Schule des Rades

Arnold Keyserling

Mystisches Wissen der alten Griechen

Meine Damen und Herrn!
Die geistige Entwicklung vollzieht sich im Moment mit großer Geschwindigkeit. Ich komme gerade von einem Kongreß der humanistischen Psychologie aus London zurück. Ich habe dort Rupert Sheldrake sprechen gehört, der eine Theorie entworfen hat, daß das persönliche Gedächtnis eines Menschen nicht im Körper ist, sondern in einem morphogenetischen Feld. Und dieses Feld sei sozusagen unser Subjekt. Er sagt, daß wenn z. B. eine gewisse Anzahl von Menschen von einer neuen Entdeckung hören, dies plötzlich allgemein verständlich wird. Oder ein anderes Beispiel: Von der Physik aus gesehen, gibt es keine Möglichkeit Form zu erklären, auch die Form des Kristalls nicht. Es ist eine langjährige Erfahrung, daß bei der Züchtung neuer Kristallformen, die Kristallbildung zuerst sehr schwer und nachher immer leichter vor sich geht. Wenn sich die Theorie von Sheldrake als richtig erweist, was ich für sehr wahrscheinlich halte, so ist der Beitrag jedes Menschen, jedes Wesens zum Fortschritt der Evolution etwas außerordentlich wichtiges. Jedes Leben erhält dadurch einen ganz anderen Sinn; aber auch jeder von uns kann dieses — man kann ruhig das Jung‘sche Wort nehmen — kollektive Unbewußte anpeilen.

Warum erwähne ich das? Weil die entscheidenden Schritte der Wassermannzeit — des neuen Zeitalters — durch die Naturwissenschaften gekommen sind, nicht durch die geistige Tradition. Weil uns die Naturwissenschaft gezeigt hat, daß die letzten 500 Jahre der galileischen Begrenzung nicht stichhaltig sind, und daß wir sehr viel mehr verstehen können, wenn wir unsere Paradigmen, d. h. die Vorstellungen über die Welt verwandeln. Über einige dieser Veränderungen möchte ich heute sprechen, und sie später am Abend auch erleben lassen.

Das zur Zeit bedeutsamste Thema ist eigentlich, daß seit zwei Jahren das Wissen der Altsteinzeit wieder in den Vordergrund des Interesses geraten ist. Zum Teil ist dies Swift Deer und anderen Indianern zu verdanken, die uns in manchmal eigenwilliger Form die Tradition der Altsteinzeit nahe gebracht haben. Zum Teil war es aber auch die Entwicklung der Bewußtseinsforschung und der Psychologie und zwar aus folgendem Grund: Sie wissen, daß wir Menschen über drei konzentrisch ineinander verlaufende Gehirnsysteme verfügen.

N e u r o l o g i e

Wir haben das Stammhirn gemeinsam mit den Reptilien; wir haben das limbische System gemeinsam mit den Säugetieren; und wir haben als Menschen allein den Neocortex.

Das Stammhirn befähigt uns ohne Mühe zu lernen. Kinder lernen Sprachen ohne jede Schwierigkeit, weil sie sie spielend durch Bewegung erlernen. Manche von Ihnen werden Jean Houston und ihre Arbeit mit dem kinästhetischen Körper kennen, wodurch sie vor allem für alte Menschen das Gedächtnis wiedererwecken kann. Nun ist das Stammhirn zusammen mit den Kleinhirn und dieses kann eine beliebige Menge von Bewegungen integrieren. Doch wir sind darin durch unsere Erziehung alle sehr eingeschränkt worden.

Machen wir zum Beweis einen kleinen Test.

Seien Sie doch bitte so lieb und nehmen Sie einmal Ihre beiden Zeigefinger in Brusthöhe. Und jetzt versuchen Sie sie gegeneinander zu drehen. Gegeneinander!

Nun, was heißt das, daß viele es nicht schaffen gleichzeitig den einen Finger rechtsherum, den anderen linksherum zu drehen? Wir sind so gewohnt nur linkshirnig zu sein, daß wir nicht mehr dissoziieren können.

Der moderne Tanz hat begonnen mit Émile Jaques-Dalcroze. Er hat gezeigt, daß ein Tänzer zuerst einmal imstande sein muß beide Arme, beide Beine, und den Kopf gleichzeitig verschieden zu bewegen. Dazu erklärt Moshé Feldenkrais, jede Art von Bewegung, die nicht von der Körpermitte ansetzt, wird Gedanken und Gefühle beherbergen, die mir nicht mehr zugänglich sind. Also ist das sogenannte primitive Reptilhirn oder körperliche Hirn nicht etwas Unwesentliches, sondern etwas außerordentlich Wesentliches! Es wird unter anderem nie krank. Sobald wir imstande sind es wiederzuerwecken, haben wir die Fähigkeit des Kindes wieder gewonnen.

Das limbische System oder das Säugetierhirn arbeitet vor allen Dingen nach den beiden Kriterien ‘Wiederholung von Lust’ und ‘Vermeidung von Schmerz’. Es ist imstande ein affektives Gedächtnis zu bilden. Hier beginnt nun ein großes Problem: das Wort limbisch. Auf französisch heißt le limbe das Fegefeuer. Fast unser ganzes Unglück kommt davon und zwar aus folgendem Grund.

Im Tierreich ist alles Lust, was der Gattung dient und alles was instinktiv ist. Alles was das Individuum abschließt von der Gattung, ist negativ. Aber beim Menschen ist die Sprache der soziale Pol geworden. Aus diesem Grund ist jetzt folgende absurde Situation entstanden, nämlich daß die Menschen die Sprache als das Soziale schlechthin betrachten und die Beziehung zu den Instinkten unterdrücken. Das geht dann bald in allen Kulturen soweit, daß die Geschlechtslust selbst fast immer aus sogenannten spirituellen Gründen verneint wird.

Über dem limbischen System gibt es nun das corticale System. Es hat vier Richtungen:

G e h i r n s t r u k t u r

  • in der linken Hemisphäre die Erfahrung der Sinne,
  • in der rechten Erfahrung des Traumes und Triebe,
  • im hinteren Teil, und zwar rechts und links, die Erfahrung der Sprache,
  • im Vorderhirn, als Zentrum des Gewahrseins, den dauernden Wechsel zwischen Beobachtung und Erinnerung, der die ganze Zeit vor sich geht.

Wenn ein Kind spielt, so spielt es zunächst einmal im Einklang mit den Träumen, ohne jegliche Problematik. Eines gewissen Tages beginnt nun die Erziehung und zwar die affektive Erziehung, z. B. daß man sagt Du bekommst die Schokolade nur, wenn du vorher eine Leistung vollbringst. Damit wird beim Kind das Vertrauen in die rechte Hemisphäre gestört. Für etwa 20 Jahre ungefähr theoretisch, praktisch aber in den meisten Fällen fast für das ganze Leben verliert der Mensch das Zutrauen zu seinen Instinkten und Trieben und sucht fortan Bestätigung im Mitmensch. Es hat zwar inzwischen viele Versuche gegeben diesen Prozeß zu vermeiden und die Kreativität des Kindes durch andere Erziehungsmethoden aufrecht zu erhalten. Aber mehr oder weniger alle sind gescheitert. Die Bewußtseinsforschung beschreibt diesen Erziehungsmechanismus folgendermaßen:

Für das aufwachsende Kind gilt es zunächst den local cultural consensus, daß was in der jeweiligen Kultur üblich ist, zu erlernen, um dann frei wirken zu können. Aber wir in Europa scheinen etwas vergessen zu haben: das freie Wirken! Das heißt diese Gesellschaft der Schule, der Klasse, der Kompetition wurde nun plötzlich auf die ganze Zivilisation erweitert und der entscheidende Schritt wurde vergessen. Es ist der Schritt vom Gesellen zum Meister, bei dem es sich nämlich darum handelt, daß der Mensch die Öffnung zur Natur wiedergewinnt.

Initiation galt bis vor wenigen Jahrzehnten als eine Illusion, die durch den Fortschritt der Wissenschaft überwunden werden könne. Doch auf einmal zeigt sowohl die Psychologie, als auch die Pädagogik, als auch die Bewußtseinsforschung, daß unser Problem in der Computergesellschaft, in der alles Wiederholbare schneller und besser von Maschinen durchgeführt werden kann, genau in folgender Frage steckt:Wie finden wir den Zusammenhang, den das Kind (rechtes Gehirn) instinktiv hatte, wieder und zwar auf bewußter Ebene?

Das ist eigentlich das Problem, das man nicht mehr psychologisch oder sonst wie bezeichnen kann. Man kann es eigentlich überhaupt nicht mehr bezeichnen — außer als menschlich!

Arnold Keyserling
Mystisches Wissen der alten Griechen · 1984
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD