — In den ersten Sekunden des Weltalls gab es nur die Ausdehnung der Photonen mit Lichtgeschwindigkeit, die bis heute weitergeht.
  3. Thermonuklear — Gammastrahlen verwandeln sich in Wasserstoffkerne und Elektronen, die in Anziehung und Abstoßung zu kreisen beginnen. Sie erzeugen in der Mitte die Vorbedingung zur Fusion: es entstehen die Massen, die die nachfolgend geschilderte makrokosmische Gliederung aufweisen.
  4. Atom — Es erfolgt die Bildung der Atome nach Maßgabe des Uratom-Modells: ein Kern und sieben Schalen mit bis zu vier Elektronenbahnen, die spontan Energie aufnehmen oder abgeben können, z. B. zur Wandlung der Aggregatzustände in der Bewegung (fest, flüssig, gasförmig) oder zur Herstellung molekularer Verbindung.
  5. Molekül — Dieser letzte Schritt zeigt die Bildung der Moleküle, entweder als Kristalle, Metalle oder Salze bzw. Nichtmetalle.
  6. Universum — Das sich ausdehnende Universum, welches wahrscheinlich in Ausdehnung und Kontraktion einen Rhythmus von 80 Milliarden Jahren beschreibt.
  7. Galaxie — An den Schnittpunkten fast leerer Raumkugeln entstehen die Galaxien. Sie kreisen um ein Schwarzes Loch.
  8. Sonne — Unter Ablauf verschiedener Transformationen beginnen die Sonnen ihren Lebenslauf in den Armen der galaktischen Spirale.
  9. Erde — Senkrecht zur Bewegungsebene des Spiralarms gliedern sich die Planeten um die Sonne und umkreisen sie in einer flächigen Bahn, geometrisch wie eine Scheibe in einem Rohr. Ihre Masse entstammt bei unserem Planetensystem nicht aus unserer Sonne, denn sie weist nur leichte, aber nicht die zum Planetenaufbau nötigen schweren Elemente auf. Ihre Masse entstammt vielmehr dem gestorbenen Zwillingsstern der Sonne.
  10. Mond — Monde kreisen um die Planeten, um die Erde. Sie führen aber selbst keine Rotation durch.

Betrachtet man den Zusammenhang, so zeigt sich rechts und links ein Abstieg, der einhergeht mit einem zunehmenden Verlust an Energie bzw. Autonomie: Die Strahlungsenergie, das Photon (1. Licht) hat bis zu 37 Billionen Elektronenvolt; das Molekül (4.) aber nur noch 27. So zeigt der linke Kreisbogen einen Abstieg an Energie: Strahlung — Elektromagnetismus — chemische Energie. Der Makrokosmos von der Galaxis über Sonne, Erde bis zum Mond zeigt eine kontinuierliche Vergrößerung der Abhängigkeit in der Gravitation.

Der Nullpunkt vereint Quanta und All. Er ist der Ursprung der starken Kräfte, die der beharrenden Struktur zahlenmäßig zugrundeliegen.

Die vierte Stufe vereint Molekül und Mond. In dieser Vereinigung entsteht die Autopoiese, die Fähigkeit der Nukleotiden durch Teilung der Urzelle Organismen zu entfalten, deren Stufen nun im Aufstieg die verschiedenen Naturreiche bis zu den Menschen und darüber hinaus bis zum Gottesbewußtsein entwickeln, wie dies Arthur M. Young dargestellt hat. Das Gesetz der Moleküle ist die Verbindungsfähigkeit der Atome gemäß ihrer Wertigkeit. Die Edelgase mit acht Elektronen im Außenring stellen die Grenze dar. Gesättigte Verbindungen entsprechen in ihrer Konfiguration den Edelgasen, so z. B. Wasser (H₂O) und Salz (NaCl). Hier ist die Beziehung zum Mond, der offensichtlich durch seine Schwerkraft die Gezeiten der Meere und im Zusammenhang mit der Sonne auch das Wetter auf der Erdoberfläche erzeugt. Aus dem genetischen Code bildet sich im Zusammenkommen einer Samenzelle und einer Eizelle die Urzelle, welche die Struktur des Ganzen trägt.

Es muß also die Subjekthaftigkeit der Quanten (0. Stufe), der Ursprung aus dem Nichts, über die drei Energiestufen hinunterwandern, um hier als Autopoiese das entropische Material zu einer höheren negentropischen Struktur zusammenzufügen. In jedem Organismus ist die autopoietische Struktur, die Individualität gegeben. Doch in ihrer Teilung blockt die einzelne Zelle alle anderen Möglichkeiten, als die jeweils spezifische (z. B. eine Leberzelle zu werden) ab. So müssen wir drei Faktoren annehmen: a) das Ei, b) der Same und c) die Autopoiese, die Entfaltungsmöglichkeit des Organismus.

  • DNS — Die Zelle hat im molekularen Bereich nur die Möglichkeit der Teilung, des Wachstums und der Vermehrung. Entscheidend für die Autopoiese ist die Besinnung auf die Einzelligkeit, welche das einzige entwicklungsfähige Subjekt ist.
  • Pflanze — Die nächsthöhere Stufe ist die Zellorganisation der Pflanze. Im Unterschied zum Kristall ist sie oben und unten verschieden. Über die Achse Oben-Unten nimmt sie Sonnenenergie auf (Krone) und ist mit dem Stamm auf die Erdmitte bezogen. Total umweltabhängig, entfaltet sie sich nach Maßgabe der Umgebung. Sie wechselt zwischen Samenhaftigkeit (fühlen) und Gestalt (Körper). Die Autopoiese wird hier zur Aufrechterhaltung der Gestalt.
  • Tier — Das Tier ist aber Fressen und Gefressenwerden in den kosmischen Stoffwechsel eingegliedert. Zusätzlich zur Achse Oben-Unten unterscheidet das Tier die Achse Vorne-Hinten. Es unterliegt in seinem Verhalten den vier Trieben. Sinne und Triebe schaffen eine sensomotorische Einheit; Selbst- und Arterhaltung wirken zusammen. Im Unterschied zum Rhythmus der Pflanze, die im Wechsel von Tag und Nacht gleichsam ein- und ausatmet, ist das tierische Leben auf den Sonnenlauf bezogen, wie beispielsweise bei den Zugvögeln zu sehen ist.
  • Mensch — Beim Menschen nun tritt zu den beiden Achsen Oben-Unten, Vorne-Hinten noch die Unterscheidungsfähigkeit Rechts-Links, also Traum und Wirklichkeit, Raum und Zeit hinzu. Sie werden durch die Sprache als Motivation und Intention voneinander getrennt, und der Mensch hat die Fähigkeit der Wahl: Er kann zu einem Motiv oder zu einer Intention sowohl nein als auch ja sagen. Das Milieu des Menschen ist die sprachliche Kultur, zeitlich beschreibbar als soziokulturelle Tradition und räumlich als Kreis der gesellschaftlichen Funktionen.
  • Gott — Allbewußtsein — Doch der Zusammenhang der Menschen ist die Gattung, die den einzelnen umfaßt und über den Tod hinausreicht. Somit ist die höchste Stufe (die Null) das Allbewußtsein oder kosmische Bewußtsein, welches das Leben als Brücke zum Großen Ganzen umschließt und wo die Autopoiese, in den Worten von Gurdjieff, das kosmische Individuum erschafft.

Ebenso wie die Abfolge der Stufen ist diese hier dargestellt Ordnung mittlerweile unbezweifelt. Sie steht zwischen den vier Kräften: Elektromagnetismus und Gravitation sowie Starke Kräfte und — anstelle der schwachen Wechselwirkungen — Autopoiese als Kennzeichen des Lebens.

Damit wird die Sicherheit der mythischen, mittelalterlichen Schau auf logischer Ebene wiedergewonnen, sobald wir verstehen, daß der Mensch im Gewahrsein alle Stufen bewußt integrieren muß. Doch welche Wege einer solchen Integration aller Bewußtseinsstufen/Evolutionsstufen lassen sich finden? Hierzu möchte ich dem Leser in enger Anlehnung an das Rad einige praktische Anregungen geben.

Das Rad ist die geometrische Veranschaulichung aller natürlichen Systemik und liegt als Raster allem menschlichen Wahrnehmen und Verstehen zugrunde. Es zeigt die fünf Bewußtseinsstufen des Menschen gemäß den Frequenzen der Gehirnströme sowie entsprechend den fünf mathematischen Dimensionen. In fünf Schritten wollen wir nun den Abstieg herunter bis zur Urzelle, dem DNS-Bewußtsein bzw. der Kraft der Autopoiese beschreiben. Jeder Schritt zeigt zwei Komponenten: a) die sachliche Charakterisierung der jeweiligen Bewußtseinsschicht mit dem Ziel der Klärung des Verständnisses; b) praktische Hinweise, wie der Leser in Vision, Gespräch und Ritus jede Bewußtseinsschicht bewußt erfahren und existentiell integrieren kann.

Arnold Keyserling
Rückkehr des Selbstverständlichen · 1984
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD