Schule des Rades

Dago Vlasits

Wege des Rades

Verhalten und Kommunikation der Menschen vollziehen sich überwiegend nach dem Muster der sechsfältigen Urfamilie von Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Sohn und Tochter. Man ist in einem Abhängigkeitsverhältnis wie Sohn und Tochter, gleichgestellt wie Bruder und Schwester oder in einer übergeordneten Position, wenn man etwa väterliche und mütterliche Funktionen übernimmt. Doch oberhalb dessen, oder vielmehr in der nullhaften Mitte dieses bedingenden Seelenkreises, gibt es das freie Subjekt. Es befähigt zur Begegnung als Freund, den anderen in seiner möglichen Vollendung bejahend und fördernd.

Wie in den Tiergesellschaften unterliegt also auch das soziale Geschehen zwischen Menschen gewissen Mechanismen, unabhängig davon, ob nun eine mehr demokratische oder eher patriarchalische Verfassung dem Gemeinwesen zugrundeliegt. In jeder Gesellschaftsform gibt es die Träger von Macht im Bilde des saturnischen Vaters, deren Kompetenz Achtung verlangt, und ebenso anerkannte Autoritäten im Bilde der jupiterischen Mutter, welche auf Grund ihrer integrativen Kraft und Glaubwürdigkeit geschätzt und verehrt werden. Die Erwachsenenwelt ist weiters geprägt durch den energischen Wettstreit im Bilde des marsischen Bruders, sowie durch Sitten und Formen im Bilde der venusischen Schwester. Alle werteschaffende Arbeit entstammt der Geschicklichkeit und dem Unternehmungsgeist des merkurischen Sohnes, und alle Fürsorge und empathische Einfühlung resultiert aus dem nach Befriedigung heischenden Impuls der mondhaften Tochter.

Die seelische Dynamik der Urfamilie ist also systemerhaltend, die sechs Rollen bilden einen Zusammenhang, welcher optimale Stabilität gewährleistet. Eine energetische Optimierung, die sich im Rahmen der Sechsfältigkeit ergibt, findet man auch im Bereich der organischen Moleküle. Kohlenstoff (C), die atomare Grundlage des Lebens, hat eine seiner stabilsten Bindungen im Benzol (6C), einer für den Menschen giftigen Flüssigkeit. Die 6 Kohlenstoffatome dieses Moleküls besitzen die sogenannte aromatische Bindung mit sechs delokalisierten Elektronen, sie ist die energetisch günstigste und somit die stabilste.

Ebenso zwanghaft wie die molekulare Welt organisiert sich das seelische Feld der menschlichen Beziehungen nach diesem sechsfältigen Muster. Nicht nur in der Familie als Keimzelle der Gesellschaft zeigen sich diese sechs als biologische Rollen, auch in der Gesellschaft als ganzes finden sie ihren Niederschlag in Form von Institutionen und Normen. Für das Individuum sind es sechs mögliche Haltungen, welche im Zuge der vielfältigen Kommunikationsprozesse eingenommen werden können. Keinesfalls darf aber die Bienenwabe der Urfamilie als eine Art platonisches Ideal verstanden werden. Nicht die Vollendung der sechs Rollen ist anzustreben, sondern die leere Mitte des spontanen Subjekts. Die sechs Rollen wirken wie Attraktoren, welche menschliches Verhalten zwanghaft in ihren Bann ziehen und prägen. Es sind die Motive, welche die Austauschprozesse der Gesellschaft auf niedrigstem Niveau antreiben und stabilisieren. Während aber in Tiergesellschaften Stabilität und Reproduktion des Gleichen ein friedliches Zusammenleben gewährleistet, führt dies bei dem auf Entfaltung angelegten menschlichen Wesen zu Stagnation und Zerstörung. Die Triebhaftigkeit der Tiere steigert sich nie ins Maßlose, Arterhaltung und Selbsterhaltung sind immer im Gleichgewicht. Der Mensch aber bedarf einer besonderen Wandlung, um beide Pole ins Gleichgewicht zu bringen. Er muß hinter die Motive der Selbsterhaltung treten können und jedes Motiv mit einer arterhaltenden Intention oder Vision verbinden. Dann wird der Machttrieb zum kompetenten Verantworten, die ausschließende Eifersucht zur integrierenden Autorität, die abstoßende Eitelkeit zur ansprechenden Form, die mörderische Konkurrenz zur mutigen Initiative, die kindliche Habgier zum effektiven Arbeitsvermögen, und der lügenhafte Wahn, fremde Umstände seien am eigenen Unglück schuld, was zu Abhängigkeit und Süchten aller Art führt, wird in die wachstumsfördernde Sorge um die Wünsche und Bedürfnisse verwandelt, der eigenen wie auch jener der anderen.

Dazu ist aber die Erringung des Gewahrseinssubjekts — im Symbol der Urfamilie dessen leere Mitte — die Voraussetzung. Wird diese nicht immer wieder angepeilt, reißen einen die 6 Attraktoren mit, und das Seelische wird zum Abgründigen im Sinne des Zeichens Nr. 29 des I Ging. Die Verfallenheit an Macht, Eifersucht, Aggression, Eitelkeit, Habgier und wahnhaften Selbstbetrug sind für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft destruktiv, wenn das Gewahrseinssubjekt nicht vorhanden ist, welches hinter diese Motive treten kann und sie als seelische Funktionen der Selbst- und Arterhaltung begreift. Dabei müssen die Motive nicht verdrängt und verteufelt, sondern als unsere eigentliche Kraft anerkannt werden, welche der irdischen Körperlichkeit entstammt.

Das Tier in uns will freundlich behandelt werden. Nur wenn wir unser selbstisches Begehren ehrlich bejahen und dieser Kraft gleichzeitig ein Licht aufstecken, also selbsterhaltendes Motiv und arterhaltende Intention verbinden, wird unser Wirken konstruktiv und heilsam für uns selbst und die anderen. Mythisch ist dies in Chiron versinnbildlicht, halb Pferd und halb Mensch. Er lehrte Musik als Mathematik, Astrologie, Chirologie und die Kunst des Heilens. Asklepios, der Gott der Medizin, und Herakles, welcher durch die 12 Arbeiten Unsterblichkeit erlangte, waren seine Schüler. Nach seinem Tode nahm er den Ort des Schützen ein, welches Sternbild auf das Zentrum unserer Milchstraße weist. Somit ist im Zentauren, welcher auf das Höchste zielt, eigentlich eine Dreiheit verwirklicht, die Vereinigung von Tier, Mensch und Engel, von Selbst, Wesen und Ich. Über die Anjochung der Triebkraft und dem Empfangen der geistigen Aufgabe erschafft der Mensch den Wortleib seines Wesens, die Teilhabe am Werk der Erde.

Um eine solche Neuorientierung herbeizuführen, wie sie eben in Bezug auf die Dynamik der Urfamilie skizziert wurde, müssen Prozeßstrukturen wie dieses sechsfältige Muster aber erst einmal bewußt, das Wissen um sie erlernt werden. Doch keine der heutigen akademischen Wissenschaftsdisziplinen stellt dieses ganzheitliche Wissen zur Verfügung. Es ist auch nicht durch eine künstliche Synthese und interdisziplinären Dialog herzustellen, denn es geht dabei um eine Einheit, die niemals zerfallen ist und daher auch nicht neu zusammengefügt werden muß.

Dieses Wissens hat immer existiert, es ist das Wissen hinter dem Wissen, in vielen philosophisch-spirituellen Traditionen mehr oder weniger gut begrifflich artikuliert. In Anlehnung an den Mythos des Chiron, welcher 1977, im fünfzehnten Jahr der Wassermannzeit, als ein vom Sonnensystem eingefangener Komet ins kollektive Bewußtsein eingedrungen ist, wollen wir es als chironisches Wissen bezeichnen. Das chironische Wissen, welches heute als Esoterik ein zwielichtiges Dasein fristet, muß in der anbrechenden Wassermannzeit von der Peripherie des Privaten ins Zentrum allgemeiner Relevanz gerückt werden, weg von den obskuren Geheimwissenschaften hin zur öffentlichen Reflexion, wodurch der öffentlich-politischen Ebene eine metapolitische hinzugefügt wird. Die neu zu schaffende Sphäre der Metapolitik würde nicht bloß in pluralistischer Manier die multikulturelle Vielfalt tolerieren, sondern die transkulturelle Gemeinsamkeit des Menschlichen im Bewußtsein verankern und vertiefen. Die konkrete Form, welche die Metapolitik in einer modernen Gesellschaft besitzen könnte, ist noch zu entwickeln. In ihrer Unabhängigkeit müßte sie wohl am ehesten einen ähnlichen Status wie die heutige ästhetische Kultur einnehmen.

Auch der kräftig subventionierte moderne Kulturbetrieb versteht sich als oberhalb des alltäglichen politischen Gerangels stehend, doch seine zumeist bloß moralisierende Wirkung auf die Gesellschaft hat nicht die Kraft zur erforderlichen Umgestaltung. Ähnlich ist es um die etablierten Religionsgemeinschaften bestellt. Die hier geforderte Umgestaltung kann sich nur vollziehen, wenn ein systemisches Wissen vorhanden ist, welches als Werkzeug in alle relevanten Institutionen Einlaß findet, was nur möglich ist, wenn dieses Wissen auf eine rationale Grundlage gestellt und die Spreu vom Weizen getrennt wird. Denn zur Metapolitik kann die Esoterik nur werden, wenn aus den Überlieferungen der rationale Kern, das, was zur allgemeinmenschlichen Norm gezählt werden kann, herausgeschält wird. Doch ohne den außerrationalen Urgrund und Allzusammenhang zu leugnen, wie es ein fragmentierender Rationalismus tut. Denn auch die Erfahrung des Unbegreiflichen, in den Traditionen mit vielen Namen und als das Namenlose benannt, gehört zur menschlichen Grundbefindlichkeit, falls das Bewußtsein nicht bereits ideologisch abgeschottet ist. Gerade einer solchen Abschottung und Leugnung des Überrationalen ist der Vorwurf des irrationalen Verhaltens zu machen, und nicht der Anerkennung eines unbegreiflichen Urgrundes. Die rationale Methode selbst kann nämlich ihre prinzipielle Beschränktheit aufzeigen, am deutlichsten im Gödelschen Unvollständigkeits-Theorem, welches besagt, daß kein rationales System widerspruchsfrei und in sich geschlossen sein kann. Diese grundsätzliche Unabgeschlossenheit, also Offenheit jedes Systems, kann nun formal als Beschränktheit des Mathematisch-Rationalen akzeptiert und bedauert werden, oder aber man wird dessen gewahr, daß wir existenziell im Unergründlichen wurzeln, daß Quant, Subjekt und All dauernd aus diesem Nichts geboren werden.

In der Wassermannzeit ist das Verhältnis des Menschen zu diesem göttlichen Urquell neu zu bestimmen. Weder ist er bloß Gegenstand der Anbetung, dessen Gnade der Mensch im Bewußtsein der Gotteskindschaft erfleht, noch ist die Verschmelzung mit dieser letzten Wirklichkeit in einer endgültigen Erleuchtung anzustreben. Vielmehr ist dieser Urgrund als Teilhabe am Schöpferischen zu begreifen, durch dessen Inspirationen wir zur Mitarbeit am Großen Werk der Erde befähigt werden. Nicht die Überwindung der Welt, sondern deren Gestaltung ist fortan das Ziel, als Mitarbeiter der Evolution erwächst der Mensch aus der Gotteskindschaft zum Freund Gottes.

Diese Einstellung kann aber nicht durch ein ausschließliches Bekenntnis zu einer der traditionellen religiösen Offenbarungen verwirklicht werden. Begreift man den historischen und kulturellen Kontext, in welchem diese entstanden sind, erweist sich ihr Absolutheitsanspruch als unangebracht. Das Denken in der Wassermannzeit muß aber global sein, auch auf spirituellem Gebiet, wobei keine Tradition verworfen, sondern als integraler Bestandteil des Menschheitserbes verstanden werden muß. Diese wahre Ökumene ist durch das Rad gegeben. Hierbei handelt es sich um keine künstliche Synthese, sondern um die ursprüngliche Systemik, die aller menschlichen und natürlichen Schöpfung zugrunde liegt. Das Rad zeigt die gemeinsamen Nenner aller Traditionen und macht auch die Unterschiede verständlich, es ist das Werkzeug, um Materie, Leben und Geschichte zu begreifen.

Im Rad besitzt also die Weisheitstradition eine allen zugängliche gemeinsame Sprache, jenseits der ausschließlichen Bekenntnisse und Überlieferungen. Wir sollten heute auf keinen wiederkehrenden Christus, neuen Buddha oder letzten Imam warten, denn bei diesen Ankündigungen handelt es sich nur um mythische Formulierungen der großen Wandlung, welche für die Wassermannzeit erwartet wurde. Die geistige Erneuerung wird durch keinen charismatischen Führer oder Guru vollzogen, sondern durch jeden Einzelnen, der sich zu seinem eigenen Weg bekennt. Das Rad kann hier als Werkzeug dienen, individuell für den eigenen Lebensentwurf und als Raster der Integration aller Erkenntnis, kollektiv kann es die Kompatibilität der eigenen Weltsicht mit jenen der anderen gewährleisten.

Das Rad ist keine Ideologie oder neue Heilslehre, zu diesen verhält es sich wie die Programmiersprache zu den möglichen Programmen. Für das menschliche Subjekt ist es die Ebene des Gewahrseins, oberhalb der Ebene der vielen möglichen Inhalte des Bewußtseins. Um aber Gewahrsein zu erreichen, ist eine Erweckung, eine Einstimmung und Einübung auf das Radwissen notwendig, welches initiatorischen Charakter hat und nicht durch akademisches Lernen allein angeeignet wird.

Das Rad ist keine Konstruktion, sondern das unbewußte Mittel, welches allen Konstruktionen zugrundeliegt. Es zeigt die epistemologischen und ontologischen Konstanten und zugleich deren Identität. Als das, was sich in aller Veränderung gleichbleibt, gehört es zur wahren menschlichen Norm und hat zeitlosen Bestand. Dieses Bestehende im Wandel ist mathematischer Natur, in der Geometrie des Rades hat es sein räumliches Urbild und durch seine Arithmetik werden die zeitlichen Urprozesse verständlich.

Daß es ein derartiges Wissen überhaupt geben kann, wird heute zumeist bestritten, doch dies ist bloß als ein Vorurteil, als eine Mode des Zeitgeistes zu sehen. Gegenwärtig wird jeder Holismus kurzschlußartig mit Totalitarismus assoziiert, denn Große Theorien stehen nicht hoch im Kurs. Ihre Kritiker hören sofort die Feuer der Inquisition prasseln und im Bekenntnis zur Einheit des Alls und zur Einheit der Erkenntnis vermeinen sie schon den Aufruf zur Verfolgung der Abweichler zu vernehmen. Doch gerade das hier zur Diskussion stehende Wissen vermag jede ideologische Verengung und jeden fanatischen Idealismus zu überwinden. Denn vom Standpunkt des Rades erscheint alle Sprachschöpfung des Menschen wie Dichtungen, während das Rad dabei die Rolle der Grammatik einnimmt. Somit steht das Rad zu keiner Tradition im Widerspruch, sondern ist immer integraler, wenn auch zumeist unbewußter Bestandteil der jeweiligen Lehre.

Tatsächlich wurde aber auch das Radwissen als solches immer wieder gesucht, gefunden und als der eigentliche Schlüssel zur Erkenntnis der Wahrheit formuliert und gelehrt. Hierbei handelt es sich vor allem um jene Traditionen, welche Irdisches und Göttliches, Kosmos und Transzendenz niemals als durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt sahen, sondern immer die Einheit von All und Erkenntnis voraussetzten. Auf vorrationaler Stufe sind dies die steinzeitlichen Überlieferungen, das älteste geistige Menschheitserbe überhaupt. Der archaische Mensch ist in eine magische Natur eingebunden, durch Einstimmung auf die Rhythmen der Zeit, die heiligen Richtungen des Raumes und die Verehrung der Ahnen als direkte Verbindung zur jenseitigen Welt wird dieser Bund immer wieder erneuert. Nordamerikanische, afrikanische und australische Stämme haben dieses Wissen in mythischer Form teilweise bis heute bewahrt.

Um das 7. Jh. vor Christus, in der von Jaspers als Achsenzeit bezeichneten Epoche, kam es aber zu einer geistigen Revolution auf griechischem Boden, in welcher die Allgemeingültigkeit des rationalen Denkens als das letztlich Verbindliche für den Menschen als Sprachwesen erkannt wurde. Die Vorsokratiker, und insbesondere Pythagoras, haben durch die Mathematisierung des Göttlichen wie auch des Irdischen nicht nur den Grundstein für die rationalen Wissenschaften gelegt. Pythagoras als Erbe chaldäischen, ägyptischen und chinesischen Wissens ist auch der Begründer jener Tradition, die fortan die Erkenntnis und Erfahrung von Einheit und Sinn auf mathematischer Grundlage suchte. Von dieser Quelle wurde auch der Strom der jüdischen Kabbala und jener der islamischen Esoterik gespeist. Die ersteren, ausgehend von der Grundoffenbarung des Dekalogs aus dem Feuer auf dem Berge Sinai, ursprünglich die 10 Zahlen, welche von den Kabbalisten als Namen oder Emanationen Gottes verstanden wurden, die Muslime von der letzten kollektiven Offenbarung durch das Siegel der Propheten, Mohammed, welcher die Einheit der göttlichen Wirklichkeit verkündete, die Ordnung, neben welcher es keine andere Ordnung geben kann.

Die Fratze des fundamentalistischen Monotheismus, als welcher der Islam die heutige Welt bedroht, ist das eifersüchtige Rasen der Vereinzelung, und nicht die einende Einheit, welche Mohammed verkündete. Besser können wir in der bereitwilligen Aufnahme des Pythagoräismus durch den Islam ein grundlegendes Wesensmerkmal dieser Religion erkennen. Sie zeugt von der Offenheit allem Wissen gegenüber, für welches der Prophet den Auftrag gab, es heimzuholen, und sei es in China. Weshalb aber gerade die mathematische Tradition für die islamischen Denker eine besondere Bedeutung hatte, wollen wir kurz erläutern:

Grundlage der Wahrheit im Islam ist das heilige Buch, der Koran. Er bildet gleichsam die letzten Seiten der himmlischen Schrift, von welcher auch Judentum und Christentum inspiriert sind. Während aber etwa im Christentum die Auslegung der Schrift zu Theologie und Dogmatik führte, war die Unantastbarkeit des heiligen Wortes immer ein zentrales Gebot im Islam. Es dürfen keine Dogmen aus dem Koran extrahiert werden, doch jede Sure hat 7×7 Bedeutungen. Von dieser gleichsam semiotischen Funktion, welche dem Koran zugeordnet wurde, ist es nur mehr ein kleiner Schritt zur Mathematik. Nicht nur weil der Prophet bloß die Entwicklung dogmatischer Systeme verboten, aber niemals etwas gegen Zahlen eingewendet hat, wurde die Mathematik zum Betätigungsfeld der islamischen Denker. Die Überzeugung, daß es einen Corpus des Wissens gibt, einen Satz von Zeichen, welcher den Schlüssel zur irdischen und göttlichen Erkenntnis bildet, ließ die Zeichen des Koran im selben Licht wie die Zeichen der Mathematik erscheinen.

Nicht zu trennen vom mathematischen ist das kosmische, naturzugewandte Denken der Griechen, und ein solches durchwebt auch den Geist, in welchem der Koran geschrieben wurde. Anders als die allegorischen Gleichnisse Jesu sind die Naturbilder des Koran als essentielle Wahrheiten zu verstehen, die Natur ist die symbolische Gegenwart des Göttlichen in der Welt. Derartig legitimiert, griffen bestimmte Zweige im Islam das griechische Wissen auf, vertieften es, und beeinflußten die westliche Kultur nachhaltig, indem sie in der beginnenden Renaissance Europa seine eigenen Wurzeln in Erinnerung riefen.

Sucht man die historische Wirksamkeit des Raddenkens, findet man es in den westlichen wie auch östlichen Zivilisationen, und zeitlich reicht der Bogen von einem 40.000 Jahre alten Steinkreis in Südafrika über Pythagoras bis zu den islamischen Philosophen, welche im Mittelalter die abendländische Kultur befruchteten. Es taucht in der leibnizschen Idee einer Mathesis universalis genauso auf wie in der Mystik eines Jakob Böhme, welcher viele der hervorragendsten Persönlichkeiten des europäischen Geisteslebens beeinflußte, so etwa Schelling, Goethe, Lichtenberg oder Hegel. Überall, wo Arithmetik und Geometrie als Zugang zum Sinn und zur Ordnung des Kosmos verstanden wurden, wirkte das Radwissen, dies reicht von Goethes verspieltem Hexeneinmaleins bis zu Johannes Kepler Versuch, mit Hilfe der 5 platonischen Körper das Sonnensystem zu beschreiben. Und doch kann man nicht behaupten, es bestehe eine durchgehende Überlieferung eines vollendeten Corpus dieses Ur-Wissens. An diesem oder jenem Ort, zu dieser oder jener Zeit taucht es bruchstückhaft auf, wenn etwa eine Kreisstruktur, ein Dreieck, ein Würfel, ein Kreuz, eine Zahl oder ein Zahlensystem — oft bis zur Lächerlichkeit mit mystischen Bedeutungen überfrachtet — als Verkörperungen unsterblicher Wahrheiten betrachtet wurde. Mögen viele dieser tradierten Systeme heute naiv erscheinen, der unsterbliche, zeitlose Charakter dieses Wissens kommt aber gerade durch diese Art der chaotischen Aktualisierung im Laufe der Geschichte zum Ausdruck. Denn die Mathematik als Struktur des Gewahrseins ist eigentlich an keine Überlieferung gebunden, sondern kann jedem Menschen zu jeder Zeit spontan einleuchten.

Wenn es aber das Wissen hinter dem Wissen ist, muß es endlich und als solches auch darstellbar sein, so wie Dichtung zwar unendlich viele Bücher ermöglicht, aber die zugrundeliegende Grammatik in einem Buch beschrieben werden kann. Diese integrierte Darstellung der Gewahrseinskomponenten, der mathematischen Kriterien von Raum und Zeit, existiert in der Konzeption des Rades durch Arnold Keyserling. Warum gab es diese aber bis jetzt noch nicht? Geht man vom Astralmythos aus, welcher selbst ein Element des Radwissens bildet, kann man einsehen, daß die vollständige Bewußtwerdung des Rades erst die heutige Wassermannzeit betrifft, denn das systemische und strukturelle Denken ist die eigentlich wassermännische Einstellung. Heute erst wird die wahre geistige Demokratie verwirklicht, wobei nicht das gläubige Nachfolgen einem Meister den Weg bildet, sondern das persönliche Wagnis, einen eigenen Weg zu erschaffen. Hier wird das Rad als Anfang und Ende aller Philosophie verstanden, und Philosophie als ein erlernbares Handwerk der persönlichen Lebensgestaltung.

Doch auch eine einfache, positivistische Betrachtung des menschheitlichen Erkenntnisfortschritts zeigt, daß der Anspruch, welcher hinter dem Raddenken steht, erst in der heutigen Zeit einlösbar ist. Die Urintuition des Pythagoras und aller seiner Vorgänger und Nachfolger ist richtig, die Mathematik liegt allem zugrunde, sie bildet die kristallenen Kraftlinien der kosmischen Schöpfung, über welche sich die Vielheit der Wesen auf die Einheit und den Sinn des All einstimmen. Doch neben bestimmten wesentlichen Einsichten, wie etwa dem Zahlenkreuz Chi, welches als Werkzeug des Weltenschöpfers bezeichnet wurde, erscheint heute vieles vom pythagoräischen Erbe als bloß anempfunden und wie unbeholfene Spekulation. Es kann auch gar nicht anders sein, denn das mathematische, physikalische, kosmologische und psychologische Wissen hat erst mit den modernen Wissenschaften jene kritikfähige Reife erreicht, die notwendig ist, um diese ganzheitliche Schau zu vollenden. Mag auch das Rad selbst in einer unvollständigen Form zu jeder Zeit Einzelne, größere Gruppen oder ganze Kulturen auf ihrer Sinnsuche inspiriert haben, heute muß sein überpersönlicher und transkultureller Charakter einsichtig werden. Vor allem muß es aber auch die grundlegenden Erkenntnisse der Naturwissenschaften integrieren können. Das besondere Verhältnis des Rades zu diesen Wissenschaften besteht einerseits darin, daß das Rad in seiner Richtigkeit durch sie bestätigt wird, andererseits werden die fragmentierten Erkenntnisse der Wissenschaften durch das Rad auf eine Ebene gehoben, auf welcher sich der Mensch in einem sinnvollen Kosmos wiederfindet.

Moderne Mathematik und Naturwissenschaft haben sich ja vom ganzheitlichen Ansatz der Vorsokratiker weit entfernt, nicht Weisheit, sondern strategische Kontrolle der Welt ist ihr Ziel. Diese Abweichung kann man bedauern, doch genauso ist deren Notwendigkeit für die kollektive Bewußtwerdung des Rades einzusehen. Auf dem reduktionistischen Weg der westlichen Erkenntnis wurden jene Konstanten entdeckt, die sich in das Gerüst des Rades einfügen, wie die verlorenen oder niemals gefaßten Edelsteine einer Krone. So ist der Zahlenschlüssel des Atoms und des periodischen Systems im Rad genauso zu finden, wie es den Raster für das Verständnis eines 4-dimensionalen Raumes bereithält. Weiter spiegelt das Rad die 9 Wirkfaktoren unseres Planetensystems in einem 12-fältigen Feld, wie es auch die aller menschlichen Sprachschöpfung zugrunde liegende Grammatik einsichtig macht. Und genauso wie die Entwicklung der reduktionistischen Naturwissenschaften bildet auch der nüchterne Formalismus der modernen Mathematik keinen wirklichen geistigen Verlust. Werden die 5 Zahlenarten der Zahlentheorie ins Rad gefügt, zeigen sie die Dynamik des Bewußtseins und der Natur, die alle bisherige Zahlenmystik zu etwas Vorläufigem verblassen läßt. Im Lichte des Rades schließen sich also auch die von einem spirituellen Standpunkt aus wie Abirrungen erscheinenden Umwege der Geistesgeschichte zum sinnvollen Kreis.

Die mathematische und begriffliche Integration des Rades bedeutet aber noch keine vollständige Integration, denn für den Einzelnen ist es Gegenstand der lebenslangen Einstimmung, der dauernde Durchbruch zum inneren Organ des Gewahrseins, welches allein den Sinn des Lebens schafft. Für den Menschen, der im Rad lebt, ist nicht bloß das stille Sitzen Meditation. Ihm schließt sich alles Tun und Erleben zum sinnstiftenden Kreis, aus dessen leerer Mitte er von Augenblick zu Augenblick das Sein empfängt. So ist das Rad Gefährt und letztlich Gefährte, das Urbild der menschlichen Vollendung, zu dem die ganze Menschheit strebt, es ist der Mensch im All, der ewige Freund.

Dago Vlasits
Wege des Rades · 1995
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD