Schule des Rades

Arnold Keyserling

Orphisches Urwissen

Wir leben in einer Zeit europäischen Niedergangs. Nie war unsere Kultur so richtungslos wie heute, und als entscheidende Mächte wirken Amerika und Rußland. Sie sind beide aus europäischem Geist geboren, beschränken sich aber auf gegensätzliche Einstellungen, die mit der Geschichte wenig zu tun haben. Die politische Macht Europas ist verschwunden; und obwohl die Menschen einen nie gekannten Wohlstand besitzen, ist der Sinn der Lebens sowohl persönlich als auch kollektiv ungreifbar geworden. Die herrschenden Ideologien in Ost und West haben keine transzendenten Ambitionen. Ihnen geht es um die Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen, die sie entweder durch gemeinsame Planung im Osten, oder durch persönliche Initiative im Westen durchsetzen wollen.

Die negative Bedrohung der Erde durch diesen Gegensatz ist offensichtlich. Betrachtet man ihn aber positiv aus biologischer Sicht, so kann man sagen, daß der Mensch in der technologischen Gesellschaft der Wassermannzeit zum ersten Mal zu seiner Rolle in der Natur gefunden hat. Das Leben ist nicht mehr Form, sondern konnte virtuell jedem die Möglichkeit geben, seinen eigenen Sinn zu verwirklichen, wenn er nur wüßte, wie er diesen fände. Soziale Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Ablehnung des Persönlichkeitskultes und falscher Hierarchien sind Lippenbekenntnis sämtlicher Nationen. Das rationale Denken hat überall die bloße Meinung abgelöst. Was nicht kritisch begründet werden kann, findet keine offizielle Anerkennung. Gleichzeitig ist aber das Verhältnis zu Tod, Läuterung und nachtodlicher Existenz immer mehr verdrängt. Selbst die Kirchen verstehen sich heute als soziale und kulturelle Institutionen oder Stätten der Therapie und Seelsorge, anstatt den tatsächlichen Sinn des Daseins zu erkennen und zu lehren. Religionsphilosophie ist zu vergleichender Wissenschaft abgesunken und das Bekenntnis zum Pluralismus, das wir in allen Kongressen hören, bedeutet, daß die Protagonisten der bürgerlichen Wissenschaft der Überzeugung sind, es könne keine verpflichtende Metaphysik geben; letzteres Wort ist sogar für viele ein Schimpfwort geworden.

Wenn eine Bewegung im Tal der historischen Welle gelandet ist, so steigt sie wieder auf. Der äußere politische und wissenschaftliche Niedergang Europas könnte die Voraussetzung seiner Neugeburt bilden — ein recul pour mieux sauter. Wir stehen vor einer Neubesinnung. Ich glaube, daß diese nur möglich ist, wenn wir an die Wurzeln der europäischen Religion herangehen, die uns durch Kenntnis anderer Überlieferungen zurück bis zur Altsteinzeit zum ersten Mal verständlich werden kann.

Die Wurzeln der abendländischen Religion — ich verwende das Wort in seinem lateinischen Sinn als Rückbindung zur Natur, zum All und zur Transzendenz, also nicht beschränkt auf Gott — liegen in der Orphik, jener seltsamen Geisteshaltung, die zwischen dem achten und fünften vorchristlichen Jahrhundert das ionische Kleinasien beherrschte. Wir wollen Ihre Grundzüge in wenigen Sätzen zusammenfassen.

  1. Der Mensch lebt nicht in einer zweigeteilten Weil wo er den mythischen Göttern ohnmächtig wie bei Homer gegenübersteht und nach dem Tode in die Hoffnungslosigkeit der Schatten des Hades absinkt, sondern hat einen geistigen Wesenskern, für den das Leben im Durchlaufen einer Vielzahl von Wiedergeburten einen Aufstieg bedeutet um dereinst auf einer höheren himmlischen Existenzebene Mitarbeiter des Göttlichen zu werden.
  2. Himmel und Erde, Sonne und Mond sind göttliche Wesen, die den Menschen auf seinem Weg unterstützen, sobald er sich entschließt, die Existenz als Läuterung, als fortschreitende Integration aufzufassen. Nichts auf der Weit ist negativ zu verstehen, alles ist berechtigt, doch steht jedes Wesen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe. Die Entwicklung hat ein Ziel. Sie vollzieht sich nicht durch Nachfolge, durch Erlernen einer heiligen Sprache, die Riten, Gebärden, Musik und Worte umfaßt.
  3. Der göttliche Urgrund ist gleichzeitig Nichts und Etwas, das einende Eine, verwirklicht sich aber auf der Welt über die geschlechtliche Vereinigung, visionär geschaut in Schlange und Weltenei, aus deren Verbindung der Reichtum der Schöpfung entsteht. Nur wenn der Mensch beide Wurzeln anerkennt — Apollo und Dionysos — kann er den Aufstieg zur Unsterblichkeit, zu Aletheia, wagen.
  4. Die Sprache und der Gesang sind die Mittel zum Erreichen der Wahrhaftigkeit, wie als erster der Sänger Orpheus erkannte; selbst im Tode sang sein Haupt noch weiter. Ihm gelang es, die Kommunion mit Steinen, Pflanzen, Tieren, Geistern und Göttern zu artikulieren, also das verlorene wiederzufinden — mit anderen Worten, die schamanische Tradition des Animismus auf bewußter Ebene zu begreifen und zu verwenden.

Sein Hauptziel war die Befreiung von Eurydike — der Name bedeutet gutes Gesetz — aus dem Hades, dem Ort ewiger Wiederholung. Fast gelang es ihm, die Geliebte zu holen; doch er scheiterte als er sich nach ihr umkehrte. So ist das offensichtliche Ziel der Orphik, sich nicht zur Vergangenheit zu wenden, sondern auf die Zukunft hin zu leben, weil nur dieser Art der Mensch die Befreiung erreichen kann. Das Erlernen der orphischen Harmonik als der Sprache der Musik galt als jener Weg des Wissens der den Tod endgültig überwindet.

Die Hauptstätte der Orphik waren in Kleinasien geographisch im Kreuz.

Auf der Insel Kos war das Heiligtum des Asklepios, mythisch der Sohn Apollos mit einem Stab, um den sich eine Schlange hinaufwindet einem Ei zu, und begleitet von dem Zwerg Telesphoros. Ich habe in Das Nichts im Etwas das Ritual genau geschildert und werde mich hier auf die wesentlichen Punkte beschränken.

Der Sinn des Lebens ist nicht zu schaffen, sondern zu empfangen. Hierzu muß der Mensch, der sich auf den Weg begibt einen Traum haben oder eine Krankheit, zu deren Verständnis er Hilfe braucht

  • Mit diesem Anliegen kam er zum Torhüter des Asklepieion, der ihn nur einließ, wenn es ein großer Traum war.

Nun vollzog sich eine Einweihung über verschiedene Stufen:

  • Als zweites zog sich der Adept nackt aus und wusch in einem Becken die Vergangenheit von sich ab — später in der christlichen Taufe nachgebildet.
  • Als drittes fastete er in einer Zelle, um die vier Elemente Feuer, Erde, Luft Wasser, oder als Temperament cholerisch, melancholisch, sanguinisch und phlegmatisch, zu harmonisieren.
  • Als viertes trat er zu den Tempeln des Mondes — Hygieia mit Eros-Hypnos und der Sonne — Pan, um sich von seinen Eltern zu lösen und das Weibliche und Männliche als eigene Heiler zu erleben.
  • Als fünftes legte er sich im Tempel auf eine vorbereitete Liegestatt, verfiel in Tiefschlaf und der Schlangengott Asklepios — der männliche Aspekt der Erde in ihrem Verhältnis zur Sonne, zu Apollon — offenbarte ihm über Telesphoros, dem Bringer des Zieles, jene Aufgabe, über die er bereits auf der Erde für die Menschheit und den Himmel wirken konnte. Als Verwandelter, als Initiierter, kehrte er dann in die Welt zurück.

Der Schritt von Mythos zum Logos wurde in Kos durch Hippokrates einem direkten Nachkommen des Asklepios, vollzogen, als dieser erkannte, daß nicht nur die Vision, sondern auch die Heilmittel der Natur hilfreich sein können.

Das Heiligtum, dessen fünf Stufen heute noch stehen, ist von Norden nach Süden an einen Berghang gebaut. Der Pilger erfuhr in der Tiefschlaf-Vision seine eigene Sonne, seine Fülle im Süden, wodurch er Mitwirker des Göttlichen wurde.

Im Norden zu Ephesos war der Tempel der großen Mutter und der Mondgöttin Artemis. Die Göttin wurde mit unzähligen Brüsten zum Zeichen ihrer bergenden und nährenden Rolle dargestellt: der weibliche Aspekt der Heilung durch Erde und Mond. Der Tempel lag in einem Sumpf, gleichsam einer fiebrigen Landschaft, weil Krankheit nicht nur Verfall, sondern auch ein Schritt zu einem höheren Gleichgewicht sein kann.

Die Riten von Ephesos waren auf Raum und Zeit, Sonne und Mond, die acht Richtungen und die zwölf Tierkreiszeichen geeicht. Der Überlieferung nach herrschten hier früher die Amazonen, die einen weiblichen Kult pflegten und durch die patriarchalische Religion unterworfen wurden. Dennoch blieb Ephesos der geheiligte Ort der Vertiefung zur Erdgöttin. Während also die Sonne von der Erde her in Kos über den Schlaf und die Offenbarung erkannt wurde, richtete sich der Mensch im Erdheiligtum über seine Phantasie des Mondes auf jene Richtungen und Zeitpunkte, da es ihm möglich wird, Kräfte und Wesen des Jenseits anzusprechen und zu beschwören.

Der Schritt vom Mythos zum Logos wurde hier von Heraklit vollzogen, der im Feuer das wandelnde Prinzip erkannte und den Gegensatz als Ursprung der seelischen Befreiung erlebte: Alles fließt, und nur jener, der sich dem Werden anvertraut, gelangt bis auf den Grund der Seele.

Im Südosten war der Eingang zum Hades am Fluß Acheron. Das Heiligtum wurde erst vor kurzem ausgegraben und gleicht den indianischen Kivas. Dort war der Ritus auf den Verkehr mit den Toten gerichtet, es gab keinen Schritt zum Logos, auch Orpheus kehrte ohne Eurydike von seiner Reise zurück.

Die Mitte zwischen Südost und Nordwest, Nord und Süd, bildete geographisch die Stadt Milet wo die Philosophie geboren wurde: Thales begründete die Geometrie, Anaximander die Arithmetik und Anaximenes die Wissenschaft, als er erkannte, daß alles Wissen notwendig mathematisch ist. So schufen sie die erste Erkenntnis, die nicht unmittelbar einem strategischen Zweck diente, sondern den Menschen zum eigenen Denken befreite.

Im Nordwesten vollendete Pythagoras den orphischen Ansatz: er erkannte den Ursprung der Mathematik, im Rad den Zusammenhang allen Denkens und gründete, in Unteritalien eine Bruderschaft des orphischen Weges, die das Wissen des Rades rituell lebte. Doch der Erfahrungsschatz der Schüler des Pythagoras war zu gering, sodaß sie willkürlich ergänzten, wo sie nicht wußten. Sie fielen in den Mythos zurück und der Bund wurde zerstört, weil er dem Zeitgeist nicht mehr entsprach.

Erst wenn etwas zerstört ist kann man dessen Wert erkennen. So führte die Eroberung der ionischen Städte durch die Perser zur Begründung der Philosophie als Methodik und Systemik des Denkens in den später so bezeichneten artes liberales: Rhetorik, Grammatik und Dialektik bildeten als Trivium die drei Wortwege; Geometrie, Arithmetik, Astrologie und Musik als Quadrivium die vier Sachwege. Sie hießen die freien Künste im Gegensatz zu den angewandten wie Politik oder Schreinerei, da sie nicht auf praktische Ziele, sondern auf die Bildung der Seele gerichtet waren: das Erbe der Orphik.

Orpheus war die Rückkehr der Eurydike verwehrt worden: in der Kreuzigung und Auferstehung Christi wurde die Erlösung vollzogen. Drei Nächte und Tage weilte Christus im Hades, die Zeitspanne der Verfinsterung des Mondes, auch in Kos Zeit der Heilung bei unheilbar Kranken. So war nun auch der Südosten befreit, und im Fleisch gewordenen Wort des Menschensohnes Christi hatte fortan der Orphiker die Möglichkeit, seinen Weg in vollem Wissen zu gehen.

Der Christ hatte die Gewißheit der Auferstehung im Osten, Christus erklärte: Lasset die Toten die Toten begraben; damit wurde der Abstieg zum Hades sinnlos. Christus war Gott und Mensch in einer Person, hatte mit der Taufe im Jordan das höhere Selbst mit dem niederen vereint; er konnte durch das Wort heilen.

Maria hatte ein Kind geboren das imstande war, Gefäß des göttlichen Wortes zu werden; damit stand sie höher als die Diana von Ephesos, und wurde der Überlieferung nach auch dort begraben; somit war auch der nördliche Ort der Orphik einem höheren Zusammenhang eingegliedert.

Telesphoros zeigte in der fünften Stufe des Asklepios-Mysteriums nur dem Einzelnen seinen Weg im Ganzen. Mit der Ekklesia als mystischen Leib wurde durch die Taufe für jeden der Weg zur kosmischen Aufgabe eröffnet, den er in Nachfolge jenes Heiligen, auf dessen Namen er getauft war, verwirklichte.

Somit waren Südosten und Norden existentiell auf eine neue Ebene des Bewußtseins gehoben. Im Westen und in der Mitte wurden die artes liberales als Nachfolger der Philosophie fortan als Ausbildung verstanden, um die heilige Schrift zu begreifen und die Nachfolge zu erreichen. Das Studium dauerte bis zum 34. Lebensjahr; erst dann war der Adept berufen, selbst als Magister eine theologische Schule zu eröffnen.

Bis zu Karl dem Großen blieben die Künste die entscheidend Ausbildung und die Liebesgemeinschaft der Christenheit erwies sich stärker als die griechische Polis und der römische Staat.

Da nun aber die mythischen Vertreter der Antike sich ebenso wie die zu Gnostikern gewordenen Orphiker gegen den Mangel an Wissen in der christlichen Liturgie wandten, trat das Wissen in Gegensatz zur Offenbarung. Wie Friedrich Heer betonte, ist seither die europäische Geschichte der fortlaufende Weg von der Häresie, einer neuen Teilwahrheit, zur Orthodoxie, der Aufnahme in den Glauben.

Bis ins hohe Mittelalter blieb der Pilger das Ideal des Menschen. Doch seit Beginn der scholastischen Philosophie wurden die freien Künste nicht mehr in ihrer Reinheit gelehrt und an ihrer Stelle traten die philosophischen Summen, die die Überlieferung und den gesunden Menschenverstand auf gleicher Ebene wie die Systemik der Orphiker lehrten. Der Glaube war nur noch Bekenntnis, alles Wissen mußte ihm untergeordnet werden. Sehr schnell übernahmen die Machtträger die dualistische Struktur des Altertums in ideologischer Form. Der persönliche Weg zur Wahrheit war nicht mehr gangbar, und so entfalteten sich auch die Naturwissenschaften als Nachfolger der freien Künste im Gegensatz zur Kirche. Ihr soziologischer Schwerpunkt war der dritte Stand der Bürger, der mit der Renaissance ein neues Weltbild schuf, das der Offenbarung gegenüber skeptisch blieb und mit der Aufklärung sowohl den Glauben als auch die Esoterik über Bord warf.

Heute nun sind die freien Künste an der Universität verschwunden; es gibt nur praktische Wissenschaften mit ihrer Propädeutik, zu der auch die Mathematik gerechnet wird. Die erkenntniskritische Rolle der Astrologie und der Musik wird von den Wissenschaften nicht weniger bekämpft als früher von der Kirche. Somit mündete die abendländische Geschichte in einer Weltanschauung, die die Beziehung sowohl zur tatsächlichen Offenbarung als auch zur Natur, zu Apollo und Dionysos verloren hat.

Gegen diese Beschränkung wandten sich in den letzten Jahrzehnten erneut die Naturwissenschaftler die mit Einstein die newtonsche Vorstellung eherner Gesetze aufgaben und an ihre Stelle Beschreibung setzen; und ferner die Tiefenpsychologie, die die Notwendigkeit einer persönlichen Reifung neben der formalen wissenschaftlichen Ausbildung fördern. Damit war der Grund gelegt um das orphische Wissen auf kritischer Ebene neu zu begründen, aus den praktisch orientierten Wissenschaften herauszulösen und als eigene Disziplin zugänglich zu machen.

Die kulturelle Anthropologie und die vergleichende Religionswissenschaft sind zu der Erkenntnis gekommen, daß wir zum Verständnis des Menschen in seiner kosmischen Bezüglichkeit fremde Traditionen genauso berücksichtigen müssen wie die europäische: diese muß durch indische, chinesische, afrikanische, indianische und auch altsteinzeitliche Erkenntnisweisen ergänzt werden. Biologisch sind alle Menschen gleich, die Vorstellung höherer und niederer Rassen hat sich als falsch erwiesen. Die Theorie des Marxismus und des amerikanischen Pragmatismus sind keine echten Gegner der Offenbarung. Beide sind sie auf die biologische Natur des Menschen gerichtet, dessen Stellung in der Welt sie auf gegensätzlichen Wegen, wie schon gesagt, zu verwirklichen trachten. Somit ist die Bahn frei für eine Neubestimmung des Lebenssinnes, die den Menschen sowohl physisch als auch geistig dem All einordnet — eine höhere Oktave des orphischen Wissens, das nicht nur die christliche Überlieferung, sondern auch alle anderen in ihrem Wert erkennt und bejaht.

Arnold Keyserling
Orphisches Urwissen · 1985
© 1998- Schule des Rades
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